Russischer Herbst: Endspurt beim Pilze-Sammeln in Russland

Russischer Herbst: Endspurt beim Pilze-Sammeln in Russland
Stolze Pilzsammlerin in Morino.
Es gibt nur wenig Russen, die nichts von Pilzen verstehen und nicht selbst sammeln gehen. Wer jetzt noch seltene Pilze der Spätsaison sucht, wird in den Wäldern rund um Moskau fündig. RT-Korrespondent Ulrich Heyden war mit erfahrenen Sammlern in einem Mischwald nahe der Kleinstadt Monino unterwegs.

von Ulrich Heyden, Monino

Den Wald betraten wir wie ein geheimnisvolles Schloss, mit gedämpften Stimmen. Die Tannen empfingen uns mit Stille. Nur die Wipfel bewegten sich leicht im Wind.

Wir, zwanzig erwachsene Pilzsammler aus Moskau, aber auch Kinder und ein Hund waren mit dabei , waren mit Autos zu einem Mischwald nahe der östlich von Moskau gelegenen Kleinstadt Monino gefahren. Die Sammler trugen bunte, warme Jacken und Hosen, denn es war schon ziemlich kühl und der Himmel bedeckt. Fast alle hatten große Körbe und Pappkisten dabei.

Los geht es in den Wald.

Das Vorspiel

Die ersten Meter stapften wir durch Gras und Moos. Pilze waren nicht zu sehen. Erst tiefer im Wald sahen wir klitzekleine „Gigrofor Pupyruatyi“ zwischen Moos und Tannennadeln. Es waren sechs Zentimeter hohe, helle Gewächse mit einem grau-bräunlichen Hut. Eifrig schnitten wir die Pilze mit Messern ab. In unseren riesigen Körben bedeckten die kleinen Gigrofors gerade mal den Boden.

Soll das etwa alles sein, dachte ich mir und stapfte tiefer hinein in den Wald. Unsere Gruppe verstreute sich in mehrere Richtungen. Wir blieben aber in Sichtweite voneinander. Nun war das Vorwärtskommen nicht mehr so einfach. Wir stießen auf Brombeersträucher und immer wieder umgefallene, mit Moos bewachsene Tannen. Und an den Stämmen dieser Tannen konnte man alle möglichen verschiedenen Pilze entdecken, einige in knalligem Gelb und glänzend, als hätte man sie in Fett getaucht, andere in zart-hellem Gelb mit matter Oberfläche.

Ein besonders seltener Pilz wird begutachtet.

Unsere beiden Begleiterinnen, die Pflanzenkundlerin Natalja Samjatina und ihre Freundin, die Pilz-Expertin und Grafikerin Maria Sergejewa, wurden mit Fragen bestürmt. Nicht immer konnten unsere Expertinnen gleich eine Antwort geben. Sie vertrösteten uns auf später, wenn wir unsere Beute nach einem Imbiss genauer untersuchen wollten.

Pilze-Sammeln ist in Russland eine weitverbreitete Beschäftigung an Wochenenden und Urlaubstagen. Die Pilze werden nach dem Sammeln gewaschen und etwa 40 Minuten gekocht. Dabei wird der sich bildende Schaum abgeschöpft. Dann werden die Pilze weiterverarbeitet, gebraten und verspeist oder für den Winter in Salz-Lauge mit Gewürzen eingelegt oder eingefroren. In Krisenzeiten, wenn die Preise steigen und die Reallöhne sinken, steigt die Attraktivität dessen, was die Natur an Leckereien für umsonst bereit hält.

Lernen, Lernen und nochmals Lernen

Wer um seine Datscha Pilze sammelt, der weiß über die Jahre schon, was er dort findet, was er Essen kann und was nicht. Doch echte Pilz-Liebhaber wollen auch neue Wälder und ihre Pilze kennenlernen. Jede Jahreszeit hat zudem ihre speziellen Pilzsorten. Da ist Erfahrung und Rat gefragt. An Ratsuchende richtete sich der im Internet verbreitete Aufruf der beiden Expertinnen Natalja und Maria. Für die Pilz-Tour mit anschließender gemeinsamer Auswertung und einem Imbiss zahlten wir pro Kopf 2.000 Rubel (27 Euro).

Pilzexpertin Maria Sergejewa erklärt ein besonderes Fundstück.

Diesen Betrag waren die Sammler gerne bereit zu zahlen. Fast gierig hingen wir an den Lippen unserer Expertinnen. Einige notierten sogar ihre Worte oder schrieben mit. Doch beim Sammeln gab es keinerlei Konkurrenz.

Die Teilnehmer waren gutgebildete Moskauer, die sich nicht nur über all das freuten, was ihnen im Wald begegnete sondern auch das Gruppenerlebnis genossen.

Sobald jemand ein besonders leckeres, schönes oder seltenes Exemplar gefunden hatte, wie etwa einen „Polnischen Pilz“ (gelber Stil, dunkelbrauner Hut) wurde das Fundstück stolz herumgezeigt und allseitig gelobt.

Sammelertrag nach einer Stunde

Die Natur hatte uns hektische Moskauer friedlich gestimmt. Obwohl sich die meisten nicht kannten, verbreitete sich schnell angenehme Stimmung.

Nach drei Stunden Sammeln wurde die Tour abgebrochen. Nun ging es mit dem Auto zur Datscha von Maria. Die Hausherrin trug Selbstgebackenes auf den großen Tisch, um den wir uns versammelt hatten. Es gab geräucherten und in Streifen geschnittenen Kischutsch-Lachs, Piroggen mit Pilz-Reis-Füllung und in Teig gebackene „Sontiki“-Pilze. Dazu tranken wir Kräutertee.

Dann wurde der Tisch abgeräumt und mit Zeitungen ausgelegt. Behutsam und andächtig packten die Sammlerinnen ihre Pilze aus den Körben auf den Tisch. Hellbraune Opjata, weiß-bräunliche Goworuschka, hellbraune Lakowitsa und fast schwarze Pljutej olenij.

Die gesammelten Pilze werden gemeinsam begutachtet.

Die Männer standen in der zweiten Reihe und guckten mit stillem Stolz zu.

Unsere Expertinnen, Natalja und Maria, gingen um den Tisch und erklärten, trotz ansteigendem Lärmpegel mit ruhigen Stimmen, was da gesammelt worden war.

Jede kleine Pilzsammlung bekam ein kleines Schild. Dort stand mit der Hand geschrieben, um was für eine Sorte es sich handelte. Die ungenießbaren Pilze wurden auf einem Extra-Häufchen gesammelt.

Der Höhepunkt

Die zunächst andächtige Stimmung war schnell in ausgelassene Freude umgeschlagen. Alle redeten durcheinander. Das, was da auf dem Tisch zu sehen war, übertraf auch meine Erwartungen. Ich war wie berauscht von den zarten Gelb-, braun- und Grau-Tönen und dem Geruch der Pilze.

Beschriftung - damit man beim nächsten Mal bescheid weiß.

Dann wurde es dunkel und die Autos wurden für die Rückfahrt nach Moskau startklar gemacht. Bei uns und noch einem anderen Wagen mussten mit der mitgeführten Elektropumpe die Reifen nachgepumpt werden. Wir wussten, dass wir für die 60 Kilometer nach Moskau mindestens zwei Stunden brauchen, denn der Verkehr ist trotz der mehrspurigen Gorki-Chaussee fast immer zäh, denn es gibt einige Baustellen und überhaupt ist auf den Straßen in und um Moskau zu fast jeder Tages- und Nachtzeit immer viel Verkehr.

Während der Rückfahrt sprachen wir nicht viel. Unsere Gedanken waren immer noch im Wald, wir atmeten noch den Duft von Tannennadeln, hörten das Knacken der Äste und fühlten das weiche Moos unter unseren Stiefeln.