Einstürzende Schönheiten: Ruinen der sowjetischen Utopie aus den 20er Jahren in Moskau

Kubismus, Konstruktivismus und sonstige Avantgarde, zusammengefügt in Glas, Stahl und Beton: Die Sowjetarchitektur der 1920er hat das Interesse eines Londoner Independent-Verlages erweckt.
(Bild: A.A. und W.A. Vesnin 1934, Bauprojekt für das Volkskommissariat der Schwerindustrie)
Kubismus, Konstruktivismus und sonstige Avantgarde, zusammengefügt in Glas, Stahl und Beton: Die Sowjetarchitektur der 1920er hat das Interesse eines Londoner Independent-Verlages erweckt. (Bild: A.A. und W.A. Vesnin 1934, Bauprojekt für das Volkskommissariat der Schwerindustrie)
Der Londoner Independent-Verlag Blue Crow Media bringt einen Moskau-Stadtplan der besonderen Art heraus, berichtet National Geographic. Im Fokus wird die extravagante sowjetische Architektur der 1920er Jahre stehen.

Die 1920er Jahre standen auch in der Kunst im Zeichen des Anbruchs der sowjetischen Ära. Nach dem Ende des Zarenreiches verbreitete sich nicht zuletzt unter Künstlern eine starke Aufbruchsstimmung. Vor allem junge Kulturschaffende versprachen sich von der kommenden Epoche neue verlockende Perspektiven.

Melnikow-Haus, 1927-1929, K. Melnikow
Melnikow-Haus, 1927-1929, K. Melnikow

Stellt euch einfach nur die damalige Zeit vor: Russland war finanziell erschöpft, dafür voller Hoffnung, Aussichten und junger begabter Künstler, die endlich ihr Potenzial entfalten konnten", erklärt Derek Lamberton, der Gründer des Kleinverlags Blue Crow Media, im Gespräch mit dem Magazin National Geografic.

Der Verlag hat jüngst einen eigenen Stadtplan von Moskau herausgegeben. In diesem stellt das Team, das hinter diesem Projekt steht, mehr als 50 Bauten im Detail vor. Ihnen allen ist eines gemeinsam: Sie stammen aus jener Ära, die von den beginnenden 1920er bis in die Mitte der 1930er Jahre reicht, der Zeit der Hochblüte des sowjetischen Konstruktivismus. Zu jedem Objekt findet der Erwerber des Stadtplans eine kurze Beschreibung in englischer und in russischer Sprache sowie ein Foto.

Die Garage von Intourist, 1934, K. Melnikow
Die Garage von Intourist, 1934, K. Melnikow

Viele der Bauten, die in dem Stadtplan vorgestellt werden, waren reine Zweckbauten. Öffentliche Einrichtungen nutzten sie beispielsweise als Treffpunkt für Arbeitskollektive oder als Gemeinschaftsküche. Dennoch weisen diese Gebäude noch nicht auf die vielfach als brutal und gleichförmig empfundenen Kolossalbauten hin, wie sie die spätere sowjetische Architektur kennzeichneten. Auch unterscheiden sie sich von der bisweilen gesichtslosen und tristen Zweckarchitektur der 1960er und 1970er Jahre. Im Gegensatz zu einer Reihe späterer Bausünden wirken sie kreativ und futuristisch.

Rusakow-Arbeiterklub,  1927-1928, K. Melnikow
Rusakow-Arbeiterklub, 1927-1928, K. Melnikow

Für damalige Verhältnisse waren diese Bauten ganz schön provokativ", meint Derek Lamberton.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Verlag Blue Crow Media ein Straßenverzeichnis mit kulturellem Fokus veröffentlicht hat. Noch vor dem aktuellen Stadtplan eines konstruktivistischen Moskaus gab das Independent-Projekt bereits zwei Stadtpläne heraus, die im Zeichen moderner Architektur standen.

Der jüngsten Veröffentlichung gingen ein Stadtplan von London voraus, der seinen Schwerpunkt auf brutale, massive Betonarchitektur und wirkungsgleiche Objekte aus anderen Baustoffen legte, sowie ein weiterer Stadtplan von Moskau, der im Kontrast dazu an Schnörkeln reiche, grazile Bauten im Stil des Art déco in den Vordergrund stellte. Die Leserschaft nahm beide Publikationen überaus positiv auf.

Anlass genug für Verlagsgründer Derek Lamberton, nach dem Erfolg der ersten beiden Stadtpläne noch einen weiteren zu kreieren, der die Architektur der russischen Hauptstadt zum Gegenstand hat. Da der Blue-Crow-Media-Gründer an der Hochschule Russisch studiert und russische Kunst und Literatur zum Thema seiner Masterarbeit gewählt hatte, bot dies für ihn zugleich eine willkommene Möglichkeit, seine Erkenntnisse und Erfahrungen an eine breite Leserschaft weiterzureichen.

 

Klub "Burevestnik", 1928-1930, K. Melnikow
Klub "Burevestnik", 1928-1930, K. Melnikow

Im Zuge seiner Arbeit am Stadtplan kooperierte Lamberton mit zwei engagierten Moskauer Lokalmatadoren, die sich intensiv mit dem Thema des Denkmalschutzes in der Metropole auseinandersetzen. Natalia Melikowa, die Leiterin der russischen Avantgarde-Schutzvereinigung "The Constructivist Project", steuerte die Fotos bei. Daneben stand auch Nikolai Wassiliew, Mitglied der internationalen Denkmalschutzvereinigung Docomomo, Lamberton mit Rat und Tat zur Seite.

Mehrere hundert konstruktivistische Bauten sind seit den Anfängen der Sowjetära in Moskau erhalten geblieben. Leider sind viele davon in einem erbärmlichen Zustand: marode, einsturzgefährdet und renovierungsbedürftig.

Druckerei der Zeitschrift "Ogonjok", 1932, El Lissitzky
Druckerei der Zeitschrift "Ogonjok", 1932, El Lissitzky

Der Staat kümmert sich nicht um den Erhalt dieser wertvollen Baudenkmäler", klagt Derek Lamberton. "Diese Gebäude harmonieren nicht mit dem heutigen Antlitz der Stadt."

Lamberton und sein Team hoffen, dass ihr Stadtplan des konstruktivistischen Moskaus wieder mehr Aufmerksamkeit auf die verwahrlosten Bauten lenken wird. Zunächst muss der Stadtplan aber noch von der Staatlichen Behörde für Kartografie abgesegnet werden.

Mittlerweile arbeitet der Verlag bereits an weiteren Stadtplänen mit Schwerpunkt Architektur. Im Oktober wird ein Straßenverzeichnis mit brutalistischen Baudenkmälern in Washington, D.C. erwartet. Bis November soll dann auch noch ein Projekt verwirklicht worden sein, das sich Berliner Bauten aus dem 20. Jahrhundert widmet.