Vorwurf der Kinder-Pornografie: Fotoausstellung von Jock Sturges in Moskau geschlossen

Vorwurf der Kinder-Pornografie: Fotoausstellung von Jock Sturges in Moskau geschlossen
Ein Sturm gesellschaftlicher Entrüstung brach am Wochenende über die Ausstellung "Ohne Beschämung" des amerikanischen Fotokünstlers Jock Sturges im Moskauer Bruder-Lumière-Zentrum herein. Gestern Nachmittag wurde die Ausstellung geschlossen.

Am 23. September unterschrieb der russische Präsident Wladimir Putin die vom Gesetzgeber vorgenommenen Änderungen zum Paragraf 241.1 des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation.

Jürgen Boos, Chef der Frankfurter Buchmesse, im Gespräch mit RT Deutsch.

Dieser soll den Begriff der "Kinder-Pornografie" genauer definieren. Demnach werden unter "Kinder-Pornografie" alle Darstellungen verstanden, die Geschlechtsorgane von Minderjährigen vollständig oder teilweise zeigen. Dies gelte aber nicht für Materialen mit "geschichtlichem, kulturellem oder künstlerischem Wert".

Nur wenige Stunden, nachdem die Medien über das Inkrafttreten dieser Bestimmung berichtet hatten, sollte das Gesetz bereits erstmals auf seine Anwendbarkeit geprüft werden. Am 24. September postete Lena Miro (Elena Mironenko), eine der populärsten Bloggerinnen der Russischen Föderation, ihren zornigen Beitrag "Die Ausstellung der Pädophilen in Moskau" auf dem Portal des LiveJournal. Darin wetterte sie nicht nur gegen die Organisatoren der Ausstellung, sondern auch gegen all diejenigen, die bis dahin keine Stimme gegen die Ausstellung erhoben hätten oder von Amts wegen dagegen vorgegangen wären. Der Beitrag wurde 39.000 Mal in sozialen Netzwerken geteilt.

Die konservative Senatorin Elena Misulina von der Partei "Gerechtes Russland", die als Vorsitzende des Duma-Ausschusses für Familien-, Frauen- und Kinderangelegenheiten eine Reihe von Gesetzen zum Schutz der öffentlichen Moral auf den Weg gebracht hatte, nahm das Aufsehen um die umstrittene Ausstellung zum Anlass, die Initiative zu ergreifen. Sie kündigte an, eine offizielle Anfrage an den Generalstaatsanwalt Juri Tschajka zu richten zwecks Prüfung, ob nicht der Paragraf 241.1 des russischen Strafgesetzbuches durch den Inhalt der Ausstellung verletzt sei.

Die Räume der Ausstellung "Ohne Beschämung" kurz vor der Schließung.
Die Räume der Ausstellung "Ohne Beschämung" kurz vor der Schließung.

Zweieinhalb Stunden später, am Samstagabend um 18:35 Uhr, meldete sich auch die jüngst durch Präsident Wladimir Putin zur Ombudsfrau für Kinderrechte bestellte Anna Kuznetsowa, ebenfalls via Facebook, zu Wort. Als Priesterfrau und sechsfache Mutter war die 34-Jährige schon mehrere Jahre ehrenamtlich in verschiedenen patriotischen und wohltätigen Vereinen sowie bei der Allrussischen Volksfront aktiv. Ihre Bestellung in dieses Amt wurde medial aufmerksam verfolgt und gilt in der russischen Bevölkerung als weiteres Signal der Betonung konservativer Werte, wie sie unter Präsident Putin seit Jahren in der Öffentlichkeit eine Renaissance erleben.

Kubismus, Konstruktivismus und sonstige Avantgarde, zusammengefügt in Glas, Stahl und Beton: Die Sowjetarchitektur der 1920er hat das Interesse eines Londoner Independent-Verlages erweckt.
(Bild: A.A. und W.A. Vesnin 1934, Bauprojekt für das Volkskommissariat der Schwerindustrie)

Kuznetsowa wurde im Zusammenhang mit der Ausstellung sogleich auch den in sie gesetzten Erwartungen gerecht und postete auf Facebook:

Es ist fürchterlich, dass die Fotoausstellung eines Autors, dessen Werke durch Roskomnadzor (Russlands Aufsichtsbehörde für Massenmedien, Telekommunikation und Datenschutz) als 'Kinder-Pornografie' eingestuft sind, im 'Kulturleben' unserer Hauptstadt noch stattfinden kann."

Sie kündigte auch an, dass die Staatsanwaltschaft bereits in Kenntnis gesetzt worden sei.

Am darauffolgenden Vormittag fuhren zivilgesellschaftliche Kräfte des Landes schweres Geschütz auf: Von der patriotischen NGO der "Offiziere Russlands" waren 15 junge, uniformierte Mitglieder erschienen und blockierten den Eingang zur Ausstellung.

Der Chef des Vereins und der Vorsitzende des Komitees der Gesellschaftlichen Kammer für Sicherheit, Anton Zwetkow, war ebenfalls vor Ort, um die Fotos selbst zu begutachten und mit den Kuratoren der Ausstellung über das weitere Vorgehen zu verhandeln. In diesem Moment war der Eingang schon auch von Journalisten belagert, denn die Geschichte war mittlerweile zur Nachricht Nummer eins in russischen Medien aufgestiegen.

Am Nachmittag wurde diesen "aus Respekt" der Zugang zu der umstrittenen Ausstellung ermöglicht und die Verantwortlichen des Kulturzentrums konnten eine improvisierte Pressekonferenz abhalten. Die Entscheidung, die Ausstellung zu schließen, stand jedoch zu diesem Augenblick bereits fest.

Der Direktor des Zentrums für zeitgenössische Fotografie "Brüder Lumière", Eduard Litwinski, gab nach eigener Aussage dem gesellschaftlichen Druck nach, um angesichts der heiklen Resonanz "keine weiteren Wellen zu schlagen". Diese, wie er sagte, auf Grund seines Verständnisses für die Meinung der Bürger getroffene Entscheidung sei jedoch kein Schuldeingeständnis, betonte Litwinski. Er machte deutlich, dass die Fotografien aus seiner Sicht nicht im Entferntesten den Tatbestand der Pornografie erfüllten. Die Ausstellung sei zudem bereits seit dem 8. September geöffnet und habe bis dahin keinen Anstoß erregt.

Auch der gesellschaftliche Aktivist und hohe Amtsträger Anton Zwetkow, der sich selbst ein Bild von den 35 Werken der Ausstellung machen konnte, äußerte sich darüber versöhnlicher als die Kolleginnen Misulina und Kuznetsowa. In der Sache konnte jedoch auch er den Protest nachvollziehen.

Ich möchte bestätigen: In der Tat waren jene Bilder, die man mir gestern zugeschickt hatte, nicht in der Ausstellung zu sehen, als ich ankam. Unter den 35 Bildern, die ausgestellt wurden, waren fünf bis sieben, die Bestürzung hervorrufen und meiner Meinung nach auch bestürzend sind. Diese haben mit der pädophilen Thematik durchaus etwas zu tun. Aber das ist Meinung eines Nicht-Profis, ich bin kein Kunstexperte. Ich habe aber im Zuge meiner Arbeit viel mit den Anliegen von Bürgern zu tun, deren Kinder unter pädophilen Akten gelitten haben und ich halte dies ihnen gegenüber für beleidigend."

Ende gut, alles gut? Zu juristischen Schritten ist es nicht gekommen. Die Ausstellungsmacher haben ihr Gesicht gewahrt und die zivilgesellschaftlichen Kräfte können stolz sein, innerhalb von knappen 30 Stunden etwas Konkretes bewirkt zu haben: Die umstrittene Ausstellung ist geschlossen.

Was bleibt, ist eine Erfahrung, die die russische Gesellschaft gemacht hat, und die Reflektion darüber. Es bleibt eine Story, die in die Geschichte der Akt-Fotografie als ein weiterer Skandal eingeht. Die russische Öffentlichkeit, die sich sonst nur in Grundsatzfragen einig ist und auch das nur selten, machte hier ziemlich geschlossen ihre Meinung deutlich.

Selbst die liberalen Medien, die im Zweifel immer für Freiheit der Kunst plädieren, übten sich in Zurückhaltung: Nur wenige wagten es, im Zusammenhang mit diesem heiklen Thema die Ausstellung zu verteidigen. Und wenn es vereinzelte Kritik gibt, dann eher an dem Umstand, dass die Schließung nicht auf juristischen Wege erfolgte, sondern aufgrund einer "nicht sanktionierten" Aktion.

Anna Kuznetzowa mit ihrem Mann und Kindern.
Anna Kuznetzowa mit ihrem Mann und Kindern.

Der Grundtenor aber zeigt: Auch im heutigen Russland gelten Kinder für die meisten, trotz horrender Scheidungsraten, immer noch als Heiligtum.

Der Fotograf Jock Sturges reagierte enttäuscht auf die Schließung seiner Ausstellung. Seine Fotos seien nicht obszön, die jungen Modelle seien mit Einverständnis ihrer Eltern fotografiert worden, frei und "ohne Beschämung". Der Künstler hat seit den 1970er Jahren mehrere Nudistenfamilien auf Stränden in den USA, Frankreich und Irland kontinuierlich fotografisch begleitet. Einige weibliche Modelle verfolgt er dabei über Jahrzehnte von deren früher Kindheit bis Ende zwanzig, inklusive der Periode der Geschlechtsreife. In seinem Kommentar sagte Sturges:

Es ist schade, weil Moskau eine atemberaubende Stadt des 21. Jahrhunderts ist. Diese Fotos wurden überall in der Welt veröffentlicht. Und keine Galerien oder Museen erkannten Pornografie dort."

Von den Pornografie-Vorwürfen abgesehen, steht auf jeden Fall fest, dass die Ausstellung einen Einblick in die Russland völlig fremde FKK-Kultur lieferte. Was der Künstler auch nicht erwähnt, sind die Ermittlungen gegen ihn in seiner eigenen Heimat, als im Frühling 1990 das FBI im Zuge einer Razzia in seinen Räumlichkeiten die Fototechnik, tausende Abzüge und fertige Bilder beschlagnahmte und Sturges kurz vor der Anklage stand. Nur der Einsatz namhafter internationaler Künstlervereinigungen konnte eine solche abwenden.

In den darauffolgenden Jahren gab es immer wieder Proteste, vor allem vonseiten christlicher Vereinigungen, die gegen die Verbreitung seiner Bilder protestierten, da diese angeblich "den Stoff für Kinderschänder" bieten würden. Auch wenn Sturges in der Welt der Fotografie als ausgewiesener Künstler gilt, bleiben seine Bilder umstritten und seine Popularität lebt auch vom Faktor der Politisierung.