Russisch-deutscher Film sorgt für Ärger in Nordkorea

Führerkult in Nordkorea. Dem russischen Regisseur Vitaly Mansky gelang ein außergewöhnlicher Film über das abgeschottete Land.
Führerkult in Nordkorea. Dem russischen Regisseur Vitaly Mansky gelang ein außergewöhnlicher Film über das abgeschottete Land.
Der russisch-deutsche Dokumentarfilm “Under the Sun”, realisiert in Nordkorea, gewährt auf brillante Weise einen seltenen Einblick in das System des Landes und verärgert die Regierung Nordkoreas.

von Olga Banach

„Under the Sun“ wurde vom russischen Regisseur Vitaly Mansky auf Einladung der nordkoreanischen Regierung gedreht. Bekannt geworden ist er durch seinen Film „Mutterland oder Tod“, gedreht in Kuba, mit welchem er das Leben im Kommunismus beleuchtet.

Von Vitaly Mansky erhoffte sich die Führung Nordkoreas einen Film hoher Qualität, der sich für Propagandazwecke nutzen lässt. Eine Geschichte, die das Paradies der Arbeiterklasse Nordkoreas glorifiziert und in die Welt trägt. Der Regisseur hatte zuvor all den Bedingungen Nordkoreas zugestimmt: Die Regierung selbst würde die Geschichte schreiben, die Schauspieler bereitstellen und die Produktion überwachen. Der Film erzählt die Geschichte eines gewöhnlichen achtjährigen Mädchens aus Pjöngjang namens Lee Zin-mi, die sich auf die Aufnahme in die sogenannte Kinderunion vorbereitet, um den Tag des „Leuchtenden Sterns“, den Geburtstag des vorherigen Anführers Kim Jong-il, zu feiern. Ihre Eltern sind schlichte, zufriedene Arbeiter und stolz auf ihr Kind. So hätte die Geschichte des Filmes vor sich hin plätschern können. Aber das Ergebnis war ein anderes.

Während der Film im Juli bereits in den USA zu sehen war, wurde der Titel in Nordkorea verboten. In Deutschland fand der Streifen Unterstützung durch den MDR. Vergebens hatte die Führung Nordkoreas versucht, die Veröffentlichung zu verhindern, und vor der Premiere auf dem „Tallinn Black Nights Film Festival“ Druck auf die Festivalleitung ausgeübt. Das Festival aber gab nicht nach und die Liste der weltweiten Filmfestivals, die zur Spielstätte der nordkoreanischen Alltagsgeschichte wurden, ist lang.

Ein Film ist besonders dann sehenswert, wenn er uns vermitteln kann, dass er das wahre Leben widerspiegelt. Die Mittel, dies zu erreichen, waren durch die Zugeständnisse an die Produktionsbedingungen in Nordkorea begrenzt. Der Regisseur aber fand trotzdem einen Weg. Er ließ die Kamera einfach zwischen den Szenen weiterlaufen. Und so sind es in „Under the Sun“ gerade diese Momente, die dem Betrachter den wahren Alltag lehren. Gepaart mit den wohl gewählten Einstellungen, die die Regularien der nordkoreanischen Zäsur befolgten, gelang so ein genialer Kontrast. Die von der Regierung abgestellten Aufpasser wurden unfreiwillig zu Hauptdarstellern des Filmes.

Sie schreien die Arbeiter in einer Kleiderfabrik an, eine Schauspielerin wird zurechtgewiesen, weil sie angeblich keine Haltung zeige, Mitarbeiterinnen in einer Milchfabrik sollen gefälligst mehr lächeln, die kleine Protagonistin wird im Tanzunterricht bis zur Erschöpfung getrieben - solche Szenen ziehen sich durch den gesamten Film. Regisseur Vitaly Mansky dazu:

Ich wollte einen Film über das echte Korea machen. Aber das echte Leben gibt es nicht. Es gibt nur den Anschein eines wahren Lebens. Deswegen haben wir einen Film über die falsche Realität gemacht.

In seiner Bildsprache ließ sich Mansky von Leni Riefenstahl inspirieren. Riefenstahl avancierte in den 1930er Jahren durch ihre gewaltige Bebilderung der olympischen Spiele in Berlin zu Hitlers Vorzeigeregisseurin.

Zwischen dem Regisseur und den koreanischen Aufpassern des Filmes gab es immer wieder Auseinandersetzungen am Set. Vielleicht waren es aber gerade diese, die seine Begleiter nicht auf die Idee brachten, das gefilmte Material genauer unter die Lupe zu nehmen. Schnell wird klar, dass die Wohnung, in der das Mädchen wohnt, nicht ihr eigentliches Zuhause ist, und nur für den Film gestellt wurde.

„Under the Sun“ besticht durch die Kühle der Bilder und vermag die Atmosphäre des Landes mit seinen kommunistischen Bauten und uniformierten Menschen gekonnt einzufangen. Die erlaubten Aufnahmen porträtieren die perfekte Idylle einer sauberen, weitläufigen Stadt. Die Menschen hierin erschrecken durch ihre Teilnahmslosigkeit und wirken zwischen den Bauten wie entrückt. Gerade hierdurch erlauben sie einen tiefen Einblick in ihren gestörten Seelenzustand. Ein ganzes Jahr verbrachte Mansky in Nordkorea und arbeitete an dem Projekt. Während dieser Zeit veränderte sich seine Absicht den Film betreffend und er entschloss sich dazu, die ungeschminkten Momente am Set in die Endfassung einzubauen.

Der Regisseur bedient sich auch bei der Vermarktungsstrategie einer ungewöhnlichen Methode. Während sich im Film selbst keine Off-Stimme wiederfindet, erklärt eine männliche Stimme den Trailer untermalend: „Die Sonne scheint sogar bei Nacht in diesem Land, die glücklichsten Menschen der Erde leben in diesem Land und über zahlreiche Generationen lautete das Motto dieser Menschen: Wir sind keine Neider. Aber niemandem von außerhalb ist es erlaubt, dieses irdische Paradies zu sehen...“

Dass dies nicht der Wirklichkeit entspricht und die Bewohner kein Glück kennen, lehrt uns der Filmemacher durch die langsame, traurig anmutende musikalische Untermalung und die kühlen stimmungsvollen Bilder, welche die Menschen ebenso fade, wie die Betonschluchten, die sie umgeben, aussehen lassen.

Die Mutter des Mädchens äußerte sich nach dem Film gegenüber der nordkoreanischen Presse: „Ist Mansky menschlicher Natur? Wir dachten, er würde einen Dokumentarfilm für einen freundlichen kulturellen Austausch herstellen. Ich hatte keine Ahnung, dass er meine Tochter zur Hauptdarstellerin seines Anti-Nordkorea Filmes machen würde.“

Am Ende des Filmes fragt der Regisseur das Mädchen, was es für sie heißt, der Kinderunion beizutreten. Sie antwortet vor laufender Kamera: „Jetzt fühlt man sich für seine Fehler verantwortlich. Und man fragt sich, was man sonst noch für den Führer machen kann.“ Sie bricht in Tränen aus und von einem der Aufpasser ist zu hören, wie er in scharfem Ton sagt: „Mach, dass sie aufhört zu weinen.“