Endlich handelt Paris: Vereinfachte Einreise für Pleite-Kandidaten

No Nations, no borders - Paris will seine Pforten für notleidende Banken aus der City of London öffnen.
No Nations, no borders - Paris will seine Pforten für notleidende Banken aus der City of London öffnen.
Die unfassbare Tragödie darbender englischer Banken nach dem Brexit findet ein zu Tränen rührendes Ende. Frankreich opfert sich auf, um mittels beschleunigter und vereinfachter Bewilligungsverfahren den bedrängten Banken auf dem Kontinent Asyl zu gewähren.

von Pierre Lévy

Man hielt sie für kalt und unmenschlich, für im eiskalten Wasser der egoistischen Berechnung ertrunken. Aber dann bedurfte es nur eines Umstandes von derartig tragischem Ausmaß wie des Votums für den Brexit, um ganz ergriffen den eigenen wahren Charakter zu erkennen: Unsere Pariser Freunde aus der Bankenwelt und ihre Kollegen Finanzregulatoren sind in Wirklichkeit sehr großzügig.

Die einst als Bollwerk soliden Finanzgebarens geltende Deutsche Bank droht zum Schrittmacher einer neuen globalen Finanzkrise zu werden.

Sie konnten es nicht mitansehen, wie ihre britischen Kollegen immer tiefer ins Unglück stürzen. So jedenfalls könnte man das gemeinsame Kommuniqué der Finanzmarktaufsicht (Autorité des Marchés Financiers, AMF) auslegen, das jüngst das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Diese französische Wohltätigkeitsinstitution gab am 28. September bekannt, dass man "willigen britischen Finanzinstitutionen das Recht der Niederlassung auf französischem Boden einräumen" will.

Den Banken in der Londoner City will man auf diese Weise „beschleunigte und vereinfachte Bewilligungsverfahren" schmackhaft machen. Die ewigen Verlierer unseres Zeitalters, die Kreditinstitute, sollen die Möglichkeit haben, auf dem Kontinent leichter Asyl zu beantragen.

Wir stellen gerührt fest, dass die französischen Gastgeber die an die Neueinwanderer gerichteten Dokumente sogar freundlicherweise ins Englische übersetzen lassen. Denn schließlich kann sich keiner vorstellen, dass diese bedauernswerten globalen Finanzgesellschaften selbst in der Lage wären, die in der am Ufer der Seine gesprochenen, unmöglichen Mundart verfassten Informationen zu entziffern.

Kurz und gut: Die Londoner Banker sehen schon den für sie ausgerollten roten Teppich in Richtung Place de Paris. Eine vollkommen selbstloser Akt der Großzügigkeit eben derjenigen, die zuvor vergebens versucht hatten, die britischen Brexit-Wähler umzustimmen. Die Prognosen der französischen Weltwirtschaftsexperten über die unvermeidlichen Folgen eines Austritts aus der Europäischen Union waren schließlich eindeutig: Apokalypse, Katastrophe, Kataklysmus, Tote, die sich aus ihren Gräbern erheben. In Erwartung der angekündigten Katastrophe scheinen diese Unglückspropheten dem Brexit-Drama letztlich auch positive Seiten abgewinnen zu können: Man schicke mir die Kleinanleger…

Folglich ist die Großzügigkeit der AMF zu begrüßen. Denn wer kann sich die Höllenqualen vorstellen, die in der City eingepfercht lebende, unglücksselige Trader, leitende Angestellte und Leiter von Finanzinstitutionen heute erleiden müssen? Der bloße Anblick eines leichtsinnigen Menschen mit typischer Melone entfacht den rachsüchtigen Zorn von Horden blutrünstiger Proletarier. In der Stadt Cromwells zählt man die gelynchten Bankiers und Manager von Hedgefonds, die der Rache von Bewohnern abgelegener Arbeiterviertel am Stadtrand ausgeliefert sind, schon lange nicht mehr.

Demonstranten heben ihre Hände bei einer Abstimmung auf dem Platz Puerta del Sol in Madrid am 22. Mai 2011. Etwa 30.000 Menschen stimmten auf dem Platz gegen die Regierung ab.

Ein noch schlimmerer Fluch als ihre einheimischen Kollegen ereilt die ausgewanderten EU-Bürger. Seit dem 24. Juni berichtet die französische Presse unablässig von der Verzweiflung dieser Unglücklichen:

Ich fühlte mich zu Hause, ich fühle mich [von den britischen Wählern] betrogen", beklagt sich der eine; "Es ist das erste Mal, dass ich mich nicht mehr willkommen fühle und in Tränen ausgebrochen bin", berichtet die andere; "Ich wurde meinem Auswanderungsplatz ausgeliefert", wettert eine dritte.

Übrigens ist die Zahl der Einbürgerungsanträge bei den Konsulaten von EU-Ländern, unter anderem von Deutschland, Spanien und auch vor allem Irland, seit dem 24. Juni in die Höhe geschnellt. Jeder Antragsteller hat Ahnenforschung betrieben in der Hoffnung, auf einen Vorfahren aus einem dieser Länder zu stoßen, der zur Beantragung eines Passes berechtigen würde, um in letzter Minute der Barbarei des Populismus entfliehen zu können. Nicht bestätigten Berichten zufolge haben sogar die Einwohner der Vororte von Aleppo spontan Geld für die in die Falle des perfiden Albion geratenen Benachteiligten gesammelt.

Selbstverständlich werden hier nicht die Staatsangehörigen der Commonwealth-Länder erwähnt, die fast überall Nabob-Stellen als Müllarbeiter, Hausgehilfinnen usw. besetzen, wenn sie sich nicht gerade dank üppiger Arbeitslosengelder in der Sonne aalen. Nein, die modernen Verdammten dieser Erde sind die Bürger Europas in London, die nur die unwürdigen Stellen bekleiden, die man ihnen gelassen hat: etwa als führende Bankangestellte, Chefs von Start-ups, kreative Köpfe in Sachen Marketing oder Kommunikation, Syndikusanwälte und ähnliches mehr.

Man stelle sich also Kohorten dieser notleidenden Migranten vor, die zu allem bereit sind, um der Hölle Ihrer Majestät angesichts der Spötteleien des Mobs zu entfliehen.

Einheimische Minderheiten oder verhasste Bürger Europas: Wer könnte nicht zumindest einen Funken des Mitgefühls verspüren für diese Märtyrer, Opfer eines Volkes, das seine eigene Elite niedermetzelt? Und: Wer könnte die tragischen Auswirkungen der Ausweisung von diesem einzigartigen Ökosystem – Geschäftsbanken, Finanzberater, Beratungsfirmen, Rating-Agenturen, Lobby-Agenturen... – für die britische Wirtschaft nicht abschätzen?

Nun ja, lassen Sie uns den postmodernen Epigonen der Heiligen Mutter Teresa danken, die die Korridore der AMF bevölkern: Sie verbindet eine mustergültige menschliche Solidarität zugunsten eines unverhofften Beitrags für die französische Wirtschaft. Mit einem derart umfangreichen, aus der City übersiedelten Kompetenzpool müssen die wenigen Industrie-Betriebe, die es wagen, im heutigen Frankreich fortzubestehen, nicht mehr lange darben.

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