Viel Platz für Abenteurer - Ohne Angst die hintersten Winkel Russlands erkunden

Viel Platz für Abenteurer - Ohne Angst die hintersten Winkel Russlands erkunden
Junge Leute und Motorradfahrer: Sie trauen sich ohne Angst auch in die hintersten Zipfel Russlands. RT Deutsch hat mit einigen Abenteurer, die in den Weiten der russischen Landschaft die große Freiheit suchten, gesprochen.

Unendlich weite Landschaften, hilfsbereite Menschen, neugierige Gastfamilien, nur die Bären sind nicht sehr gesellig: RT-Deutsch-Korrespondent Ulrich Heyden hat sich mit deutschen Russland-Besuchern unterhalten und sie nach ihren Eindrücken befragt.

1.    Von Mittelfinnland in das Gebiet Irkutsk

In dem Bergstädtchen Arschan, einem Kurort nicht weit des Baikalsees, traf ich im Juli Jenni und Joppe. Die beiden jungen Leute kamen aus dem finnischen Jyväskylä und sind echte Weltenbummler. Indien, Äthiopien, Brasilien, es gibt kaum eine Ecke der Welt, in der sie noch nicht gewesen wären. Nun war Russland an der Reihe, ganz so, als sei das die gewöhnlichste Sache der Welt. Mit dem Flugzeug ging es von St. Petersburg nach Sotschi und von dort aus wieder auf dem Luftweg nach Nowosibirsk. Anschließend sollte die transsibirische Eisenbahn die Globetrotter nach Irkutsk bringen.

Dort hatten sich die beiden jungen Leute ein Auto gemietet und fuhren einmal rund um den Baikalsee. 

An einem Wanderpfad zu einem Wasserfall kamen wir ins Gespräch. Ob sie als Finnen nicht genug von Seen haben, wollte ich wissen.

Joppe meint: "Wir haben nicht so etwas Großes wie den Baikal. Und auch die Berge um den See sind sehr schön. In Finnland ist es sehr flach und es gibt überhaupt keine Berge", meint Joppe.

Ja, es habe Warnungen von den Freunden gegeben, die der Meinung waren, dass es zu gefährlich sei, nach Russland zu reisen.

Aber sie wissen nicht, dass es überhaupt nicht gefährlich ist.

Auf ihrem Reise-Blog haben Jenni und Joppe Fotos von ihrer Russland-Reise veröffentlicht. An den Fotos sieht man, wie die beiden reisten. Sie haben sich erholt und amüsiert. Von Angst keine Spur.

Jenni und Joppe aus Finnlan
Jenni und Joppe aus Finnlan

2. Von Nordbayern an den Baikalsee

"Früh losfahren, damit man abends noch etwas vom Tag hat", war stets die Devise von Erich Guthermuth. Ich traf den Metzgermeister in einem Hotel-Restaurant am Baikalsee. Er saß noch in schwarzer Motorradhose am Tisch und aß leckeren Omul-Fisch. Nebenbei versuchte er, eine SMS-Nachricht nach Deutschland abzuschicken, kam aber mit dem örtlichen Wifi nicht klar. So kamen wir ins Gespräch.

Am nächsten Morgen – die Sonne schien und man hatte einen wunderschönen Blick über den See – traf ich Erich auf dem Parkplatz wieder, wo er gerade seine BMW überprüfte. "NES" las ich auf dem Nummernschild. Wie der Metzgermeister a.D. mir erklärte, bedeutet das "Bad Neustadt an der Saale, der nördlichste Zipfel von Bayern".

Der 55-Jährige steckte sich eine Zigarette an und begann zu erzählen. Vor zwei Jahren habe er seinen Betrieb an die Tochter übergeben.

Frage: Warum gerade Russland?

Erich: Ich hatte immer schon den Traum, durch Russland zu fahren. Einmal bin ich schon mit der Transsib gefahren. Und einmal war ich schon in St. Petersburg und bin um die Ostsee gefahren. Drei Nächte war ich in St. Petersburg, eine wunderschöne Stadt.

Frage: Wo sind Sie diesmal nach Russland eingereist?

Erich: Über die lettisch-russische Grenze. Um über Weißrussland zu fahren, hätte ich ein Transit-Visum gebraucht. Und bei der Ukraine war ich mir nicht sicher, ob es Probleme an der ukrainisch-russischen Grenze gibt.

Frage: Wie lange sind Sie von Lettland aus schon unterwegs?

Erich: Neun Tage. Pro Tag fahre ich etwa 800 Kilometer.

Frage: Gibt es in Ihrer Familie eine besondere Beziehung zu Russland? Hat Ihr Vater hier gekämpft?

Erich: Nein.

Frage: Haben Sie keine Angst in Russland?

Erich: Ich empfand Russland immer schon als ein sehr sicheres Land. Gefahren gibt es auf der ganzen Welt.

Frage: Sagen Sie mal ein Beispiel.

Erich: Ich denke, die Kriminalität ist auf keinen Fall höher als in den USA.

Frage: Waren Sie mal in den USA?

Erich: Ich war einmal kurz in Los Angeles. Wenn man da von der verkehrten Autobahnabfahrt abbiegt und man landet in den Slums, dann ist es glaube ich viel gefährlicher als hier.

Frage: Hatten Sie in Russland schon mal Probleme mit der Polizei?

Erich: Ich hatte überhaupt keine Probleme mit der Polizei. Nur an der Grenze dauerte es drei Stunden.

Frage: Die haben Sie gefilzt?

Erich: Nein, nein. Die lassen sich halt Zeit.

Frage: Und wie läuft es mit den Polizisten?

Erich: Mit Polizisten hatte ich außer Spasibo [Danke, U.H.] – wenn sie da an der Straße standen - oder Dobri djen [Guten Tag] überhaupt keine Kontakte.

Frage: Also, obwohl Sie ein deutsches Nummernschild haben, wurden Sie nicht besonders geprüft?

Erich: Nein.

Frage: Sie können gar kein Russisch, wie klappt das? Gestern Abend, bevor Sie hier eintrafen, kamen Sie aus Irkutsk. Es regnete, Sie guckten auf Ihren Navigator und bogen dann einfach hier zum Hotel am Baikal-Ufer ab. Und so reisen Sie?

Erich: Beim zweiten Mal, als ich über Booking.com ein Hotelzimmer gebucht hatte, ich glaube, es war in der Gegend von Kasan, war die Strecke, die ich mir vorgenommen habe, sehr weit. Es gab viel Verkehr und viele Baustellen. Da bin ich nicht so weit gekommen. Da habe ich meine Reservierung über Booking.com wieder abbestellt und ein Hotel an der Straße genommen. Und dann hab ich mir gesagt, dass tu ich mir nicht wieder an. Wenn ich vorbuche, muss ich so weit fahren. Dabei funktioniert es doch hervorragend, wenn ich direkt an der Straße ein Hotel nehme. Und es gibt viele freundliche, nette, hilfsbereite Menschen. Es ist ein wunderbares Land. Es sind wunderbare Menschen.

Frage: Sagen Sie mal ein Beispiel…

Erich: Sie versuchen, jemanden zu finden, der Englisch kann. Weil sie keinen finden, reden Sie mit Händen und Füßen. Die Leute gehen auf einen ein. Das ist Wahnsinn.

Frage: Und wenn Sie sagen, Sie sind aus Deutschland, das ist kein Minus?

Erich: Kein Minus. Im Gegenteil. Auch Motorradfahrer auf den Straßen, die sprechen ja auch kein Deutsch. Da wird angehalten und gefragt, ob man Probleme hat. Also, da ist ein sehr guter Zusammenhalt.

Frage: Und Sie hatten noch nie die Situation, dass jemand zu nah an ihnen vorbeigefahren ist?

Erich: Doch. Wenn einer überholt und man hat ihn nicht im Rückspiegel gesehen, weil man sich auf den Verkehr vorne konzentriert hat, und der fährt dann zwanzig Zentimeter an einem vorbei. Und man fährt 100 und der überholt mit 130. Da erschrickt man schon, weil man ihn nicht gesehen hat. Ich schau oft in den Rückspiegel. Meistens seh' ich sie.

Sonnenaufgang am Baikalsee
Sonnenaufgang am Baikalsee

Frage: Und Ihre Familie verfolgt Ihre Reise?

Erich: Ja, ich schreibe SMS.

Frage: Mussten Sie mit Ihrer Maschine schon mal in die Werkstatt?

Erich: Nein, aber in Wladiwostok habe ich einen Termin bei BMW, wegen neuer Reifen und einer Inspektion.

Frage: Sie wollen auch wieder zurückfahren?

Erich: Ja.

Frage: Machen sie zwischendurch auch mal Gymnastik zur Entspannung?

Erich: Nein. Man kann sich schon unterschiedlich setzen.

Frage: Ihre Reisegeschwindigkeit ist…?

Erich: Zwischen 80 und 110 Stundenkilometern. Es kommt immer auf die Straße an. Die Straßen sind meistens gut.

Frage: Haben Sie das Motorrad besonders ausgerüstet?

Erich: Nur ein Gitter vor den Scheinwerfern und ein paar kleine Schutzbügel vor den Schläuchen. Für die Reifen habe ich Flickzeug dabei.

Frage: Sie machen keinen Blog über Ihre Reise?

Erich: Nein. Ich mach diese Reise ganz einfach für mich. In meinem Leben habe ich viel zu wenig für mich gehabt, weil der Betrieb ist ja immer vorging.

Frage: Der Deutsche neigt ja eher zum Übertreiben, was Arbeit betrifft. Was Sie jetzt machen, ist ja dann nicht typisch deutsch?!

Erich: Nein, vielleicht ist die Reise nicht typisch deutsch. Denn wenn ein Deutscher so eine Reise macht, versucht er, damit irgendwie Geld zu verdienen. Er versucht, Sponsoren zu bekommen, oder dass es ihn wenigstens kein Geld kostet. Ich mach die Reise, weil ich meine, ich muss das tun.

Frage: Was war Ihr stärkstes Erlebnis?

Erich: Mein stärkstes Erlebnis? Vielleicht die Babuschka, bei der ich vor zwei Nächten geschlafen habe, in einem kleinen Hostel, kurz hinter Nowosibirsk. Sie konnte kein Wort Deutsch und ich ganz wenig Russisch. Ich habe ein Hotelzimmer bekommen, sie hat eine Garage für das Motorrad organisiert und wollte kein Geld dafür. Ich habe ihr dann fünfzig Rubel für die Garage gegeben. Sie sagte nein. Ich sagte, das ist für die Enkel.

Am nächsten Morgen bin ich schon um fünf Uhr weiter gefahren. In den Hostels gibt es kein Frühstück. Ich fahre immer früh los. Dann ist die Straße leer. Die Luft ist noch frisch. Da kann man viele Kilometer fahren.

Schamanka, sagenumwobene Halbinsel im Baikal-See
Schamanka, sagenumwobene Halbinsel im Baikal-See

Frage: Aber das ist ja nicht Ihr Ziel. Sie wollen ja nicht viel fahren.

Erich: Ich muss viel fahren, weil ich nach Wladiwostok will. Ich denke, Wladiwostok ist sowas wie das Nordkap. Das Nordkap ist in den Köpfen. Zwei Buchten weiter gibt es dasselbe, außer der Stahlkugel und dem großen Gasthaus mit dem Museum. Aber das Nordkap muss es sein, obwohl es 500 Kilometer weiter südlich dasselbe zu sehen gibt.

3. Von Leipzig auf die Kamtschatka

Ähnliche Erfahrungen wie Erich aus Nordbayern machte 2010 auch Ralf Lützgendorf aus Leipzig. Er startete im April 2010 zu einer Motorrad-Tour bis auf die Kamtschatka im russischen Fernen Osten.

Freunde hatten ihn gewarnt, erzählt mir der gelernte Statiker. "Die machen Dich tot. Du kommst nie wieder." Doch die Warnungen konnten den damals 51-Jährigen nicht davon abhalten, sich einen Jugendtraum zu erfüllen und die Vulkane auf der fernöstlichen russischen Halbinsel Kamtschatka mit eigenen Augen zu sehen.

Sein BMW-Motorrad "Käthe", benannt nach seiner Großmutter, hatte er für die Reise mit neuen Schwungfedern und Reifen fit gemacht.
Für die 34.000 Kilometer bis in den russischen Fernen Osten und wieder zurück nach Leipzig hatte Ralf sechs Monate eingeplant. Weil es für Russland-Touristen nur 90-Tage-Visa gibt, machte der Leipziger aus der Not eine Tugend. Anfang Juli - etwa auf der Hälfte der Strecke - verließ Ralf russisches Territorium und macht einen Abstecher in die Mongolei. Nach einer abenteuerlichen Tour durch die Wüste Gobi – mit einer Ersatzteillieferung per Flugzeug aus Leipzig - stand Lützgendorf dann Anfang August wieder mit seiner "Käthe" an der russischen Grenze und startete zum zweiten Teil seines Russland-Trips.

Je weiter Ralf nach Osten kam, desto offener und gastfreundlicher wurden die Russen. Das Schönste sei gewesen, "das ganz stinknormale Leben in einer russischen Familie" mitzuerleben. Die Russen wollten einfach "alles wissen, ob man Kinder hat, wie es zuhause aussieht und so weiter". Zum Glück hatte Ralf ein Fotoalbum mit Familienbildern dabei, ein Tipp von seiner Russischlehrerin in Leipzig. Über Bilder klappt die Kommunikation immer. Nachts, nach langen Gesprächen, sank der Abenteurer erschöpft ins Bett.

Ende Mai, nach fast zwei Monaten quer durch Eurasien, kam der Leipziger schließlich im fernöstlichen Chabarowsk an. Zum Pazifik war es nur noch ein Katzensprung von 300 Kilometern. Doch weil nicht klar war, ob auf die Halbinsel Kamtschatka ein Schiff fährt, stieg der Motorradfahrer in einen Flieger.

Vulkan auf der Halbinsel Kamtschatka
Vulkan auf der Halbinsel Kamtschatka

Beim Anflug auf Petropawlowsk-Kamtschatski sah er schon die ersten Vulkane. In seinem Reise-Blog schreibt Ralf: "Die Landschaft (ist) noch weitgehend in Weiß gehüllt."

Der Blogeintrag endet euphorisch:

P.S.: Lebt eure Träume! Danach gibt es neue.

Als Ralf dann alleine am Fuß der Vulkane durch die Taiga wanderte, gab es eine Überraschung. Durch sein Teleobjektiv sah er einen Bären, der direkt auf ihn zukam. Einem Rat aus Deutschland folgend, blieb der Wanderer ruhig sitzen. Doch "Mischka" (der Bär) nähert sich unbeirrt weiter an. Als das Tier auf 150 Meter herangekommen war, versuchte Ralf ihn mit Händeklatschen zu verschrecken. Ausdauerndes, lautes Händeklatschen "war mir ja noch aus FDJ-Zeiten geläufig", erzählt der Motorradfahrer mit einem Augenzwinkern. Doch Ausdauer war diesmal nicht nötig. "Schon beim ersten Klatschen erhob sich das gute Tier auf seine Hinterbeine und verschwand grußlos im Wald."

Groß war auch die Freude, als Ralf Ende September mit seiner unverwüstlichen Käthe wieder in Deutschland eintrudelte. Das Wiedersehen mit Familienangehörigen und Freunden sei nach dieser langen Reise sehr intensiv gewesen, erzählt er.