Ähnliche Werte, andere Bildungsverläufe: Flüchtlinge unter der Lupe

Ähnliche Werte, andere Bildungsverläufe: Flüchtlinge unter der Lupe
Der Auszubildende Mohammad Alhalabi aus Syrien an einer Drehmaschine bei Ford in Köln, November 2016.
Die Bundesregierung hat Soziologen beauftragt, die in Deutschland angekommenen Flüchtlinge zu befragen. Das Ergebnis ist überraschend. Die allermeisten Flüchtlinge teilen die Werte der deutschen Bevölkerung. Probleme sehen die Forscher vor allem beim Bildungsniveau.

Die Flüchtlingskrise hat die politische Landschaft in Deutschland verändert. Dass seit dem vergangenen Jahr Hunderttausende Menschen aus den Kriegs- und Krisengebieten um Europa herum ins Land kamen, verunsichert viele Menschen, nicht zuletzt auch diejenigen, deren Vorfahren selbst aus dem Ausland eingewandert sind. 

Ein wichtiger Grund für diese Unsicherheit besteht darin, dass viele Deutsche kaum persönliche Erfahrungen über den eigenen Kulturkreis hinaus haben. Um zu klären, wer die Menschen sind, die nun neu nach Deutschland gekommen sind, ließ die Bundesregierung eine ausführliche soziologische Untersuchung durchführen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) befragte eine große Stichprobe von 2.300 Geflüchteten.

Gern gesehen in der Industrie: Das Ford-Werk in Köln bildet Flüchtlinge aus.

Gestern präsentierten die Forscher in Berlin erste Ergebnisse. Gegenüber RT Deutsch fasste Professor Herbert Brücker die Ergebnisse wie folgt zusammen:

Das wichtigste Ergebnis ist, dass die Flüchtlinge der deutschen Bevölkerung in vielen Dingen sehr viel ähnlicher sind als vielfach angenommen. Probleme bestehen vor allem hinsichtlich des Bildungsniveaus und der möglichen Integration in den Arbeitsmarkt.

Zunächst gaben die allermeisten Befragten an, dass sie ihre Heimat aus Angst vor gewaltsamen Konflikten verlassen haben. Fast drei Viertel nennen konkret Krieg als Motiv für ihre Flucht. Andere wichtige Gründe sind - damit zusammenhängend - Verfolgung und Diskriminierung, sowie die Angst, zwangsweise von einer Krieg führenden Partei rekrutiert zu werden.

Besonders Flüchtlinge aus den Westbalkan-Staaten geben aber auch an, dass die schlechte wirtschaftliche Situation in ihrer Heimat der Grund war, sich auf den Weg zu machen. Insgesamt spielen jedoch wirtschaftliche Gründe eine nachgeordnete Rolle bei den Befragten.

Offensichtlich haben sich viele der Geflüchteten auch bewusst für Deutschland entschieden. Dies ist möglicherweise die Ursache dafür, dass eher die liberal eingestellten Menschen nach Deutschland kommen. Auf die entsprechende Frage gaben vier von fünf Befragten an, dass sie die Bundesrepublik als Zielland gewählt haben, weil hier die Menschenrechte geachtet werden.

Dieser Aspekt spielt besonders unter Syrern und Irakern eine wichtige Rolle. Nur ein Viertel nannte das deutsche Sozialsystem als entscheidend für ihre Entscheidung, den Weg nach Deutschland zu wählen. Fast doppelt so viele, nämlich jeder Zweite, gab hingegen an, dass das deutsche Bildungssystem und die Willkommenskultur für ihre Entscheidung ausschlaggebend gewesen seien.

Diese bewusste Entscheidung, nach Deutschland auszuwandern, trifft möglicherweise auch nur eine bestimmte Gruppe von Menschen. Tatsächlich, so Professor Herbert Brücker, unterscheiden sich die Einstellungen zu Demokratie und Lebenswelt bei den Befragten sehr deutlich von dem Durchschnitt der Bevölkerung in den Herkunftsländern.

Die größte Überraschung für das Forschungsteam bestand darin, dass die befragten Flüchtlinge in den meisten Aspekten die Einstellungen und Werte der deutschen Bevölkerung teilen.

In vielerlei Hinsicht sind liberale und soziale Werte unter den Flüchtlingen sogar leicht stärker ausgeprägt. So wünschen sich 96 Prozent als Regierungsform die Demokratie (Deutsche 95 Prozent). Ebenso viele halten freie Wahlen für wichtig (Deutsche 92 Prozent). Was gleiche Rechte für Frauen betrifft, liegen Deutsche und Flüchtlinge mit 92 Prozent genau gleichauf. 

Hingegen ist es mehr Flüchtlingen wichtig, dass die Bürger vor dem Staat und seinen Organen geschützt werden. Unter der deutschen Bevölkerung legen darauf nur 82 Prozent wert, unter den Geflüchteten sind es zehn Prozent mehr. Ähnlich sieht es bei der Sozialpolitik aus: Ganze 81 Prozent der Flüchtlinge halten es für richtig, Reiche zu besteuern und Arme zu unterstützen. Diese Ansicht vertreten unter den Inhabern eines deutschen Passes zehn Prozent weniger. 

Bei der Frage nach autoritären Tendenzen schneidet die deutsche Bevölkerung ebenfalls ähnlich ab wie die Gruppe der Befragten. Unter Deutschen wie unter den Geflüchteten wünscht sich jeder Fünfte einen „starken Führer“. Mehr als die Hälfte von beiden Gruppe meint, dass besser Experten anstatt einer gewählten Regierung entscheiden sollten.

Nur im Verhältnis zu religiösen Autoritäten zeigt sich ein leichter Unterschied: Während nur 8 Prozent der Deutschen der Meinung sind, dass religiöse Führer „das letzte Wort“ haben sollten, sind es unter den Flüchtlingen immerhin 13 Prozent.

Ein großes Problem sehen die Soziologen hingegen im Bildungsniveau der Neuankömmlinge. Hier liegt die vielleicht größte Hürde für die zukünftige Integration. Ein Viertel der Befragten hat keinen relevanten Schulabschluss vorzuweisen. Nur gut die Hälfte kann einen Abschluss nachweisen, der in Europa als „Mindeststandard“ für einen Berufseinstieg gilt, so die Untersuchung. Das heißt, sie haben im Heimatland mindestens zehn Jahre in einer Schule verbracht (Deutsche 88 Prozent).

Interessant ist dabei, dass die größte Gruppe der Flüchtlinge, nämlich die Syrerinnen und Syrer, über sehr gute Bildungsabschlüsse verfügt. Bis zum Jahr 2011 unterhielt die Assad-Regierung landesweit ein gutes Bildungssystem. Ein ähnlich hohes Niveau fanden die Forscher sonst nur bei Menschen aus dem Iran und aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.  

Bereits jetzt macht sich das Bildungsniveau mit Blick auf die Integration in die deutsche Gesellschaft bemerkbar. Je höher der Bildungsstand, desto häufiger und intensiver sind die Kontakte zur deutschen Bevölkerung, so Professor Herbert Brücker.

Allerdings spielt dafür auch die politisch umkämpfte Unterbringung der Flüchtlinge eine große Rolle. Diejenigen, die in zentralen Sammelunterkünften untergebracht sind, kommen schwerer in Kontakt mit Deutschen als diejenigen Flüchtlinge, die dezentral untergebracht sind.