Brav und fleißig in der Schule? - Austauschschülerin berichtet RT von ihrem Leben in Russland

Brav und fleißig in der Schule? - Austauschschülerin berichtet RT von ihrem Leben in Russland
Alona Bartenschlager kommt aus Bayern, ist 16 Jahre alt und hatte sich mit dem Zug auf den Weg nach Russland gemacht. Dort besuchte Alona für mehrere Monate die Schule in Sotschi. In ihrer neuen Kolumne berichtet Alona über ihren Schulalltag und die größten Unterschiede zum deutschen Schulsystem.

Hi, da bin ich wieder. Ich möchte euch in meine Schule mitnehmen, die ich besucht habe. Also, ich bin als Gastschülerin ins Gymnasium Nummer 16 gegangen. Das ist eine Gesamtschule. Das heißt, dort lernen auch Grundschüler und es gibt einen Realschulzweig. Rektorin ist Manana Leonidowna Peschkowa. Ich bin ihr dankbar, dass sie mich als Gastschülerin aufgenommen hat.

Die Rektorin meiner Gastschule in Sotschi: Manana Leonidowna Peschkowa
Die Rektorin meiner Gastschule in Sotschi: Manana Leonidowna Peschkowa

Eine der Konrektoren ist Jelena Nikolajewna Bylowa. Sie ist eine ehemalige Klassenkameradin von meiner Mama und war eine der besten Schülerinnen, wie meine Mama oft voller Bewunderung sagt. Alle mögen Jelena Nikolajewna. Ich auch. Sie ist sehr beliebt, genießt aber auch großen Respekt. Sie gibt Mathe.

Von links nach rechts: Meine Mathelehrerin, die Korektorin sowie die Sekretärin,
Von links nach rechts: Meine Mathelehrerin, die Korektorin sowie die Sekretärin,

Ich bin in eine nette Klasse gekommen und habe schnell Anschluss gefunden. Wir waren fast 30 Schüler. Mit Nastja, Paulina, Katja, Mascha, Lisa, Anja, Tatjana und vielen anderen Mädels und Jungs  habe ich mich angefreundet und wir haben eine richtig gute Clique gebildet. Sie wollten von mir wissen, wie es in Deutschland zugeht und wie ich in Deutschland lebe. Ich war neugierig, was meine russischen Freunde so den ganzen Tag treiben. In unserer Clique ging es immer lustig zu.

Was mir sofort gefallen hat, war der Weg zur Schule. Ein paar hundert Meter und schon war ich da. In Deutschland bin ich Fahrschülerin und mindestens eine halbe Stunde unterwegs. Im Gymnasium Nummer 16 war ich schon bekannt, das habe ich früher schon besucht. Dort haben auch meine Mama und mein Onkel ihre Schulzeit verbracht und ihr Abitur gemacht. Einige Lehrer kennen die beiden noch als Schüler.

Ein paar Mal habe ich versucht, rauszukriegen, wie meine Mama in meinem Alter so war, aber ich habe fast nur Antworten wie "brav" und "fleißig" und "gute Schülerin" bekommen. Nur ihre frühere Klassenlehrerin Swetlana Pogosowna Tersijan - sie hat mich in Russisch und Literatur unterrichtet - hat gesagt, dass meine Mama "keine so gute Schülerin" war.

Die früheren Lehrer von meiner Mama
Die früheren Lehrer von meiner Mama

Meine Mama, die Swetlana Pogosowna sehr mag, hat mir dann ihr Zeugnis gezeigt: Sie hatte, aufs deutsche Notensystem übertragen, einen Schnitt von 2,0. Aha, das heißt in Russland "nicht so gut". Da muss ich mich aber anstrengen.

In der russischen Schule mussten die Schüler damals viel Literatur lesen und lange Aufsätze schreiben, manchmal ein ganzes Heft voll. Meine Mama war Mitglied der russischen Jugend-Nationalmannschaft in Tennis und war viel  unterwegs und hat nicht immer alles geschafft. Deshalb der Zweier.

Aber Gedichte kann sie noch heute auswendig vortragen, auch lange Gedichte. Was mir aufgefallen ist: Nicht nur meine Mama, sondern so viele andere ehemalige Schüler haben nach wie vor engen Kontakt und ein gutes Verhältnis zur Schule und zu den Lehrern und sind immer dankbar. Ich habe selbst gesehen, dass die Grundschullehrer eine ganz wichtige Rolle spielen. Ein Lehrer begleitet die Kinder die gesamte Grundschulzeit und auch in der Oberstufe haben die Schüler in der Regel stets den selben Klassenlehrer. Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler bleibt meistens eng.

Ehemaligen Treffen. In der Mitte zwischen ehemaligen Lehrern und Schülern, die ehemalige Direktorin Zoé Fadeewna Strelkowa. Sie verbrachte 40 Jahre in dieser Funktion an derselben Schule.
Ehemaligen Treffen. In der Mitte zwischen ehemaligen Lehrern und Schülern, die ehemalige Direktorin Zoé Fadeewna Strelkowa. Sie verbrachte 40 Jahre in dieser Funktion an derselben Schule.

Galina Nikolajewna ist Grundschullehrerin. Als ich sechs Jahre alt war, bin ich einen Monat dort zur Schule gegangen und hatte sie in der ersten Klasse als Lehrerin. Sie hat mich nach zehn Jahren wieder erkannt, was mich überrascht und gefreut hat. Manchmal sitzt sie im Flur und korrigiert Arbeiten. Dann kommen Schüler mit 16 oder 17 Jahren vorbei, die früher bei ihr in der Klasse waren, begrüßen sie freudig, fragen sie, wie es geht und erzählen ihr, was sie gerade im Unterricht machen oder welche Noten sie bekommen haben. Auch meine Mutter hat ein sehr warmherziges Gefühl zu ihrer ersten Lehrerin Alexandra Wasilewna Malnewa sowie zu ihren weiterführenden Lehrern. In Sotschi ist der ersten Lehrerin sogar ein Denkmal errichtet worden.

Galina Nikolajewna, die Grundschullehrerin mit ihrer neuen Klasse
Galina Nikolajewna, die Grundschullehrerin mit ihrer neuen Klasse

Die Lehrer sind streng, halten Disziplin, verlangen viel, aber sie mögen ihre Schüler und vergessen sie auch nicht, wenn die die Schule längst verlassen haben.

So, "brav und fleißig" war also meine Mama, heißt es.

Aber ich bin auch brav und fleißig. Sage zumindest ich.

In manchen Fächern war ich richtig gut. In Englisch zum Beispiel. Da hat mich meine Lehrerin Marina Georgiewna immer gelobt. In Deutsch natürlich auch, aber damit kann ich ja nicht angeben. Russisch und russische Literatur waren auch prima. In Russisch habe ich mich echt verbessert. Sagt meine Mama und die lobt nicht so leicht. Meine Mathe- und Informatik-Lehrerin Larissa Viktorowna hat mich sehr unterstützt und mit mir nach dem deutschen Lehrplan gearbeitet, damit ich in meiner deutschen Schule nichts versäume. Das fand ich super.

Tatjana Iwanowna hat Geschichte unterrichtet. Das war natürlich ein anderer Stoff als in Bayern, aber die Lehrerin hat mir immer angeboten, mir alles genau zu erklären, wenn ich etwas nicht verstanden hatte.

Viel Spaß hat mir der Unterricht bei Jurij Gregorjewitsch Sacharow gemacht. Auch er kennt meine Mama als Schülerin. Bei ihm habe ich Gesang und Klavier gehabt und ich habe sehr viel gelernt bei ihm. Klavier hatte ich zuvor nie gespielt und er hat mir die Anfänge beigebracht. Die Stunden bei Jurij Gregorjewitsch sind immer sehr fröhlich abgelaufen, aber er verlangt auch viel.

Mein Musiklehrer Jurij Gregorjewitsch Sacharow
Mein Musiklehrer Jurij Gregorjewitsch Sacharow

In Literatur haben wir viele Bücher gelesen, auch schwierige Sachen wie "Krieg und Frieden" von Lew Tolstoi oder "Hundeherz" von Michail Bulgakow. Auch über deutsche Autoren haben wir viel erfahren. Oft haben wir Gedichte auswendig gelernt. Wir haben uns außerdem viel mit Geschichten aus Russland befasst.

Deutsch gibt eine Lehrerin mit Namen Nina Borisowna Dsaganija. Sie liebt Deutschland und die deutsche Sprache und steckt die Schüler mit ihrer Begeisterung an. Die Schüler lernen Grammatik und Vokabeln, übersetzen Texte und Nina Borisowna erzählt über Deutschland und über Österreich. Zum Fach gehört ebenso deutsche Kultur. Wir haben das Gedicht "Lorelei" von Heinrich Heine und das Gedicht "Der Taucher" von Goethe auswendig gelernt.

Klassenlehrerin war Larissa Nikolajewna. Sie unterrichtet Kunst und führt das Schulmuseum. Mit ihrer Unterstützung habe ich einen Vortrag über die Weiße Rose ausgearbeitet und durfte ihn in mehreren Klassen halten. Dafür habe ich sogar eine Urkunde bekommen. Da war ich sehr stolz.

Meine Klassenlehrerin Larissa Nikolajewna
Meine Klassenlehrerin Larissa Nikolajewna

Es gibt viele Schulaufgaben, Exen und Ausfragen in jedem Fach. Das hat den Vorteil, dass man eine schlechte Note schnell wieder ausbügeln kann. Das Notensystem ist anders als bei uns: Die Fünf ist die beste, die Eins die schlechteste Note. Wenn die Schule in Bayern wieder losgegangen ist, werde ich meiner Deutschlehrerin hier erzählen, dass ich eine Fünf in Deutsch bekommen habe. Mal sehen, wie sie reagiert. Natürlich gibt's auch Physik, Chemie, Biologie, Geographie, Sport, aber kein Latein.

Ein Fach gibt es, das ich von Deutschland nicht kenne. Unterrichtet wird es von einem ehemaligen Offizier, Alexander Iwanowitsch, der viel Humor hat. Manchmal sind wir mit ihm in einem abgemauerten Bereich der Schule gegangen und haben mit dem Luftgewehr geschossen. Wir haben gelernt, wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten sollen. Zum Beispiel, wenn irgendwo Gas austritt. (In Sotschi wird überall mit Gas gekocht.) Oder im Fall eines Attentats. Auch in Erster Hilfe hat er uns viel beigebracht. Schon sein Vater war Offizier und in der DDR stationiert. Alexander Iwanowitsch war deshalb als Kind längere Zeit in Deutschland und hat mir viele lustige Geschichten erzählt.

Der ehemalige Offizier, Alexander Iwanowitsch, gibt uns Wehrunterricht.
Der ehemalige Offizier, Alexander Iwanowitsch, gibt uns Wehrunterricht.

Ein anderes Fach ist wie Werken und Handarbeiten. Die Jungs arbeiten mit Sachen aus Holz und wir Mädels haben mit Nadel und Faden gearbeitet. Jetzt kann ich Knöpfe annähen und sowas.

Die Schule beginnt um 8 Uhr und hört um 13 Uhr auf. Jede Stunde dauert wie bei uns in Bayern 45 Minuten, aber es gibt nach jeder Stunde eine kurze Pause. Nachmittags haben wir keinen Unterricht, dafür müssen die Gymnasialklassen auch am Samstag die Schulbank drücken. Für Grund- und Realschüler gilt das nicht. In der Schule gibt es eine Mensa, in der frisch gekocht wird.

Das Kantinen-Team
Das Kantinen-Team

Die unteren Klassen werden von ihren Lehrern in den Speisesaal geführt. Dort steht dann schon das Essen für sie auf dem Tisch. Wir älteren holen uns das Essen natürlich selbst. Mir hat´s immer geschmeckt. Als Ausgleich, dass wir am Samstag in die Schule mussten, war das Essen an diesem Tag kostenlos. Dass die Schüler mit dem Brot in der Hand über den Pausenhof rennen, habe ich im Gymnasium Nummer 16 nie erlebt.

Noch ein Unterschied zu Deutschland: Die Schüler tragen einheitliche Kleidung. Die Jungs dunkle Hosen und weiße Hemden. Die Mädchen dunkle Röcke und weiße Blusen. Manchmal taucht auch ein Mädel mit Hosen auf. Da sagt aber keiner was. Der Sinn des einheitlichen Outfits ist der: Keiner soll mit seinen teueren Desingerklamotten angeben können und keiner soll sich schämen müssen, weil sich seine Eltern die In-Marken nicht leisten können. Ich selbst fand die Schuluniform - es gibt eine für Grundschüler und eine für uns Ältere - eigentlich recht schick.

Ganz toll sind die Sommerferien: Sie dauern von Anfang  Juni bis zum 1. September, nicht nur sechs Wochen wie bei uns. Jetzt ist der Unterricht wieder losgegangen. Die Schüler haben ganz schön lang Pause. Aber sie bekommen Listen mit Büchern, die sie in den Ferien lesen sollen. Und eine Schule arbeitet gerade in den Ferien besonders intensiv: die Sportschulen. Außerdem sind während der Ferien viele interessante Tätigkeiten organisiert. Da wird es nicht langweilig.

Noch was ist mir aufgefallen: manche Schüler betreiben Leistungssport und müssen zu Wettkämpfen fahren. Da gibt es nie Probleme mit der Schule. Im Gegenteil: Die Schule ist stolz auf ihre erfolgreichen Schüler. Die Fotos der besten Sportler werden an einer richtigen Ehrentafel im Flur veröffentlicht. Das gilt auch für Schüler, die auf eine andere Weise Preise oder Auszeichnungen, zum Beispiel in Kunst, bekommen haben.

Einen besonderen Platz bekommen die Schüler, die mit goldener oder silberner Medaille das Abitur gemacht haben. Ihre Namen bleiben für immer an diesem Platz.

Es gibt drei Absolventen, die herausragend geehrt werden: ein Politiker, ein Offizier, der den Titel "Held von Russland" trägt, und Jelena Vesnina, die jetzt bei den Olympischen Spielen in Rio im Tennis die Goldmedaille im Damendoppel gewonnen hat.

Was mir an der russischen Schule sehr gefällt, sind die Feiern am Anfang und am Ende von jedem Schuljahr. Am Anfang werden die Erstklässler willkommen geheißen. Ein Mädchen schwingt eine große Glocke und ein Schüler der letzten Klasse trägt sie auf den Schultern durch den ganzen Schulhof. Deshalb heißt dieser Tag "Erstes Klingeln". Dann nehmen die Großen die Kleinen bei der Hand und führen sie zu ihrem Klassenzimmer. Auch während des Schuljahres gibt es Feiern, die Konrektorin Elvira Revkatjewna immer sehr stimmungsvoll organisiert. Eine hieß "Festival der Nationen".

Am letzten Schultag ertönt die "Letzte Klingel" für die, die die Schule nun verlassen. Das ist eine fantastische Feier mit Musik, Liedern, Tänzen und Theateraufführungen. Durch das Programm führen Schüler und Lehrer. Die Schüler bedanken sich bei ihren Lehrern, bei den Köchen, beim Sicherheitsdienst (den hat jede Schule) und bei den Eltern mit Geschenken und Blumen. Die Entlassschüler tragen eine Schärpe, auf der ein kleines Glöckchen befestigt ist. Luftballons steigen in den Himmel und alles ist sehr feierlich.

Ein der Männer vom Sicherheitsdienst an meiner Schule
Ein der Männer vom Sicherheitsdienst an meiner Schule

Die Prüfungen beginnen erst danach. Die Noten werden auf Listen offen ausgehängt. Das soll uns anspornen.

Aber Schlussprüfungen habe ich ja nicht gemacht. Jetzt geht es erstmal für mich in der deutschen Schule weiter. Ich kann es kaum erwarten, meinen Freunden alles zu erzählen und gespannt bin ich, ob ich hier viel verpasst habe.

So, das war´s erst mal mit meinen Erlebnissen aus Sotschi. Ich möchte mich bei Euch bedanken, dass Ihr mich begleitet habt und für Eure vielen netten und aufmunternden Kommentare. Auch die kritischen habe ich gelesen und mir Gedanken dazu gemacht. Ich wollte Euch einfach nur mitnehmen auf meiner Reise und Euch zeigen, wie ich Sotschi erlebt habe. Und ich hoffe, Ihr hattet ein bisschen Spaß daran. Mir jedenfalls hat das Schreiben viel Freude gemacht. RT Deutsch bin ich dankbar, dass ich hier veröffentlichen konnte. RT Deutsch hat mir nie vorgeschrieben, worüber ich berichten sollte und hat auch meine Texte nie geändert. Die Redakteure dort haben mich einfach machen lassen und mussten sich genauso überraschen lassen wie Ihr, was ich als nächstes schreibe.

Vielleicht lasse ich sehr bald wieder von mir hören.

Macht es gut bis dahin.

Liebe Grüße

Eure Alona