Zwei Jäger auf Mammutjagd - Boris Schumatzki und Wladimir Kaminer erklären Russland und die UdSSR

Boris Schumatzki und Wladimir Kaminer am 4. Oktober in der Kulturbrauerei Berlin.
Boris Schumatzki und Wladimir Kaminer am 4. Oktober in der Kulturbrauerei Berlin.
In der Kulturbrauerei Berlin stellte der russischstämmige Schriftsteller Boris Schumatzki sein Buch "Die Trotzigen" vor. Wladimir Kaminer und er sprachen über ihr Verhältnis zu ihrer Heimat, zur UdSSR und zum heutigen Russland. RT war dabei.

Von Wladislaw Sankin

Der Publizist Boris Schumatzki (geb. 1965) schreibt seit Anfang der 1990er Jahre für die deutschsprachige Presse. Er war im Jahr 1994 nach Deutschland ausgewandert und wurde zum "Berufsrussen", wie er sich unfreiwillig selbst nannte, der dem Westen zeigen sollte, dass der Russe mentale "Fesseln" der Sowjetära abgeworfen habe. Durchaus freiwillig präsentierte er sich schon bald als Vorzeigerusse.

In seinen Essays über Russland brachte er zum Ausdruck, sich dazu berufen zu fühlen, mit gestrengem Auge darüber zu wachen, dass sein Herkunftsland nicht wieder zu einer Diktatur werde. Dass er dabei selbst zum Gesinnungswächter wurde, lag in der Natur der Sache. Vor allem wusste er stets, was sein Zielpublikum aus seinem Munde hören und aus seiner Feder lesen wollte. Und so nimmt es kaum Wunder, dass Boris Schumatzki sein Land seit Beginn der Präsidentschaft Wladimir Putins auf dem direkten Wege in eine Diktatur sah, und dass er es zielsicher zum Russland-Kritiker schlechthin brachte, selbstverständlich auch im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt.

Finanzinvestor George Soros vor einer Rede im

Diesmal war aber ein wenig Nostalgie angesagt, man gönnt sich ja sonst nichts. Am 4. Oktober präsentierte Schumatzki sein erst jüngst erschienenes Buch "Die Trotzigen", das sich in den Tagen des August-Putsches 1991 in Moskau und zwei Jahre danach abspielt: in jenen schicksalhaften Monaten gigantischer Umwälzung, als die Sowjetunion zerbrach und ein neues Russland entstand. Der Autor las vor etwa 40 versammelten Gästen Abschnitte aus seinem Buch vor und plauderte in den Pausen mit seinem Landsmann Wladimir Kaminer (geb. 1967) über die Zeit damals.

Auch der prominente Gast hat spätestens zu Zeiten der Ukraine-Krise gemerkt, dass eine Existenz als glühender Russland-Kritiker in Deutschland schnell gegründet ist und gerade einem russischen Kronzeugen ungeteilte Aufmerksamkeit verspricht. Zuvor hatte Kaminer sich mit lustigen Geschichten über Absurditäten russischer Mentalität und Kulturclash-Komik, sowie als DJ einen Namen gemacht. In deutschen Talkshows ist er immer wieder mal willkommener Gast. Kaminer war 1990 nach Berlin gezogen und hat, wenn schon nicht den Putsch-Versuch 1991, so doch zumindest die späte Sowjetunion fast komplett miterlebt. Exakt diese Erfahrung ermöglichte es ihm, das erforderliche Rüstzeug zu erwerben, um es zum gefragten, klamaukaffinen Experten zu allen sowjetischen Eigenarten zu bringen.

Vor mir saßen also zwei Landsmänner und Zeitzeugen, die sich in ihrem Gebiet auskannten; beide waren Auswanderer und Schriftsteller, beide etwa gleich alt. Als zwei völlig unterschiedliche Charaktere, der etwas verhaltene Intellektuelle Schumatzki, der fast akzentfrei Deutsch sprach, und der ungehobelte, mit markantem Akzent sprechende Stereotyprusse Kaminer, ergänzten sie einander sehr gut.

Es war also ein interessanter Leseabend, eine Kulturveranstaltung und auch das Publikum war offenbar amüsiert. Jedenfalls bis auf einen Gast. Denn auch ich befand mich im Publikum, ein RT-Redakteur, der gerade über die Auflösung der Sowjetunion schreibt und selbst den gleichen Hintergrund aufweist wie die beiden Autoren. Nur politisch bin ich anders verortet. Ich predige keine liberale Demokratie westlichen Zuschnitts und halte auch die zahlreichen Soros-Stiftungen nicht für Heilmittel, die der russischen Gesellschaft auf die Beine helfen sollen.

Der Whistleblower Edward Snowden in der Berliner Volksbühne - zumindest per Videoschaltung.

Doch ich habe mich an jenem Abend mit dem Ziel in die Kulturbrauerei begeben, bewusst das Politische herauszuhalten und auf das Buch selbst zu blicken, darauf, wie die beiden Akteure die Zeit, über die auch ich schreibe, miterlebt haben.

Tänze auf den Barrikaden und in besetzten Häusern, Augustputsch in Moskau und Wiedervereinigung in Deutschland, private und historische Revolutionen, die Liebe und das Warten darauf: In Boris Schumatzkis neuem Buch "Die Trotzigen" geht es um ganz große Themen. Der russisch-deutsche Autor beschreibt seinen Roman als "zeitgemäße Liebesgeschichte", doch eigentlich erzählt er vor allem von Zwischenräumen und Möglichkeiten.

So rezensierte die Schweizer "Wochenzeitung" das Werk. Das klingt doch vielversprechend! Literatur, Kunst, Philosophie: Es muss doch die "Zwischenräume" geben, die uns für einen kurzen Moment die lästige Politik vergessen machen. RT Deutsch sollte doch nicht seinem "Ruf" folgend alle Russland-Kritiker reflexartig auseinandernehmen und bei jeder Gelegenheit Gegen-Bashing veranstalten.

Außerdem war das Buch von seiner literarischen Seite her betrachtet tatsächlich gut. Mit viel Detailkenntnis vermochte der Autor die Protagonisten mit zeittypischen Verhaltensweisen auszustatten, das Buch mit skurrilen Geschichten zu füllen und gekonnt die historische Kulisse über die Abenteuer der jungen Hauptprotagonisten, eines jungen deutsch-russischen Liebespaars, aufzuspannen. Ich wollte vor mir nicht die Autoren peinlicher Gefälligkeitselaborate wie "Die Russen gibt es nicht mehr", "Russland ist eine Lüge" oder "Ich schäme mich für meine Heimat" sehen, sondern freie Kulturschaffende mit ihrer berechtigten Meinung, die einen literarischen Abend veranstalteten.

Außerdem waren die genannten Schriften ja nur aus meiner Sicht peinlich oder hetzerisch; für die anderen ist das berechtigte Kritik, sozusagen Ausdruck von Schmerz an der Heimat. Und als Journalist sollte ich sowieso über allem schweben, Linken und Rechten, Liberalen und Konservativen, Weißen und Roten, Russen und Deutschen, alle gleich anpacken und behandeln. Also neutral sein. Also wenigstens das politische Ich von der Berichterstattung fernhalten, von der Literaturkritik sowieso.

Soweit die Theorie. Doch für mich ist es schon vom Grundsatz her ein bisschen anders: Der Journalist erzählt vor allem eine Geschichte, eine Story, wenn man so will. Und diese muss authentisch und nachvollziehbar sein. Und meine Story besteht eben darin, dass der Journalist eines Mediums, das in der Presse als Kreml-Sender verprügelt wird, zu einer Veranstaltung kommt, in der zwei eingefleischte Kreml-Kritiker vor den Bildungsbürgern… Nein, dass er zu einer Lesung kommt, bei der zwei Literarier über das Buch und über ein schon lange nicht mehr existierendes Land und über ihre Wahrnehmung dieses Landes reden und dem Publikum - auch mittels zeitgenössischer Amateurvideos auf der Leinwand – ein Bild dieses Landes vermitteln.

Nein, vielleicht, doch lieber so: dass ein Kreml-Journalist zu zwei Kreml-Kritikern kommt, aber er will an diesem Abend kein Kreml-Journalist sein und vor sich keine Kreml-Kritiker sehen. Genau, so bringe ich das auf den Punkt. So fängt die Story an. Und sie endet damit, dass das eben nicht klappt. Und natürlich sieht der Journalist nicht bei sich selbst die Schuld daran, dass er seinen propaganda-verseuchten Kreml-Kopf nicht ablegen konnte, sondern bei den Literaten, die ihm keine Chance zu einem neutral-wollwollendem Bericht ließen.

Keine Chance, weil der Kreml-Journalist eben dieses Land, dieses ausgestorbene Mammut-Land, diese historische Frühgeburt mit anderen Augen sieht, weil er damals auch schon alt genug war, um sich zu erinnern und zu verstehen, dass es eben nicht Schwarz-Weiß war, wie die beiden behaupten, dass da nicht jeder, der getrunken hat, dies unbedingt aus Protest getan hat und dass nicht jeder aus diesem Land ausreisen wollte, wie dies bei den Helden der Veranstaltung und zwei Protagonisten dieses Buches der Fall war.

Weil er nicht der Meinung ist, dass in sowjetischen Lehrbüchern nur Quatsch stand, wie dies Kaminer zufolge der Fall war, zum Beispiel, dass die Leber eines Eisbären giftig sei, weil sie viel Vitamin A beinhalte. Und das Land, nun mal als Russland, noch weitere tausend Jahre als der "halbtote Drache" da liegen bleibt. Weil der Kreml-Journalist dem Künstler seine markante Bild-Sprache nicht gönnt.

Weil der smarte Schriftsteller Schumatzki bei aller ihm eigenen Kultiviertheit doch bei jeder Gelegenheit - drei davon habe ich illustrativ aufgezählt - ein holzschnittartiges, aus den Legenden der radikal oppositionellen russischen Internet-Medien zusammengewürfeltes Bild vom heutigen Russland ins Publikum warf.

So wie die Geschichte über ein "Kinderbett in Form einer BUK-Rampe", das angeblich in Russland nahezu zum Verkaufsschlager geworden wäre. Dies ausgerechnet, nachdem "zweifelsfrei" bewiesen wurde, dass die Russen es gewesen wären, die das malaysische Flugzeug vom Himmel geholt haben - und das natürlich auch noch absichtlich, versteht sich. Und nun brüsten sich die Russen auch noch mit diesem Militärgerät und wollen auch ihre Kinder zu Jägern auf zivile Flugzeuge erziehen: Der Schriftsteller war absolut empört über dieses vermeintliche Beispiel moralischer Verdorbenheit aufseiten der Russen. Nein, nicht aller. Denn es gibt doch, ihm zufolge, ja auch noch ein "besseres Russland", das man, versteht sich, daran erkennt, dass es seine Meinung teilt.

Ich muss Boris Schumatzki dann aber auch dafür danken, dass er mir diese Chance, seine Vorstellung an diesem Abend abseits jedweder politischer Abneigung zu betrachten, absolut offen und ehrlich entzogen hat. Auf eine Weise, so dass ich tatsächlich kein schlechtes Gewissen haben muss, ein schlechter Journalist zu sein, wenn mir das nicht gelingen mochte. Er gab selbst aufrichtig zu, er sei ja ein politischer Mensch und er machte den Eindruck, dass ihm viel am Herzen liegt, was in seinem Land passiert. Wir sind dann wenigstens quitt.

Und als RT-Redakteur weiß ich auch, dass Boris Schumatzki kein einziges Mal eine Seite mit RT-Inhalten geklickt hat. Sonst würde ihm diese Beschuldigung zu vermeintlichen BUK-Kinderbetten nicht mehr so leicht von den Lippen kommen. RT berichtete, gleich nachdem ein oppositioneller Blogger diese Gerüchte in die Welt gesetzt hatte, über die Hersteller dieser Designer-Betten, die in der Tat nach dem Auftrag eines Offiziers der Luftabwehr ein solches Bett entworfen haben, aber dies als eines neben Dutzenden anderen Fahrzeug-Modellen und ohne spezielle Bezugnahme. Anderen Informationen zufolge gibt es dieses Bett-Modell bereits seit zehn Jahren.

Als Nicht-RT-Leser wird er wohl auch kaum eine Vorstellung davon haben, dass die "prorussischen Separatisten", denen im westlichen Kontext um den Boeing-Abschuss kaum menschliche Züge zugestanden werden, trotz rundherum stattfindender Kriegshandlungen nicht nur tatkräftig die Logistik der Aufräumarbeiten unterstützt haben, sondern an der Absturzstelle eine Gedenkstätte errichteten und diese mit orthodoxem Ritus einweihten.

Am Ende dieser Veranstaltung sah ich nur zwei Menschen, die es sich als Kritiker ihrer fernen Heimat, ob von heute oder von gestern, bequem eingerichtet haben. Verfolgt waren sie nicht und auch heute reisen die beiden in die von ihnen gegeißelte "Diktatur" frei und ohne Probleme. Sie haben es dank ihrer ostentativ zur Schau gestellten Onkel-Tom-Attitüde so bequem, dass sie es nicht einmal merken, wie sie mit ihrer immer primitiveren Russland-Kritik im Grunde das Gleiche veranstalten wie die Sowjet-Propaganda in jenen Zeiten, die sie selbst auch noch erlebt hatten. Wobei auch nicht zuletzt diese nicht mehr glaubwürdige Propaganda ihren Beitrag zum Untergang der UdSSR geleistet hat.

Verstörend wirkt in diesem Zusammenhang auch, dass der Lektor des Buches im Vorspann zur Veranstaltung, ob ironisch gemeint oder nicht, ausgerechnet die beiden Autoren zu den "Russland-Experten Nummer 1 und 2" erklärt hatte. Wenn sie Experten wären oder als solche wahrgenommen werden wollen, dann sind sie der damit verbundenen Verantwortung nicht gerecht. Aus ideologischen Gründen ist ihr Blick auf den Gegenstand ihrer Expertise derartig getrübt, dass sie im Endeffekt nur ihre gesellschaftliche Stellung nützen, um griffige Klischees zu verstärken.

Zu guter Letzt muss ich meine Redaktion in Anbetracht meines gescheiterten Auftrages ein wenig von einer allfälligen Mitverantwortung entlasten. Neben mir saß als private Besucherin noch eine RT-Redakteurin. Sie empfand den Abend komplett anders und würde sich durchaus in der Lage fühlen, einen Bericht über die Literatur so zu schreiben, wie es sich gehört.
Aber sie ist auch um einiges jünger als ich, die Sowjetunion kannte sie nicht mehr.