Hate-Speech auf Ukrainisch: Social Media in der Ukraine über den Abschied von "Motorola" in Donezk

Hate-Speech auf Ukrainisch: Social Media in der Ukraine über den Abschied von "Motorola" in Donezk
Medienvertreter der Bewegung "Stoppt Zensur", protestieren gegen die Beschränkung der Meinungsfreiheit in der Ukraine während der Rede des Präsidenten des Landes Wiktor Janukowytsch auf dem Globalen Weltforum der Redakteure in Kiew am 3. September 2012.
Ukrainische Social-Media-Nutzer reagierten mit viel Häme auf die Bilder des Abschieds vom Volkswehr-Kommandanten Arseni Pawlow, der nach einem Anschlag starb. Das Nachrichtenportal 112 sammelte die populärsten Beiträge führender Meinungsmacher.

Die Bilder von der Abschiedszeremonie vor dem Operntheater in Donezk beeindruckten auch diejenigen, die "Motorola", so der Kampfname des ostukrainischen Volkswehr-Kommandanten Arseni Pawlow, hassten. Angesichts der Bilder, die durch die Medien gingen und eine Menschenmasse von geschätzt 50.000 Personen zeigten, sah sich die ukrainische Community bei Facebook und Co. nach ihrem anfänglichen Jubel über seinen Tod erneut unter Zugzwang.

So schrieb ein Kiewer namens Alex Golubickij:

Die Beerdigung von Motorola ist wie ein Symbol für mögliche Wahlen im Donbass. Die Russen jagen einheimisches und nichteinheimisches Gesindel ins Wahllokal, wo es die Wahlzettel in die Urne mit der Asche der getöteten Terroristen schmeißen soll. Und dann soll es das gewählte Verweste nach Kiew bringen und mit "russischer Welt" anstecken. Die Menge geht und weint…

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Die Kiewer Journalistin Marina Daniluk-Ermolaeva schrieb:

Die Fotos von der Beerdigung erinnern irgendwie an Nordkorea… Ich verstehe die Staatsangestellten, die zu dieser Maßnahme mit Stöcken und Drohungen zusammengetrieben wurden… Es ist fürchterlich, Donezk jetzt zu sehen, wenn wir uns vor Augen führen, wie es noch 2012 die Liste der reichsten, erfolgreichsten und perspektivträchtigsten Städte des Landes anführte. Jetzt ist es führend bei der Zahl der Kloaken und Müllgruben.

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Arseni Pawlow während der Generalprobe zu den Feierlichkeiten der Militärparade am 7. Mai 2016 in Donezk

Donilo Dasiuk postete via Twitter:

Sie haben nichts Heiliges – sie klauen sogar Slogans. Donezk verabschiedet Motorola mit dem Slogan der ukrainischen Nationalisten: "Die Helden sterben nicht".

Die Journalistin des Portals UNIAN aus Kiew, Tatiana Urbanskaja, postete:

Die Bilder der Beerdigung aus Donezk beeindrucken… Aber ihr wisst doch, dass die Leute auf dem Dorf sich in Ermangelung sonstiger "Unterhaltungen" gerne mit der ganzer Sippe auf Hochzeiten oder Beerdigungen "austoben". Donezk ist natürlich kein Dorf. Aber die Aufhebung der Sperrstunde und der abendliche Rummel solcher "Persönlichkeiten" der "DVR" wie des verblichenen Kanaken erlauben es, wie ihr zugeben müsst, solche Parallelen zu ziehen.

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Die Journalistin des Portals Obozrevatel, Tatiana Zarownaja, die in Donezk wohnt, näherte sich der Sache etwas literarischer an und verglich die von ihr beobachtete Aktion mit einer theatralischen Inszenierung. In ihrem langen Beitrag hieß es unter anderem:

[...] Das ist das, was ich Ironie des Schicksals nenne: In das Theater der Oper und des Balletts, wo einst die Weltberühmtheiten glänzten, welches ich wie einen Dom besuchte, […] trug man einen Sarg mit Überresten. Von keiner namhaften Primadonna, von keinem kreativen Genie, sondern von einem ausländischen Söldner… Das ist wahrscheinlich das erste und das letzte Mal, dass Arsenii Pawlow das Theater besuchte… Er hatte aber Glück, dass er kein Gericht mehr erlebt und keine Strafe und Schmach, die ihm für seine Verbrechen zustehen.

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Mit 159.061 Followern gehört Juri Butusow (vgl. unseren Beitrag über den Bilderstreit) zu den führenden ukrainischen Meinungsmachern. Er ist Redakteur bei Zensor. Wie immer wortreich und pathetisch, behandelt er in seinem Beitrag Bewohner Russlands und des Donbass in einem Zug als Refugium zweitklassigen Pöbels. Hier sind ein paar Auszüge:

[...] Putins Russland ist eine Imitation eines Landes. Imitation der Freiheit, Imitation der Rechte, Imitation der Moral, Imitation der Gesellschaft, Imitation der Familie, Imitation der Persönlichkeit. Für die Beerdigung des Söldners "Motorola" übernahmen die Machthaber der RF im okkupierten Donbass UKRAINISCHE Parolen. Die dazugehörige antiukrainische Horde auf der Beerdigung von "Motorola" begann plötzlich für RF nie dagewesene Parolen wie "Ruhm den Helden!" und "Die Helden sterben nicht!" zu brüllen. Und das bringt niemanden in Verlegenheit; wenn die "Kuratoren" einmal etwas befehlen, so wird es auch gemacht... Die Perversen. Ihr seid eine Herde, die fremde Sinngehalte und fremde Emotionen nur wiederholt. Ihr könnt niemals siegen - ihr habt keine Zukunft, weil ihr zweitklassig seid.

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Screenshot der Facebook-Seite von Juri Butusow.

Alena Jachno, eine weitere Journalistin, behauptet, die Ukraine brauche Donezk nicht. Im Moment arbeitet sie als Assistentin eines Rada-Abgeordneten, ihr Facebook-Account wird von 14.806 Personen abonniert.

Viktor Muzhenko, Chef des ukrainischen Generalstabes

Habt ihr die kilometerlangen Schlangen auf der Beerdigung des fuchsroten Orks in Donezk gesehen? Erzählt mir noch einmal etwas über eine Reintegration des Donbass! Erzählt mir über Informationspolitik! Halt, sobald sie das richtige Fernsehen einschalten, werden sie im Handumdrehen Patrioten der Ukraine. Aha! Gleich doppelt und dreifach!

Nein! Wir haben den Donbass nicht verloren. Er war bloß in Wirklichkeit niemals unser.

Das sind Menschen mit russischer Selbstidentifikation. Ihre Hauptstadt – Moskau. Und die Ukraine für sie – ein geografisches Missverständnis.

Man muss es anerkennen, begreifen, sich damit abfinden und sie in ihr geliebtes Mordor freilassen. Zu ihren Grundpfeilern.

Update. Viele schreiben in Kommentaren: Das Land nicht hergeben, aber die Watte [nach "Wattjacke", abschätzige Bezeichnung der prorussisch Eingestellten; d. Red.] soll nach Russland abhauen. Das ist zwar okay, aber ist es realisierbar? Es war Stalin, der ganze Völker deportierte. Jetzt wird das nicht mehr praktiziert.

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Auch Igor Mosijtschuk, ein skandalträchtiger Rada-Abgeordneter und einer der früheren Kommandanten des Asow-Batallions, meldete sich zu Wort. Er hat 28.594 Follower auf Facebook. Er postete:

Möge die Erde Motorola zu Beton werden! [Anspielung auf die Redewendung für Verstorbene: "Möge die Erde ihm leicht sein"]. Dieses Foto ist ein eindeutiger Beweis dafür, dass nach der Befreiung des Donbass allen Bürgern der Ukraine, die "russische Welt", Separatisten, Terroristen, Okkupanten unterstützten, ihre Bürger- und Wahlrechte komplett entzogen werden sollen!

Sein Vorschlag gefiel 1.254 Menschen und wurde 271 Mal geteilt.

Screenshot der Facebook-Seite von Igor Mosijtschuk.

Welche Stimmung auf der Beerdigung in Wirklichkeit herrschte, kann man anhand authentischer Amateurvideos hier und hier sehen. 

Bis auf den letzten Autor, der bekennender Nationalist ist, gehören alle Schreiber zur gebildeten, als progressiv und modern geltenden städtischen Mittelschicht. Sie sind 35 bis 40 Jahre alt, stramm prowestlich und sie wünschen sich ein prosperierendes Land mit einer effizienten Regierung, einem transparenten politischen System und natürlich ohne Korruption. Das sind Menschen, die sich mit westlichen Vertretern bestens verstehen.

Das sind die Ukrainer, die gerade dabei sind, eine junge, bürgerliche politische Nation zu schmieden, die, wie viele westliche Beobachter behaupten, keineswegs nationalistisch ist. Bis auf den letzten waren alle Posts auf Russisch verfasst, was natürlich für westliche Freunde auch ein Argument ist für einen lockeren Umgang mit der Sprachenfrage.

Die abgebrannten Redaktionsräume des TV-Senders Inter.

Ihr zur Schau gestellter alltäglicher Rassismus gegenüber Andersdenkenden im Inland und gegen die Russen im Ausland, damit eigentlich gegenüber einem Brudervolk, stört diese "Gutmenschen" an ihrem Selbstbild nicht. Er gehört zum guten Ton. Es versteht sich von selbst, dass man in ihren Reihen für die Leute zweiter Klasse, die ihr Leben nur "imitieren", am besten gleiche "richtige" Maßnahmen anwenden wollte. Nur leider seien diese heutzutage nicht mehr praktizierbar. 

Mit diesem O-Ton wollten wir unseren Lesern die Generation jener ukrainischen Meinungsmacher vorstellen, die gerade dabei ist, aus journalistischen Sesseln in politische Ämter zu wechseln und dadurch einen kleinen Einblick in deren Denkweise gewähren. Mit ihrer Berichterstattung stürzten sie den ehemaligen Präsidenten Janukowytsch. Dieser war in ihrem Duktus ein "brutaler Diktator".

Diese Journalisten haben seinerzeit zum Maidan aufgerufen. Nun herrscht ihre Meinung fast unumschränkt über das Land. Ihr wachsendes politisches Gewicht soll künftig nach ihrer Auffassung "westlichen Werte" noch stärker in der Ukraine verankern. Voraussetzung dafür ist offenbar bloß, dass das Land von der schädlichen "Watte" gesäubert wird.

Der Zerrspiegel des Westens, den die Ukraine zurzeit darstellt, wirft die Frage auf, was die eigentlichen "westlichen Werte" sind.