Wer hat wen verraten? 25 Jahre nach dem August-Putsch - Schüsse von den Dächern Kiews und Vilnius

Eine Gruppe von Litauern blockiert einen Panzer vor dem Haus der Presse in
Vilnius, zwei Tage nach der Räumung des Fernsehturms, Januar 1991.
Eine Gruppe von Litauern blockiert einen Panzer vor dem Haus der Presse in Vilnius, zwei Tage nach der Räumung des Fernsehturms, Januar 1991.
RT Deutsch-Korrespondent Ulrich Heyden berichtet aus Moskau von den Diskussionen zur Geschichtsaufarbeitung. Bis heute sind die Ereignisse umstritten. Zeitzeugen auf der Seite der Militärs bestehen darauf, dass sie verhältnismäßig vorgegangen sind. In den baltischen Staaten werden heute sowjetische Militärs angeklagt.

von Ulrich Heyden

Im Jahr 1991 hörte die Sowjetunion auf zu existieren. Doch was zur Auflösung des Staates mit seinen 15 Republiken führte, ist bis heute nicht exakt aufgearbeitet. Nach wie vor gibt es Fragen, warum in den Randgebieten der Sowjetunion seit 1987 gewaltsame Konflikte zwischen den Nationalitäten ausbrachen und warum man sie nicht unter Kontrolle bekam.

Zu einem dieser Konflikte, den Auseinandersetzungen um den Fernsehturm in Vilnius im Januar 1991, hat die Moskauer Journalistin Galina Schaposchnikowa ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Wer hat wen verraten“.

In dem 350 Seiten umfassenden Buch wurden Interviews mit Zeitzeugen und eigene Analysen veröffentlicht. Zu Wort kommen Vertreter der sowjetischen Sicherheitsorgane, ein Mitarbeiter von Gorbatschow und ein litauischer Polittechnologe.

Zur Präsentation war der Saal im Redaktionsgebäude der Komsomolskaja Prawda am Dienstag brechend voll. Auf den blauen Stühlen saßen zahlreiche ältere Herren, ehemalige Mitarbeiter des KGB, Mitarbeiter der Spezialeinheit Alpha, Journalisten und Historiker. Die blutigen Ereignissen von Vilnius im Januar 1991 erregen bis heute die Gemüter. 

In den Tagen vom 11. bis 13. Januar 1991 kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen um das Fernsehzentrum und den Fernsehturm in der Stadt. Dort demonstrierten Tausende Menschen für die Unabhängigkeit von Litauen. Ein Jahr zuvor war das Land aus der Sowjetunion ausgetreten. 

Bei den Auseinandersetzungen im Januar wurden 15 Menschen getötet - darunter ein Leutnant der sowjetischen Spezialeinheit Alpha. Nach Meinung der Behörden in Litauen gehen alle Toten auf das Konto von sowjetischen Militäreinheiten, die angerückt waren, um ein Abgleiten von Litauen in die völlige Unabhängigkeit zu stoppen.

Beerdigung von Litauern, die bei der Räumung des Fernsehturms von Vilnius getötet wurden, 23. Januar 1991.
Beerdigung von Litauern, die bei der Räumung des Fernsehturms von Vilnius getötet wurden, 23. Januar 1991.

Doch die Autorin Schaposchnikowa hat in ihrem Buch Interviews mit Augenzeugen veröffentlicht, die berichten, dass Unbekannte von den Dächern schossen und sowjetische Soldaten, um sich zu schützen, die Luken ihrer gepanzerten Wagen schlossen. Die Parallele zum Maidan in Kiew, so die Autorin, sei offensichtlich. Auch dort wurde von den Dächern geschossen. Auch die „Technologie des Aufstandes“ in Vilnius und Kiew ähnelten sich. Mit einfachen Parolen seien große Menschenmengen mobilisiert worden.

In Vilnius läuft ein Prozess gegen 65 ehemalige sowjetische Soldaten

Die Behörden in Litauen wollen unter die Ereignisse vom Januar 1991 keinen Schlussstrich ziehen. Im Gegenteil. Die Strafverfolgung der Schuldigen, so hofft man in Vilnius offenbar, eignet sich vorzüglich, um Russland als „Okkupanten“ anzuprangern. Seit Januar 2016 läuft in Vilnius ein Prozess gegen 65 ehemalige sowjetische Militärangehörige, denen „Kriegsverbrechen“ vorgeworfen werden. Der Großteil der Beschuldigten lebt außerhalb Litauens.

Auf dem Podium der Veranstaltung in Moskau saßen verschiedene Personen, welche die Ereignisse im Januar 1991 selbst miterlebt haben. Einer von ihnen ist Michail Golowatow, damals Leiter der sowjetischen Spezialeinheit Alpha, die versuchte, den Fernsehturm von Vilnius zu erobern. Ziel der Aktion war es – so Golowatow - durchzusetzen, dass ein russischsprachiges Programm für die baltischen Republiken gesendet werden konnte.

Der Alpha-Chef erzählt mit fester, manchmal vor Emotionen bebender Stimme. Er hat viel erlebt. Im Jahr 1979 war er mit seinen Leuten in Afghanistan im Einsatz. Dann in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre mussten überall in der Sowjetunion „Brände gelöscht werden“. Georgien, Aserbaidschan, Moldowa, überall kam es zu ethnisch-territorialen Konflikten.

Golowatow sieht wegen Vilnius keine Schuld bei seiner Einheit. Bei der Eroberung des Fernsehturms habe man nur mit den Fäusten gekämpft. Wenn große Menschenmassen beteiligt sind, verfolge die Alpha-Einheit das Prinzip, nicht zu schießen, „selbst wenn die eigenen Leute in Gefahr sind“. Golowatow steht in Litauen auf der schwarzen Liste. Im Juli 2011 wurde er auf Anweisung der litauischen Regierung auf dem Flughafen von Wien verhaftet, dann aber wieder freigelassen.

Schlange vor dem Sportpalast in Vilnius, in dem die Toten aufgebahrt wurden, 13.  Januar 1991.
Schlange vor dem Sportpalast in Vilnius, in dem die Toten aufgebahrt wurden, 13. Januar 1991.

Vilnius als Vorspiel für die Auflösung der Sowjetunion

In dem Buch von Schaposchnikowa kommen beide Seiten des Konflikts zu Wort. Die Autorin interviewte den Ideologen des gewaltfreien Widerstandes, den US-Wissenschaftler Gene Sharp und einen seiner Anhänger in Litauen, den Polittechnologen Audrius Butkjawitschjus, der 1991 in der Unabhängigkeitsbewegung aktiv war.

Butkjawitschjus hält es für seinen Verdienst, dass es 1991 in Litauen nicht zum Konflikt zwischen litauischen und russischen Einwohnern der baltischen Republik kam, denn das hätte der sowjetischen Armee den Vorwand gegeben, im großen Maßstab einzugreifen. Sein politisches Ziel sei damals gewesen, die sowjetische Armee und den Geheimdienst, zwei Säulen des sowjetischen Systems, zu diskreditieren, erklärt der Polittechnologe unumwunden. 

Auf dem Podium der Moskauer Veranstaltung saß auch der letzte sowjetische Staatsanwalt in Litauen, Antanas Pjatrauskas. Er berichtete, dass 38 Akten mit den Ermittlungsergebnissen von den Vorfällen vor dem Fernsehturm am 27. September 1991 von der Generalstaatsanwaltschaft in Moskau der Staatsanwaltschaft in Vilnius übergeben wurden. Das war nach Meinung von Pjatrauskas Verrat.

Denn es war absehbar, dass Litauen einseitig die sowjetischen Militärangehörigen beschuldigen würde. Außerdem hätten bis zur Auflösung der Sowjetunion am 8. Dezember in Litauen noch die sowjetischen Gesetze gegolten. 

„Gorbatschow windet sich ….“

RSFSR-Präsident Boris Jelzin vor dem Weißen Haus in Moskau

Viele Besucher waren zu der Veranstaltung gekommen, um ihrer Seele Luft zu machen, denn gerade die ältere Generation der Armee- und Sicherheitsoffiziere sehen die Auflösung der Sowjetunion als tragische Entwicklung. Und auch viele einfache Russen sagen heute, Boris Jelzin und Michail Gorbatschow hätten die Sowjetunion „verspielt“. Ein großer Staat könne sich gegen Zumutungen der USA nun mal besser behaupten.

Auf der Veranstaltung in Moskau ging es auch um den sogenannten Putsch an 18. August 1991, als ein selbst ernanntes Notstandskomitee den Ausnahmezustand verhängte und Panzer in Moskau auffahren ließ. Doch die Truppen wurden wieder abgezogen, ein Schießbefehl wurde nicht erteilt, Boris Jelzin nicht verhaftet.

Die Mitglieder des Notstandskomitees, vor allem General Dmitri Jasow und KGB-Chef Wladimir Krjutschkow als Hauptorganisatoren, hätten „schwach und feige“ gehandelt, meinte der LDPR-Vorsitzende Wladimir Schirinowski, der bei der Veranstaltung mit auf dem Podium saß. Seine Partei, die LDPR, sei damals für das Notstandskomitee gewesen, „nicht für die Personen sondern für das Programm, den Zerfall des Landes aufzuhalten“, erklärt Schirinowski. 

Außer der LPDR äußert nur noch die KPRF Verständnis für das Notstandskomitee. Doch in den russischen Fernsehkanälen werden in diesen Tagen zahlreiche Zeitzeugen der Ereignisse im August 1991 interviewt, darunter auch solche, die zum Notstandskomitee gehörten oder mit ihm sympathisierten.

Immer wieder fiel auf der Buchvorstellung in Moskau das Wort Verrat. Verrat habe es direkt in Moskau gegeben, so mehrere Sprecher auf dem Podium. Nein, Gorbatschow - damals Präsident der Sowjetunion - sei „nicht unbedingt“ ein Agent der USA gewesen, aber er habe „die Regie“ aus den USA „genau befolgt“, erklärt Wladimir Schirinowski.  

Harte Worte fand auch der ehemalige Chef der Alpha-Spezialeinheit, Michail Golowatow, zu Michail Gorbatschow. Dieser habe nach dem Einsatz der Alpha-Einheit vor dem Fernsehzentrum von Vilnius behauptet, er habe die Einheit nicht nach Vilnius geschickt. Dazu meint der damalige Alpha-Chef:

„In Litauen waren wir zwei Jahre. Und wir kannten die operative Lage. Und dass uns dort niemand hinschickte und Gorbatschow es nicht wusste, das ist nicht nur eine Lüge. Er ist heute 85 Jahre alt und windet sich wie eine Schlange.“

Damit spielte der Alpha-Chef auch auf das Verhalten von Gorbatschow zu anderen Konflikten an, wie der Auflösung einer Demonstration am 9. April 1989 in Tbilissi durch Armee-Einheiten. Damals waren 16 Tote zu beklagen. Gorbatschow schob die Schuld für die Toten auf die Armee. 

Unklar bleibt auf der Veranstaltung, ob es Dokumente gibt, welche beweisen, dass Gorbatschow das Eingreifen des sowjetischen Militärs in Vilnius und Tbilissi angeordnet hat, oder ob es sich nur um mündliche Weisungen handelte.   

Aderlass in Litauen

Mehrere Redner auf der Veranstaltung erklärten, die Litauer hätten sich eigentlich gar nicht von der Sowjetunion abwenden wollen. Sie seien Opfer einer von den Amerikanern eingefädelten Regie geworden. Heute spürten viele Litauer, dass die wirtschaftliche Lage zu Sowjetzeiten besser war. Tatsache ist aber auch – und das kam auf der Veranstaltung nicht zur Sprache – dass zu Sowjetzeiten Touristen aus Russland in den baltischen Republiken unfreundlich behandelt wurden und es ein Misstrauen gegenüber Russen gab. 

Doch die Begeisterung über den EU-Beitritt hat sich in Litauen offenbar gelegt. Der eingangs erwähnte Polittechnologe Audrius Butkjawitschjus bestätigt im Interview mit der Autorin Schaposchnikowa, dass es in Litauen wirtschaftlich nicht zum Besten steht. Seine Unabhängigkeit habe Litauen an Brüssel verloren.

Es gäbe keine großen Wirtschaftsprojekte, die Litauen voran bringen. Doch eine Protestbewegung aufzubauen, sei in Litauen jetzt nicht mehr möglich. „Alle die, welche an Kundgebungen teilnehmen und für ihre Interessen eintreten können, sind weggefahren.“ Die am besten Ausgebildeten und Aktivsten, etwa 600.000 von 3,5 Millionen Einwohnern, hätten das Land verlassen.