Pentagon-Video über die Zukunft der Städte: Megacitys werden unregierbar

Pentagon-Video über die Zukunft der Städte: Megacitys werden unregierbar
Extreme soziale Ungleichheit, rechtsfreie Räume und bürgerkriegsähnliche Zustände in unregierbaren Nachbarschaften: So sieht nach Einschätzung des Pentagon das Leben in der zukünftigen Welt der Megacitys aus.

In einem bizarren Video hat das Pentagon eine Zukunftsvision skizziert, wonach die Kriegsführung von morgen vor allem auf die Herausforderungen reagieren werden muss, die anarchische Zustände in teilweise unregierbar gewordenen Megastädten nach sich ziehen werden.

Die Nachrichtenplattform The Intercept dokumentiert ein vom US-amerikanischen Verteidigungsministerium produziertes Filmdokument, das keinen Titel trägt und von anonymen Gewährsleuten an das Portal geleakt worden sein soll.

Das Video soll als Teil eines Kurses produziert worden sein, dessen Gegenstand "Fortgeschrittene Spezialoperationen im Kampf gegen den Terrorismus" waren. Veranstalter desselben war demnach die Joint Special Operations University (JSOU), eine militärische Bildungseinrichtung für potenzielle Teilnehmer an Spezialoperationen, die mehrere Gliederungen und Abteilungen des US-amerikanischen Sicherheitsapparats involvieren.

Die JSOU wird vom U.S. Special Operations Command betrieben, der die Dachorganisation für die meisten US-amerikanischen Elitetrupps darstellt. Army-Sprecher William Layer erklärte gegenüber The Intercept, das Video sei für ein internes militärisches Publikum produziert worden, um die bevorstehenden Herausforderungen zu beleuchten, die mit dem Einsatz in Megastädten verbunden wären.

Die soziale Ungleichheit nimmt zu: Klassenunterschiede in den USA

In dem Lehrfilm sei es darum gegangen, die "aufstrebende terroristische Bedrohung" zu illustrieren.

Das Video wurde privat und unentgeltlich im Frühjahr 2014 auf der Grundlage der Produktion 'Megacitys und die US-Armee' hergestellt. […] Der Produzent des Films wünscht, anonym zu bleiben.

Die Army-Produktion beschäftigt sich mit der Frage, wie die Truppen auf die prognostizierte Realität der Megacitys des Jahres 2030 reagieren sollen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie sich diese nach Einschätzung der Militärs gestalten wird.

Die Streitkräfte gehen, wie das Video verrät, davon aus, dass überall auf der Welt das Leben in Megastädten mit zehn Millionen Einwohnern und mehr die Regel sein wird. Derzeit gibt es weltweit 16 Städte und 36 Metropolregionen dieser Größe, mit Mexiko-Stadt als dem weltweit größten urbanen Konglomerat und Tokio als der größten Metropolregion.

Nach Einschätzung der Urheber des Lehrfilms werden die urbanen Regionen bis 2030 insgesamt 1,4 Milliarden mehr an Einwohnern beherbergen. Der Schwerpunkt dieser Entwicklung wird sich in den Schwellenländern abspielen. Insgesamt 60 Prozent der Weltbevölkerung werden in etwa 15 Jahren in Megastädten leben, zudem werden etwa 70 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts dort erwirtschaftet. Gleichzeitig werden 60 Prozent der Einwohner dieser Städte jünger als 18 Jahre sein.

Diese Entwicklung werde jedoch von Umständen begleitet, die vonseiten der US-Regierung bislang eher als vernachlässigbar oder als vorübergehende Phänomene im Zuge der Globalisierung eingeschätzt wurden.

Die Städte, die am schnellsten wachsen, werden nach Einschätzung des Pentagons die am stärksten von den Problemen heimgesuchten sein, die sich im Zuge der Entwicklung verschärfen würden. Ressourcen würden insbesondere in den wachsenden Metropolen knapp werden. Gleichzeitig hätten die Verwaltungen derselben verhältnismäßig nur knappere Mittel zur Verfügung, um ihre kommunalen Versorgungsaufgaben zu erfüllen.

Unzureichende Infrastruktur, Naturgewalten, Folgen des Klimawandels und unzureichende Wohnverhältnisse in einer Vielzahl der aufstrebenden Städte könnten humanitäre Katastrophen nach sich ziehen. Zudem berge die dynamische Entwicklung auch sozialen Sprengstoff in sich. Während Reichtum und modernste Infrastruktur einem Teil der Bevölkerung zugutekommen würden, sei ein anderer von den Partizipationsmöglichkeiten ausgeschlossen.

Prächtige Villen- und Bürogegenden werden parallel zu Slums und Behelfssiedlungen ohne elementare hygienische und sanitäre Einrichtungen wachsen. Auch ethnische und religiöse Spannungen werden zunehmen.

In jenen Bereichen, in denen der Staat nicht mehr in der Lage sei, seinen Aufgaben nachzukommen, werden alternative Akteure dessen Rolle einnehmen, so die Erwartung der Produzenten des Lehrfilms. Parallelgesellschaften, selbst zusammengeflickte elektrische und sonstige Infrastruktur, "dezentrale Wirtschaftskreisläufe" und "alternative Regierungsformen" würden sich innerhalb der "dysfunktionalen sozialen Strukturen" ausbreiten. Dies können offenbar Bitcoin-Ökonomien oder Tauschringe ebenso sein wie "Scharia-Zonen" oder Bereiche, in denen Mafiaverbände die faktische Kontrolle ausüben.

Hier darf sich Bald die Bundeswehr austoben - Urban Warfare Training Center in Tze'elim in der Negev Wüste - Quelle: idfblog.com

Was für die Armee im Zusammenhang mit diesen dystopischen Aussichten relevant ist, ist die Einsicht, dass die im letzten Jahrhundert entwickelten Konzepte zur urbanen Kriegsführung nicht mehr für die Welt von morgen taugen. Es sei ein flexibler und komplett neuer Ansatz erforderlich, um innerhalb der komplexen Wirklichkeit der Metropolen von morgen erfolgreich Gefahren wie Terrorismus und Kriminalität, die sich auch gerne der allgegenwärtigen sozialen Medien bedienen, Herr zu werden.

Das Skurrile an der ganzen Sache ist, dass die Analyse der US-Streitkräfte hinsichtlich der sozialen und ökonomischen Entwicklung im Zuge der Globalisierung inhaltlich kaum von dem abweicht, was seit Jahren kapitalismuskritische NGOs oder Bewegungen wie "Occupy Wall Street" oder attac anprangern.

Der Unterschied besteht jedoch darin, dass das Pentagon diese Vision offenbar nicht als Herausforderung betrachtet, um nach Wegen zu einer Stärkung und Sicherung sozialer Strukturen oder Abfederung der Härten zu suchen, die der Trend mit sich bringt.

Für die Armee scheint die Herausforderung vielmehr darin zu bestehen, auch künftig auf Fragen, die der Zusammenbruch sozialer Ordnungssysteme aufwirft, militärische Antworten geben zu können.