Politik mit weiblichem Gesicht: Umfrage vor den Duma-Wahlen

Frauen in der russischen Duma: Eine jüngst durchgeführte Umfrage von WZIOM zeigt, dass die russische Gesellschaft den vergleichsweise hohen Frauenanteil in der Politik des Landes überwiegend begrüßt.
Frauen in der russischen Duma: Eine jüngst durchgeführte Umfrage von WZIOM zeigt, dass die russische Gesellschaft den vergleichsweise hohen Frauenanteil in der Politik des Landes überwiegend begrüßt.
Die russische Bevölkerung sieht offenbar keinen Widerspruch zwischen konservativen Überzeugungen und einer starken politischen Beteiligung von Frauen. Dies zeigt eine aktuelle Umfrage. Frauen wird ein "offenes Ohr für soziale Fragen" zugeschrieben.

Eine Umfrage des Allrussischen Zentrums für Meinungsforschung (WZIOM) zeigt, wie die russische Bevölkerung aktuell die Arbeit von Frauen in der Politik bewertet. Die Umfrage wurde Ende August unter 1.600 repräsentativ ausgewählten Personen durchgeführt. Dabei sollten die Befragten unter anderem die Vor- und Nachteile ankreuzen, die sie hinsichtlich politischer Karrieren von Frauen sehen. Traditionell liegt in der Russischen Föderation der Anteil an Frauen in der Politik sehr hoch.

Ekaterina Trofimova, Geschäftsführerin der Ratingagentur Analytical Credit Rating Agency (ACRA) im Januar 2016.

Mehr als drei Viertel der Befragten stehen einer politischen Betätigung von Frauen positiv gegenüber. Erwartungsgemäß liegt die Zustimmung unter Frauen selbst mit 87 Prozent deutlich höher. Auch unter älteren Menschen stimmen überdurchschnittlich viele Befragte dem politischen Engagement von Frauen zu.

Unter jüngeren Menschen, die dem allgemeinen Trend in der Russischen Föderation folgend konservativer ausgerichtet sind, finden es mit 68 Prozent etwas weniger Befragte richtig, dass Frauen sich politisch engagieren.

Insgesamt billigen 82 Prozent der Befragten eine Gleichstellung von Frauen und Männern bezüglich politischer Aktivitäten. Das bedeutet aber auch, dass fast jeder Fünfte nicht damit einverstanden ist, dass Frauen die gleichen Rechte zukommen wie Männern.           

Dennoch stellt eine stärker konservativen Werten verpflichtete Gesellschaft in Russland offenbar keinen Widerspruch zur Partizipation von Frauen in politischen Entscheidungsetagen dar. Immerhin sind es in Russland nicht selten Frauen mit sehr konservativen Vorstellungen, denen es gelingt, sich politisch in Szene zu setzen. Jüngste Beispiele dafür sind die neue Bildungsministerin Olga Wassiljewa oder die sechsfache Mutter Anna Kusnezowa, die jüngst zur Ombudsfrau für Kinderrechte ernannt wurde.

Frauen spielen tatsächlich eine immer wichtigere Rolle in der russischen Politik. Gleichzeitig sind immer mehr Bürger in der Russischen Föderation der Auffassung, dass sich die Gleichberechtigung auch in der Legislative und Exekutive in einer positiven Weise entwickelt hat.

Noch im Jahr 1998 sah fast die Hälfte der Befragten (45 Prozent) Verbesserungsbedarf, was den Anteil von Frauen in der professionellen Politik betraf. Inzwischen sprechen sich nur noch 37 Prozent dafür aus, den Frauen-Anteil unter Politikern weiter zu erhöhen. Zugleich ist die Zahl derjenigen, die glauben, dass Frauen in Politik ausreichend vertreten sind, von 27 Prozent auf 38 Prozent gestiegen.

Die Befragten sollten auch angeben, welche spezifischen Eigenschaften von Frauen sie für nützlich in der Politik halten. In mancherlei Hinsicht zeigt sich dabei ein ambivalentes Bild. Charaktereigenschaften wie Nachgiebigkeit und Freundlichkeit gelten vielen Russen als potenzielle Schwächen. Andererseits empfinden immerhin zehn Prozent gerade diese Merkmale als Pluspunkt hinsichtlich der politischen Arbeit.

Emotionalität, Professionalität und weibliche Logik sind Eigenschaften, die nicht eindeutig bewertet wurden. Teilweise wurden sie als Stärken, teilweise als Schwächen betrachtet. Der wichtigste Vorteil von Frauen im Vergleich zu Männern in Politik ist, zumindest nach dem Verständnis der Befragten, ihr besseres Verständnis für soziale Probleme. Diese Aussage bejahen 16 Prozent aller Befragten.

Die verantwortliche Direktorin von WZIOM, Elena Mikhailova, kommentiert die Ergebnisse der Umfrage folgendermaßen:

In der Gesellschaft haben sich die Anforderungen bezüglich der Beteiligung von Frauen in der Politik stabilisiert. Diese sind sowohl durch den aktuellen Stand des sozialen Systems als auch durch die Unterschiede zwischen den Geschlechtern geprägt. Frauen verfügen über besondere Qualitäten, die es ihnen ermöglichen, sich auf dringende und schmerzhafte soziale Probleme zu konzentrieren. Allerdings zeigt die eher zurückhaltende Einstellung der jungen Generation gegenüber Frauen in Politik, wie notwendig es ist, weiter Programme umzusetzen, die darauf ausgerichtet sind, die aktive Partizipation von Frauen im politischen Bereich sicherzustellen."

Wie schätzen Frauen selbst die Möglichkeit der politischen Teilhabe in der Russischen Föderation von heute ein?

Das Ausschussmitglied für Budget und Steuern im russischen Parlament, Oksana Dmitrieva, zeigt sich zufrieden mit der Wertschätzung von Frauen in politischen Funktionen. Wer erfolgreich ist, werde unabhängig vom Geschlecht akzeptiert.

Dmitrieva meint:

Ich sehe keine sozialen Vorurteile gegenüber Frauen in der Politik. Wenn eine Frau zu einer erfolgreichen Führungspersönlichkeit in einer politischen Partei oder einer erfolgreiche Regierungschefin in einem Bundesstaat wird, wenn sie wirtschaftlich erfolgreich ist oder eine erfolgreiche Ministerin, dann ist auch die öffentliche Meinung bereit, sie als Politikerin zu akzeptieren."

Oksana Dmitrieva, das Ausschussmitglied der Staatsduma der Russischen Föderation für Budget und Steuer
Oksana Dmitrieva, das Ausschussmitglied der Staatsduma der Russischen Föderation für Budget und Steuer

Anastasia Udaltsov, eine Aktivistin der "Linken Front" beschreibt die Rolle der Frauen in der russischen Politik etwas kritischer:

Frauen waren immer in der Politik. Ich selbst kam mit 18 dorthin. Und es ist normal, wenn sich junge Menschen politisch engagieren wollen. In die Politik haben mich männliche Eigenschaften geführt. Und bei allen Frauen, die politisch aktiv sind, sah ich markante, ausdrücklich männliche Eigenschaften."

Anastasia Udaltsov, Aktivistin der „Linken Front“
Anastasia Udaltsov, Aktivistin der „Linken Front“