Ein Semester in St. Petersburg: Ausflug in eine russische Hansestadt – Teil 2

Ein Semester in St. Petersburg: Ausflug in eine russische Hansestadt – Teil 2
Der Jura- und Philosophie Student Danilo Flores hat sich für ein halbes Jahr an der St. Petersburger Uni eingeschrieben. Für RT Deutsch führt der Austauschstudent ein Reisetagebuch. In seinem heutigen Beitrag berichtet er über die Besichtigung des Nationaldenkmals „Tausend Jahre Russland“ und klärt über gewisse russische Mythen auf.

von Danilo Flores

Als erstes steht bei der Führung durch den Nowgoroder Kreml die Besichtigung des Nationaldenkmals „Tausend Jahre Russland“ auf dem Programm. Das glockenförmige Monument wurde im Jahre 1862 eingeweiht – Tausend Jahre zuvor, im Jahr 862, betrat Rurik russischen Boden. Das berichtet zumindest die Nestorchronik, die älteste erhaltene Quelle zur russischen Frühgeschichte.

Legendäre Vorzeit und neuere Nationalgeschichte gehen in der russischen Geschichtsschreibung nahtlos ineinander über. Aber darf man dem Narrativ vom Wikingerfürsten, den die zerstrittenen Slawenstämme ins Land holten, Glauben schenken? Wir wissen nur allzu gut, dass keine tausend Jahren vergehen müssen, um Mythen in die Welt zu setzen.

"Die Kirchen in Nowgorod dienten auch als Warenlager und Gerichtssaal"
"Die Kirchen in Nowgorod dienten auch als Warenlager und Gerichtssaal"

In Zeiten, in denen es noch keine Massenmedien gab, diente ein Denkmal wie dieses dazu, in den Köpfen der Menschen ein bestimmtes Geschichtsbild zu verfestigen. Vefolgt deswegen ausnahmslos jeder Erbauer eines Monuments die Absicht, der Nachwelt eine geschönte Vergangenheit unterzujubeln? Das Denkmal, vor dem ich stehe, besteht in der Vertikalen aus drei Ebenen: oben ein Engel mit Kreuz, der eine kniende Frau – Mütterchen Russland – segnet; in der Mitte eine Auswahl russischer Zaren; unten am Sockel Figuren bedeutender russischer Persönlichkeiten, Repräsentanten der Schöpferkraft des russischen Volkes. Diese drei Elemente stehen für die Grundpfeiler der russischen Nation: Orthodoxie, Autokratie, Volk. Alles an diesem Denkmal ist mit Bedeutung aufgeladen.

Wenn heute etwas „symbolisch“ gemeint ist, dann handelt es sich bloß um eine leere Geste. Vielleicht werden keine Denkmäler mehr errichtet, weil es schlicht nichts mehr gibt, was eines verdient hätte.

Weiter geht’s zur Sophienkathedrale, die zwischen 1045 – 1050 erbaut wurde und damit die älteste Kirche Russlands ist. Auf einem Kreuz auf der Spitze des höchsten Zwiebelturms, der im Unterschied zu den übrigen vergoldet ist, sitzt eine Taube, die der Stadt Glück bringen soll. Nur einmal sei sie weggeflogen: Während der Eroberung Nowgorods durch die Wehrmacht. Wie auch die „Hagia Sophia“ in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, ist die Kirche nach „Σοφία (Sophia)“ benannt, dem altgriechischen Wort für Weisheit. „Philosophie“ ist bekanntlich die „Liebe zur Weisheit“.

"Russlands älteste Ikone von Sophia, der göttlichen Weisheit"
"Russlands älteste Ikone von Sophia, der göttlichen Weisheit"

Im Zusammenhang mit orthodoxer Theologie meint „Sophia“ die Weisheit Gottes. Interessant finde ich, dass im Russischen so viele zentrale Begriffe weiblichen Geschlechts sind. Schon der Landesname Россия (Rossija) ist weiblich!  Deswegen kniete ganz oben auf dem Nationaldenkmal ja auch eine Frau und kein Mann. Auch die Personifikation der göttlichen Weisheit wird traditionell als weibliches Wesen dargestellt. Weiterhin sei an die Ikone der Gottesmutter erinnert, die sich in jeder orthodoxen Kirche findet. Wertschätzung für das Weibliche kann auch andere Erscheinungsformen haben als eine von Großkonzernen befürwortete Frauenquote.

Der Maler Nicholas Roerich hielt die Hanse in Russland in einem Gemälde fest.

Wir verlassen den Kreml und überqueren auf einer Fußgängerbrücke den Fluss Wolchow.  Vom linken Ufer, der Sophienseite, gelangen wir aufs rechte Ufer, die Handelseite. Dort standen früher die Kontore und die Markthalle. Nowgorod war im Mittelalter ein blühendes Handelszentrum zwischen Ost und West. Beliebtestes Exportgut nach Europa waren die wertvollen Nowgoroder Pelze. Auch russisches Wachs war hierzulande begehrt. Erstaunlich: In Nowgorod trank man gerne Met! Die Slawen labten sich ebenso wie die Germanen an dem alkoholischen Honiggetränk. Das russische Wort für Honig – „мёд“ (Mjod) – kann ich mir deshalb so gut merken, weil es fast genauso klingt wie „Met“.

Der Wodka, den viele für eine russische Erfindung halten, wurde erst unter Peter dem Großen in Russland eingeführt. So jedenfalls erzählt es mir meine Russichlehrerin. Mich würde es nicht wundern, wenn der europhile Zar neben vielen anderen europäischen Unsitten auch dieses Verhängnis über Russland gebracht hätte. Der unter Peter dem Großen eingeleitete Modernisierungsschub stieß durchaus nicht bei allen Russen auf Anklang.

Zugespitzt könnte man sagen: Peter der Große war für das damalige Russland das, was eine westliche NGO für das heutige Russland ist. Seine Bartsteuer, mit der er die Bojaren, die traditionsbewussten Adligen, salonfähig machen wollte, war durchaus kein geringer "Einschnitt. Hing Peters Reformierungswut mit seinem Übertritt zum Freimaurertum in Amsterdam zusammen? Nicht alle Autokraten waren für Russland ein Segen. So findet sich auf dem Nationaldenkmal „Tausend Jahre Russland“ auch eine Figur, die Katharina die Große darstellt, jene machthungrige Anstifterin zum Zarenmord und langjährige Usurpatorin des Throns. Auf dem Schreibtisch welcher deutschen Bundeskanzlerin steht noch gleich ein Portrait Katharinas?