Ein Austauschsemester in St. Petersburg - Neue RT Deutsch-Reisekolumne

Danilo Flores vor seiner Gastuniversität in St. Petersburg.
Danilo Flores vor seiner Gastuniversität in St. Petersburg.
Danilo Flores hat sich für ein Austauschsemester in St. Petersburg entschieden. In den kommenden Monaten wird der Hamburger Jurastudent mit einer eigenen Kolumne regelmäßig von seinem Russland-Aufenthalt berichten. Bereits die Ankunft inspirierte den 27-Jährigen zu Gedanken über Sinn und Unsinn von Grenzen.

von Danilo Flores

Eine rote Linie auf dem Boden des Ankunftsbereichs im St. Peterburger Flughafen Pulkovo markiert die Grenze zu Russland. Die Wartezeit während der Passkontrolle gibt mir Gelegenheit, über Sinn und Unsinn dieses gemalten Striches nachzudenken: Grenzen, denke ich mir, sind die wohl meisten umkämpften Phantasmen der Welt. Als Kind war der Grenzübertritt noch ein Spiel: Am Stadtrand hüpfte man, jedenfalls als Hamburger, vergnügt von einem Bundesland ins andere und wieder zurück. Die ersten Urlaube ließen einen dann ahnen, dass die Erwachsenen es ernst meinen mit ihren Grenzen. Überflüssige, langwierige Warterei vor und nach den spaßigen Flügen. Schließlich bekam man mit, dass Menschen sich wegen ihrer konträren Ansichten über den Grenzverlauf sogar gegenseitig an die Gurgel gehen. Wer sich reumütig so manch einer jugendlichen Schandtat erinnert, weiß aber auch: Selbst auferlegte und durch Willenskraft eingehaltene Grenzen schützen vor verderblicher Zügellosigkeit. Mit Menschen, die keine Grenzen kennen, stimmt zumeist etwas nicht. Gilt das ebenso für Staaten?

Die Friedensfahrt Berlin-Moskau hat auch in St. Petersburg bleibenden Eindruck hinterlassen.
Die Friedensfahrt Berlin-Moskau hat auch in St. Petersburg bleibenden Eindruck hinterlassen.

Aber genug des Sinnierens! Ich bin in Russland und damit geht ein lang gehegter Traum in Erfüllung. Der Bruder einer Bekannten aus Hamburg holt mich vom Flughafen ab und bringt mich zu meinem Hotel. An meinem Russisch, muss ich gestehen, hapert es noch ein bisschen. Nur mit Ach und Krach habe ich die zur Zulassung an der Staatlichen Universität von St. Petersburg erforderliche Sprachprüfung – Niveau B2 – bestanden. Mein Blick fällt auf das Armaturenbrett: Wo ist die Dashboard-Cam, die jeder Russe in seinem Auto hat? An den spektakulären Aufnahmen des Meteors von Tscheljabinsk sowie an den zahlreichen Videos austickender russischer Lastwagenfahrer kann man sich als Internetnutzer ja nur erfreuen, weil in Russland so gut wie jeder Autofahrer eine Kamera an Bord hat, um im Falle eines Unfalls für etwaige Versicherungsstreitigkeiten verwertbares Beweismaterial zu haben. Das stimmt, sagt mir mein Fahrer. Auch er besitze eine solche Kamera, doch sei sie gerade irgendwo verstaut. Inzwischen gebe es Dashcams gleich im Doppelpack mit einem Polizeiautoradar zu kaufen.

Wir verständigen uns hauptsächlich auf Englisch. Aber ich gebe mir Mühe, den ein oder anderen Satz auf Russisch hervorzubringen. Um an der juristischen Fakultät, wo ich die nächsten vier Monate studieren werde, bestehen zu können, werde ich schneller Russisch lernen müssen als Jason Bourne. Motiviert bin ich allemal: Die russische Sprache hat es mir angetan und ich möchte endlich die Werke der großen russischen Philosophen im Original lesen. Zu den ersten Überraschungen beim Russischlernen gehörte für mich die Begegnung mit der russischen Vokabel für „Hund“: собака (Sobaka). George Lucas, der Macher von Star Wars, hat, wird mir klar, das russische Wort „Sobaka“ zu „Chewbacca“ verballhornt. Der zottelige Gefährte von Han Solo trägt einen russischen Namen! Das Russische birgt, wie ich festgestellt habe, noch ganz andere verblüffende Wortbedeutungen. Dazu mehr in kommenden Einträgen.

Rund 250 Menschen aus ganz Deutschland beteiligen sich an der Friedensfahrt von Berlin nach Moskau. Bild: NuoViso.tv

Dieses Auslandssemester wird für mich auch eine innere Entdeckungsreise sein. Besonders fasziniert mich an Russland die ungebrochene Kontinuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Geschichte ist hier Teil des Alltags – High-Tech und Tradition bilden keinen Widerspruch. Das russische Staatswesen reicht in mythische Zeiten zurück, als es noch keine Geschichtsschreibung im heutigen Sinne gab. Vergessen wir nicht: Der Doppeladler, das Wappen der Russischen Föderation, ist ein Symbol aus dem alten Byzanz. Die große geopolitische Rivalität unserer Tage, so scheint mir, hat nicht nur eine räumlich-territoriale, sondern auch eine zeitlich-weltanschauliche Dimension. Eine hyperaktive Zukunft macht mobil gegen eine altehrwürdige Vergangenheit. Aber soll man dem Alter nicht eigentlich Respekt zollen?

Nach rund dreißigminütiger Fahrt kommen wir in meinem Hotel im Stadtzentrum an. St. Petersburg ist größer als erwartet – geradezu riesig. Von den Größenverhältnissen ist es hier am ehesten mit London vergleichbar. Aber den lauen Spätsommerabend durchweht ein fast schon mediterranes Hafenstadtflair. Morgen werde ich die Stadt erkunden. Die ersten Sowjet-Denkmäler und zwiebelförmigen Kirchtürme sind schon während der Autofahrt an mir vorübergezogen. Kaum angekommen, klappe ich meinen Laptop auf und logge mich ins hoteleigene W-LAN ein. Die Allgegenwart des Internets lässt das Gefühl des Woandersseins verblassen. Mit einem Blick aus dem Fenster vergewissere ich mich, dass ich nicht zu Hause bin: Da ragt eine prächtige Kathedrale in die Nacht. Zum Einschlafen noch ein bisschen russisches Fernsehen: Россия-1 (Rossija 1) läuft, der staatliche russische Nachrichtenkanal. Bilder aus der Ukraine, aus Donezk. Aus dem Spiel mit den Grenzen ist ein Krieg geworden.

Danilo Flores studiert Rechtswissenschaften an der Bucerius Law School in Hamburg. Von September 2016 bis Januar 2017 verbringt er ein Austauschsemester an der Juristischen Fakultät der Staatlichen Universität Sankt Petersburg.