Integration auf Schwedisch Teil II – Die Realität holt uns alle ein

Integration auf Schwedisch Teil II – Die Realität holt uns alle ein
Die Fortsetzung des Erfahrungsberichtes „Integration auf Schwedisch“ von RT-Deutsch Reporterin Olga Banach aus ihrer Wahlheimat Schweden. Inzwischen sind die ersten Hoffnungen und Illusionen der syrischen Flüchtlinge verflossen.

von Olga Banach

Es sind Wochen vergangen, seit ich damit angefangen habe, gemeinsam mit einer Reihe von Flüchtlingen in einer Baracke Schwedisch zu lernen. Die Routine und die Realität hat uns nun alle eingeholt. In der Pause teilen sich die Schüler auf, nach Ethnien und Religionen getrennt. Die syrischen Christen wollen nichts mit den Muslimen zu tun haben, die Afrikaner nichts mit den Arabern. Ich stehe irgendwie dazwischen und kann mich für keine der Gruppen entscheiden.

David* aus Aleppo hat mittlerweile sein Lachen verloren. Seine Kinder und seine Frau sitzen noch immer im Libanon fest. Sie haben in einer Kirche Unterschlupf gefunden. Seit einiger Zeit wird der Familiennachzug nach Schweden erschwert und auf unbestimmte Zeit verzögert. Eine Absage erhält David von der Einwanderungsbehörde nicht. Nur die Information, dass es noch länger dauern wird.

Vielleicht ein oder zwei Jahre. Vorher hatte es geheißen, dass er bald einen Termin für seine Familie bei der schwedischen Botschaft in Istanbul erhalten würde. Dann würde seine Familie ein Visum für die Türkei erhalten und er könne sie in Istanbul treffen und hoffentlich mit in die neue Heimat Schweden nehmen.

Ich hatte ihm geholfen, Kontakt mit einem Anwalt in Sachen Familiennachzug aufzunehmen. Dieser erklärte aber, dass jeder Eingriff in das Asylverfahren zu einer Verschlechterung seiner Situation führt, denn dies würde, anders als erwartet, das Verfahren für seine Familienzusammenführung weiter verlangsamen.

An einem Nachbartisch sitzt Ali. Er kommt notorisch zu spät, macht sich in aller Ruhe erstmal einen Kaffee und spielt während des Unterrichts ein arabisches Kriegsspiel auf seinem Handy. Sein Gebet aber macht er nach Vorschrift.

Der Flüchtlingsstrom reicht von Dänemark bis Schweden

In einem der Schränke befindet sich ein kleiner Ikea-Teppich mit orientalischem Muster, den die Männer zum Gebet ausrollen. Der Blick gen Osten ist nicht gerade schön, denke ich mir. Eine hässliche Straße im Industriegebiet. Manchmal stehen sie Schlange.

Schweden gefällt ihm nicht, sagt er. Nach fünf Jahren gehe er zurück nach Syrien. Ali ist intelligent, sein Schwedisch ist schon recht gut, aber er sieht keine Zukunft für sich und seine Familie in Schweden. Was er denn solange machen werde? Post austragen, oder so. Er mache sich da nicht so viele Gedanken.

Durch die Glastür neben der Lehrerin blickt ein bärtiger Mann, der nicht vertrauenserweckend aussieht. Ich drehe mich zu Mustafa um. Mustafa ist untersetzt, klein, trägt zu enge T-Shirts und lacht immer. Er merkt mir meine Ablehnung an und sagt: „Ha, der sprengt sich in drei Minuten in die Luft. Bumm.“

In der Pause singt er für mich arabische Liebeslieder. Zu viel Gefühl für meine Ohren. Ali will wissen, ob ich verheiratet bin und Kinder habe. Er ist neu im Kurs, die Meisten wissen schon Bescheid und lassen mich in Ruhe. Er liebe Kinder. Seine Schwester habe Kinder. Sie sei noch in Syrien.

Ich wundere mich, wie leichtfertig ihm dies über die Lippen geht. Als wäre sie in Sicherheit gleich nebenan. Ja, sein Heimatort liegt an der türkischen Grenze. Dort sei es ruhig, eigentlich kein Problem. Er sei zu Fuß über die Grenze gelaufen und dann mit dem Schiff weitergefahren. Seiner Schilderung nach klingt es nach einem TUI-Urlaub „Europe One-Way“. Er wolle in Schweden Arbeit finden. Vielleicht Altenpfleger, da gebe es schließlich viel Bedarf.

Sein Tischnachbar Mohammed ist sehr ernsthaft und seine Kleidung so fad wie sein Gesicht. Er spricht sehr bedacht. In Syrien war er Mathelehrer, aber in Schweden würde daraus nichts werden. Er habe schon drei Praktika in einer Schule absolviert. Die Sprache sei für ihn einfach zu schwierig. Er wisse noch nicht, was er machen solle. Während einer Diskussion in Gruppen beschwert sich Mohammed, dass er von Einwanderern, die schon länger in Schweden seien, angefeindet werde.

Versuch in Schweden: Armbändchen gegen Vergewaltigung

Warum er denn jetzt erst nach Schweden gekommen sei und was er hier will? Nachdem er mit mir gesprochen hat, glaubt er, sei Deutschland doch das bessere Land. Mit schwedischen Frauen könne man nicht scherzen. Ein angeblicher Italiener teilt mir mit, er wolle sich nicht zu viel Mühe geben, um in eine höhere Kursstufe zu wechseln. Dies sei zu anstrengend und er erhalte auch so sein Geld vom Arbeitsamt.

Es scheint niemanden in dem Gebäude zu geben, der eine gute Zukunft vor sich sieht. Der Arbeitsmarkt ist schlecht, die Sprache schwer, die Menschen zu distanziert.

Ich werde nach den jüngsten Attentaten in Deutschland befragt und was man denn in Deutschland über Flüchtlinge denke. Sie sind froh, von mir zu hören, dass die Attentate in München und im Zug in Würzburg nicht von Syrern begangen worden sind.

Hassan, der zuvor gebetet hat, will mich auf einen Kaffee aus dem deutschen Getränkeautomaten einladen. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht gefragt werde, was ich denn in Schweden will. Deutschland – das sei doch ein wunderbares Land. Zumindest darin scheinen sich alle einig. Aber die deutsche Grammatik, daran sind schon viele verzweifelt. Merkel allerdings sei etwas irre gewesen, so viele Menschen ins Land zu lassen.

Ein Afrikaner trägt eine Schirmmütze mit der Aufschrift „Köln“ und eine Syrerin erzählt stolz, sie wolle mit ihrem Mann für ein Wochenende nach Düsseldorf reisen. Die Lehrerin will wissen, wie sie sich dort verständigen wird, wenn sie und ihr Mann kein Englisch sprechen. Ach, das sei kein Problem. Sie hätten ein arabisches Hotel in Düsseldorf gefunden. 

Hassan versucht, mich vom Islam zu überzeugen. Ich sähe doch bestimmt mit Kopftuch sehr schön aus. Dass sich hieraus eine Grundsatzdebatte ergibt, ist unausweichlich. Ich versuche ihm zu erklären, wie unsinnig ich dies finde und ich nicht nachvollziehen kann, wie man sich selbst solchen Regeln unterwerfen muss. Das 7. Jahrhundert Mohammeds liege ja schon ein Weilchen zurück.

Mohammed hat eine Tochter. Mit 16 Jahren werde auch sie ein Kopftuch tragen. Weitere Unterhaltungen erspare ich mir, sie führen ja doch zu nichts. Ich geselle mich stattdessen zu einer Gruppe syrischer Christen. Sie fragen mich zum wiederholten Male, ob ich denn wisse, dass sie Christen seien. Ja, aber natürlich. Es ist auch nicht zu übersehen. Viele Männer tragen große Kreuze um den Hals, die an amerikanische Musikvideos erinnern, oder sogar eintätowierte christliche Symbole.

Eine Frau mit hellgrünen Augen warnt mich, ich solle keine Diskussionen mit den muslimischen Männern anfangen. Dies sei gefährlich, sie seien unberechenbar. Malek, der sich selbst zu meinem Bodyguard erklärt hat, meint, man solle alle arabischen Männer wieder zurückschicken. Die brächten nur Probleme mit sich. Ihn eingeschlossen. 

*Die Namen wurden aus Rücksicht auf die Personen geändert.