Russland erlebt Wiederkehr der Religion: 29.000 neue Kirchen in 28 Jahren

Russland erlebt Wiederkehr der Religion: 29.000 neue Kirchen in 28 Jahren
In der Russischen Föderation werden täglich im Schnitt drei neue Kirchen eröffnet. Die Zahl der orthodoxen Priesterseminare hat sich in den letzten 28 Jahren um das 16-fache erhöht. Der Metropolit von Wolokolamsk spricht von einer "beispiellosen" Entwicklung.

Seit ihrer Gründung sind es stets die USA gewesen, die von sich selbst als "Gottes eigenem Land" (God's Own Country) sprachen. Der Begriff illustriert, welche Rolle die Religion für einen großen Teil der ersten Siedler und der späteren Gründerväter der Vereinigten Staaten spielte. Das Selbstverständnis der USA beinhaltete, wie Alexis de Tocqueville es beschrieb, stets den Anspruch, den "Geist der Religion und den Geist der Freiheit" miteinander versöhnt zu haben.

Der Papst Franziskus kommt für eine Messe im Swedbank-Stadion in Malmö an,1. November 2016.

Auch heute ist der Anteil religiöser Menschen in den USA höher als in den meisten anderen westlichen Ländern. Insgesamt ist vor allem der christliche Glaube jedoch auch dort im Schwinden begriffen, wenn auch nicht in jenem drastischen Ausmaß, wie man es in Westeuropa beobachten kann.

Eine entgegengesetzte Entwicklung, deren Anfänge bereits in die Endphase der Sowjetära zurückreichen, erlebt hingegen die Russische Föderation. Wie das Nachrichtenportal der Orthodoxen Kirche in Russland, Pravoslavie.ru, berichtet, gibt es in der gesamten Föderation heute 35.000 Kirchen.

Das bedeutet, wir haben in einem Zeitraum von nur 28 Jahren 29.000 Kirchen eröffnet", erläutert Hilarion Alfejew, der russisch-orthodoxe Metropolit von Wolokolamsk und Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, "das sind mehr als 1000 Kirchen im Jahr oder drei pro Tag. […] Früher gab es drei theologische Seminare oder Akademien, heute sind es mehr als fünfzig."

Von einem post-christlichen Zeitalter, von dem heute viele mit Blick auf moderne Gesellschaften sprechen, sei in Russland nicht viel zu bemerken. "Im Gegenteil, ich kenne kein Beispiel für das, was bei uns geschieht, in der gesamten Menschheitsgeschichte", erklärt Metropolit Hilarion.

Der Geistliche, der auch der Vorsitzende der Abteilung für externe Kirchenbeziehungen (DECR) ist, sprach im Oktober in Moskau vor einer Gruppe von Professoren und 250 Studenten aus Italien über religiösen Glauben in Russland, dessen Geschichte und dessen Wiederaufstieg während der vorangegangenen Jahrzehnte. Die Besucher waren Mitglieder eines Jesuitenordens und kamen aus Ordensschulen in Rom, Turin, Palermo, Mailand und Neapel.

Die Epoche, die wir als die 'zweite Taufe Russlands' bezeichnen, begann in unserer Kirche im Jahr 1988. Die massenhafte Hinwendung unserer Bevölkerung zum Glauben begann in Russland in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren", erklärte der Metropolit.

Die russische Geschichte habe noch nie einen so großen Zuwachs an religiösem Glauben erlebt wie in den letzten 28 Jahren. Möglicherweise sei die Entwicklung sogar einmalig in der Weltgeschichte.

Wir kennen die Epoche des Heiligen Konstantins des Großen im 4. Jahrhundert als eine Zeit, in der überall Kirchen gebaut wurden und massenhaft Taufen erfolgten. Aber es gibt keine Statistik für diese Epoche, es gibt aber welche für unsere. […] Mit unseren eigenen Augen sehen wir die Kraft des Christentums, die es uns heute ermöglicht, drei Kirchen pro Tag zu eröffnen. Wir sind Zeugen geworden, wie das Christentum das Leben von Menschen transformiert, und wie wichtig Christus und seine Lehren auch heute noch sind.

Die Zahl der Menschen, die sich zum orthodoxen Christentum bekennen, steigt nach Angaben staatlicher Medien in Russland seit 2002 rapide an, während die Zahl der Atheisten sinkt. Im Jahre 2002 bekannten sich demnach noch 50 Prozent der Befragten zum orthodoxen Christentum, 2013 waren es schon 68 Prozent.

Auch die Zahl der Muslime wuchs innerhalb dieses Zeitraums von vier auf sieben Prozent. Die Zahl der Atheisten unter den Befragten sank hingegen von 32 auf 19 Prozent.

In der Zeit zwischen der bolschewistischen Oktoberrevolution 1917 und dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 betrieb der Staat eine ideologisch motivierte, harte Repressionspolitik gegenüber der Orthodoxen Kirche. Im Zeichen des "Großen Vaterländischen Krieges" leitete der damalige Sowjetführer Josef Stalin jedoch eine Kehrtwende ein und betrachtete die Kirche vor allem als patriotischen Faktor. Seit dieser Zeit hat sich das Verhältnis zwischen Staat und Kirche - vorbehaltlich geheimdienstlicher Einflussnahmeversuche zu Sowjetzeiten - zunehmend entspannt.

Heute investiert der russische Staat etatmäßig 100 Millionen US-Dollar in den Bau und die Restauration von Kirchengebäuden. Präsident Putin spricht freimütig über seine Religiosität und arbeitet insbesondere in Themenbereichen, die mit der staatsbürgerlichen und moralischen Erziehung der Jugend zu tun haben, eng mit orthodoxen Würdenträgern und Organisationen zusammen.

Vertreter nicht traditioneller religiöser Gemeinschaften kritisieren jedoch einen vermeintlichen staatlichen Protektionismus zu Gunsten der russischen Orthodoxie. So wurde Mitte des Jahres ein neues Paket an Antiterrorgesetzen verabschiedet, die religiöse Missionstätigkeit nur in den Räumlichkeiten anerkannter Kirchen und religiösen Gemeinden gestatten.

Von dieser Bestimmung, die sich vor allem gegen islamische Fundamentalisten und "destruktive Kulte" richtet, fühlen sich auch in Russland eher als "exotisch" angesehene, altbekannte Glaubensgemeinschaften wie die Katholische Kirche und protestantische Gemeinden eingeschränkt.

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