Dmitri Kulikow über Putinversteher, die Sowjetunion und Grenzen westlicher Demokratien

Dmitri Kulikow über Putinversteher, die Sowjetunion und Grenzen westlicher Demokratien
Der Politiloge Dmitri Kulikow auf der V. Internationalen wissenschaftlichen Konferenz "Sinowjews Lesungen" im Internationalen Multimedia-Pressezentrum MIA in Moskau; "Russland heute", 17. Oktober 2014.
Der russische Politologe Dmitri Kulikow erklärt im zweiten Teil seines Gesprächs mit RT, warum Verstehen und kritische Reflexion für die Entwicklung der gesellschaftlichen Systeme wichtig sind. Macht setzt vor allem Verantwortung für eigenes Handeln voraus.

Im ersten Teil seines Gesprächs mit RT Deutsch sprach Dmitri Kulikow über die Gründe des Scheiterns der Sowjetunion. Heute spannt er den Bogen in die Gegenwart.

In Ihren Auftritten in Radio und Fernsehen sagen Sie oft, dass Denken und Verstehen den historischen Prozess unmittelbar beeinflussen können. Sie sind Mitglied des Sinowjew-Klubs – eines Klubs von Intellektuellen, deren Ziel es ist, Ideen des russischen Philosophen und Logikers Alexander Sinowjew als Analyseinstrument zu popularisieren. Für mich ist es eine Art Denkfabrik. Kann Ihr Sinowjew-Klub Politik unmittelbar beeinflussen?

Lassen wir uns im Geiste des Marxismus sprechen: Marx sagte einmal, dass kulturhistorische Praxis das Kriterium der Wahrheit sei. Dieses Wort "kulturhistorische" ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Die tatsächliche Wahrheit kommt erst ans Licht, wenn wir tot sind und sogar unsere Überreste verfaulen. Man soll davon ausgehen, dass alles erst später, viel später bekannt wird.

Das ist halt eines der Existenzprobleme der Menschheit: Wie kann man leben und handeln, wenn es erst nach dem Tod klar wird, ob man Recht hatte oder nicht?  Es wäre schön, wenn man sich öfter darüber Gedanken machen würde, besonders unter Politikern. Deswegen wissen wir auch nicht, ob der Sinowjew-Club etwas beeinflusst. Kulturhistorisch bleibt das dahingestellt. Wir geben uns Mühe. Und das endgültige Urteil kriegen wir erst nach 100 Jahren oder so.

Sie erkennen aber in Worten und Handlungen von Politikern Ihre Ideen, unmittelbar jetzt, in den letzten Jahren. Immerhin setzt sich Ihr Klub in den letzten vier bis fünf Jahren im Medienbereich ziemlich aktiv in Szene.

Es geht nicht um unsere Ideen und nicht um unseren Klub. Da lässt sich etwas Anderes erkennen. Ich gehöre seit 26 Jahren zur postmarxistischen russisch-sowjetischen Schule von Sinowjew-Schtschedritsky. Ich verstehe, was da besprochen wurde und wie. Das alles ist ziemlich kompliziert, eine richtig große philosophische, logische methodologische Arbeit.

Und jetzt, wo ich sehe, dass man anfängt, das zu verstehen, was Sinowjew und Schtschedritsky damals behauptet hatten, freue ich mich. Gott sei Dank. Das war mein Ziel, ich habe darauf hingearbeitet. Ob es mir gelungen ist, zeigt uns die Zukunft.

Sie streben also das Verstehen an. Verstehen ist hier das Schlüsselwort. Wissen Sie, dass es in Deutschland einen neuen Begriff "Putinversteher" gibt?  Damit wird man jetzt oft abgestempelt. Und die als Putinversteher Abgestempelten fragen während der Diskussionen, wieso es schlecht ist, wenn man Verständnis für etwas hat?

Danke für dieses Beispiel. Ich weiß, dass man Steinmeier in Deutschland so nennt.

Nicht ganz. Frank Walter Steinmeier ist zu sehr auf die NATO angewiesen, um als Putinversteher zu gelten. Er ist ein Mensch des Systems. Obwohl man auch ihn zu einem Putinversteher erklärte, nachdem er sich kritisch zu "Säbelrasseln und Kriegsgeheul" der NATO geäußert hatte. Aber ein "klassischer" Putinversteher in der Politik ist Matthias Platzeck, schon mal gehört? Zu seiner Zeit war er Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Kommt aus Ostdeutschland, war eine Zeitlang Ministerpräsident des Landes Brandenburg.  Und natürlich gehört auch Gerhard Schröder zu den typischen Putinverstehern.

Mir ist es eigentlich einerlei, wen genau man so nennt. So werden ganz verschiedene Menschen genannt. Der Schlüsselbegriff ist hier das "Verstehen". Im Großen und Ganzen ist es danach in unserer heutigen Gesellschaft, in der die Gesetze der Demokratie gelten, verboten, etwas zu verstehen. Wenn man nichts versteht, ist man auch leichter zu manipulieren.

Sobald man sich Gedanken zu machen versucht, gerät man außer Kontrolle. Das ist das Problem! Man nennt sie nicht zufällig so. Versuch' nicht, Dingen auf den Grund zu gehen, geh' aus der Komfortzone nicht raus. Wenn man anfängt, den wahren Sachverhalt zu ahnen, macht man es den Hütern schwer. Und diese machen es ihrerseits denjenigen schwer, die es gewagt haben, nachzudenken. Weil man zu viel versteht.

Wissen Sie, was man Putinverstehern vorwirft? "Ihr versteht ihn, das bedeutet, Ihr unterstützt ihn." Die Antwort ist dann: "Verstehen heißt noch lange nicht unterstützen." Wir sind nicht unbedingt damit einverstanden, was Putin tut, jedoch versuchen wir, ihn zu verstehen. Das lässt sich oft in Talk-Shows hören.

Ich bin in der Sowjetunion aufgewachsen. Ich bin überzeugt, dass wir alles, worüber man jetzt rumdiskutiert, damals schon miterlebt haben. Genauso, wie man das jetzt tut. Denn wir durften kein Verständnis für den Westen oder für Dissidenten aufbringen. Gott hüte dich davor, so was zu verstehen. Wir, die wir das am Beispiel der Sowjetunion gesehen haben und dazu jetzt Stellung nehmen können, erkennen das alles wieder. Das ist uns viel zu verständlich, deswegen werde ich mir die nächste Aussage auch nicht verbitten.

Ich behaupte, dass das westliche System von totaler allumfassender Demokratie und Finanzkapitalismus an die Grenzen seiner Möglichkeiten stößt. Das System, das auf den wachsenden Konsum in der Gesellschaft angewiesen ist. Das gehört zur Systemkrise. Deswegen hat die Krise auch gewaltige Ausmaße genommen, das betrifft die ganze Zivilisation. Russland rückte auch zum Westen auf, nachdem wir das sowjetische Projekt aufgegeben hatten. In diesem Sinne sitzen wir jetzt alle in einem Boot.

Und wer als erster Gewitter hört und Ruder und Segel auf das kommende Unheil vorbereitet, wird das Unwetter überstehen. Und ich bin mir sicher, dass Russland darauf bessere Chancen hat. Denn wir haben etwas früher auf die für den heutigen Kapitalismus typische Ordnung verzichtet, die die Macht in den Händen der Parteien oder Oligarchen konzentriert. Wir haben bessere Chancen, zu begreifen, dass man etwas ändern soll.

Hat Russland denn den Einfluss der Oligarchen endgültig eingedämmt? Es gibt die Meinung, dass Putins Macht auf dem Gleichgewicht zwischen mehreren oligarchischen Gruppierungen basiert. Oligarchen sind doch nicht verschwunden.

Da gibt es einen Unterschied. Denn wofür hassen Oligarchen, reiche Familien und Gruppierungen Putin? Dafür, dass er alles in die Öffentlichkeit trägt. Er sagt laut: Ich treffe die Entscheidungen. Und das ist wahr. Im Westen geht hingegen jetzt das vor sich, was in den Neunzigern in Russland der Fall war. Jelzin tat so, als ob er das Sagen hätte, wobei tatsächlich eine Gruppe von vertrauten Geldsäcken alles auf eigene Faust entschied.

Der Präsident war damals ein Machtinstrument, wenn auch ein unentbehrliches. Ein Hampelmann für diejenigen, die die wirkliche Macht hatten – für die Mafiafamilien, für die Oligarchen. In den Neunzigern wiederholte sich die Situation, die früher in der Sowjetunion geherrscht hatte. Die Partei übte die Macht aus, nicht der Staat. Es gab doch schon die Sowjetunion und die Sowjets. Es gab auch den Vorsitzenden des Ministerrats, lies: den Regierungschef. Na und? Sie hatten nichts zu sagen.

Dasselbe war unter Jelzin der Fall, der einfach nur eine Rolle spielte, während die Entscheidungen von anderen getroffen wurden. Putin sagte aber klipp und klar, dass er gemäß der Verfassung als Präsident die Macht habe und dass keiner hinter Kulissen seinen Kurs beeinflussen würde. Weder auf heimliche noch auf direkte Weise. 

Deswegen erklärt man Putin im Westen zu einem Diktator.

Ja, genau. Obwohl das vielleicht kulturhistorisch gesehen die größte Machtinstitution ist, die breite Befugnisse und große Verantwortung hat. Kann der Westen aus dem Bauch heraus sagen, wie groß die tatsächliche Verantwortung der westlichen Machtinstitutionen ist? Erstmal zeigt Colin Powell das Reagenzglas und sagt dann lapidar, das sei ein Fehler gewesen.

Tony Blair wurde für den Fehler der Planung des Irakkriegs verurteilt. Hundertausende Amerikaner und Iraker sind gestorben und wer trägt die Verantwortung dafür? Blair? Nein. Soviel ist diese Macht wert. Wenn man keine Verantwortung hat, dann trifft man auch keine Entscheidungen. Jemand anderer macht das und die Machtinstitutionen sind einfach nur Hampelmänner.

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