Miroslawa Berdnik: "Mir wird Terrorismus vorgeworfen, aber ich sage nur, was ich denke."

Miroslawa Berdnik: "Mir wird Terrorismus vorgeworfen, aber ich sage nur, was ich denke."
Die ukrainische Bloggerin Miroslawa Berdnik wurde durch den Ukrainischen Sicherheitsdienst wegen ihrer Veröffentlichungen im Internet festgenommen. Sie ist als Kiew-kritische Autorin und Mitglied des ukrainischen antifaschistischen Komitees bekannt. Der Freund von Miroslawa Berdnik, Journalist Oleg Tchalenko, konnte in einem Telefoninterview mit ihr über die Einzelheiten der Festnahme sprechen.

Wie ist die Durchsuchung gelaufen? Womit hatte alles angefangen?

Ich habe ernsthafte Probleme mit der Gesundheit. Vor ein paar Jahren wurde bei mir eine schwere Diagnose festgestellt, daraufhin wurde ich operiert. Zunächst bekam ich den Schwerbehindertenstatus, aber danach hat der Kiewer Arzt, bei dem im Patientenzimmer die Fähnchen der national-sozialistischen Partei "Swoboda" standen, alles dafür getan, um mir, als Feindin des ukrainischen Volkes, wie er mich nannte, den Status abzuerkennen.

Facebook-Screenshot

Und all das wegen unseres Streits anlässlich der Umbenennung des Lichatchew-Boulevards, der den Namen des berühmten Direktors des Autowerkes trug. Ich sagte ihm damals, die halbe Ukraine sei Wagen gefahren, die in seinem Werk hergestellt worden waren, warum solle der Boulevard umbenannt werden. Der Boulevard sollte statt Lichatschew den Namen von Maria Primajmatchenko tragen.

Also, zu dieser Zeit fühlte ich mich nicht wohl und morgens, als meine Tochter noch schlief, ging ich zum Arzt. Als ich 200 Meter von meinem Haus entfernt war, wurde ich von zwei Männern eingeholt, die sich als SBU-Mitarbeiter auswiesen. Mit ihnen bin ich in meine Wohnung zurückgekehrt. Mir wurde der Gerichtsbeschluss über die Durchsuchung im Zusammenhang mit der Einleitung des Strafverfahrens aufgrund der Veröffentlichungen auf meinem Blog im LiveJournal vorgelesen. In diesem Verfahren werde ich erstmal als Zeugin verhört.

Nach welchem Artikel wurde das Strafverfahren eingeleitet?

Artikel 258, Teil 3. Die Gründung einer terroristischen Organisation und deren Finanzierung. Mit "terroristischen Organisationen" sind die Volksrepubliken von Donezk und Luhansk gemeint. Wie im Gerichtsbeschluss steht, hat die Kiewer Nationale Linguistische Universität die Materialien in meinem LJ untersucht und dort direkte und indirekte Aufrufe zu Handlungen gefunden, die gegen die territoriale Integrität der Ukraine gerichtet sind,  sowie die Aufrufe zum Ungehorsam gegenüber der Kiewer Macht usw.

Ich bin bloß Pazifist, wie auch mein Vater, der Schriftsteller Oles Berdnik. Ich schreibe einfach über meinen Traum - dass der Krieg im Donbass zu Ende geht. Außerdem publiziere ich dort Materialien, die ihrerseits legal in den Medien veröffentlicht werden, die per Gesetz nicht verboten werden. Darf man das etwa bei uns in der Ukraine nicht? Haben wir keine Presse- und Redefreiheit?

Was wurde während der Durchsuchung beschlagnahmt?

Die Durchsuchung dauerte von acht Uhr bis halb zwei. Es kamen Zeugen und andere Mitarbeiter des SBU. Sie beschlagnahmten meinen Rechner, Speichermedien, Telefone, das Abzeichen “Höfliche Menschen“, das mir meine Bekannten aus der Krim ganz legal mitgebracht haben, sowie das Programm eines Internationalen Forums, das Helden des Großen Vaterländischen Krieges gewidmet war und im Mai auf der Krim stattfand. Das Forum zählte Teilnehmer aus fast zwanzig Ländern, ich war auch dabei.

Übrigens, während der Durchsuchung machten die Beamten Fotos von meiner Wohnung: von der Stelle, wo an der Gardine die Georgsbänder hingen und noch eins, wo das Gebetsbuch auf der Tastatur des Rechners lag. Das Gebetsbuch haben sie selbst hingelegt. Dann veröffentlichten sie diese Bilder auf ihrer Seite, mit der Bemerkung, so würden die „Raschisten“ und „Watte“ (abschätzige Bezeichnung der „Pro-Russen“) aufgespürt. Sie haben auch alle Passwörter zu meinen Social Media Accounts und E-Mail geändert. Jetzt habe ich keinen Zugang dazu.

Und dann ging es ins SBU?

Ja, mit meiner Tochter. Sie wartete auf einer Bank vor dem Gebäude, solange das Verhör dauerte. Es ist interessant, dass ich - bis der Chef-Ermittler kam - eineinhalb Stunden in einem „freundlichen Gespräch“ ohne Protokoll durch drei Offiziere ausgefragt wurde, wer die Information über die Durchsuchung ins Netz geleakt hat.

Ich habe ihnen so geantwortet. In meiner Kindheit war ich selbst Zeuge, wie der KGB bei meinem Vater eine Durchsuchung machte. Damals wurde ihm die Kopie des Protokolls der Durchsuchung ausgehändigt. Nach einer gewissen Zeit wurde das Protokoll im Westen veröffentlicht. Er wurde deswegen einbestellt und gefragt, ob er das Dokument übergab. Aber mein Vater antwortete, dass es zwei Kopien gebe, eine bei ihm und eine bei denen. Seine Kopie hat er dabei. Also, sie gaben in den Westen.

Mit anderen Worten, die Information hat der SBU selber geleakt.

Des Weiteren haben sie mir damit gedroht, dass, wenn ich meine Schuld nicht gestehe, mir 15 Jahren Haft drohten, andernfalls wird die Sache dem Staatsanwalt übergeben und ich bekomme eineinhalb Jahre auf Bewährung.

Ich habe sie sogar gefragt: Und wenn ich unschuldig bin? Das Gericht erkannte doch die Unschuld des Journalisten Ruslan Kotsaba an. Danach war das Verhör beim Ermittler, aber da unterliege ich der Schweigepflicht. Ich sage nur, dass er sich korrekt verhalten hat.

In einer Woche gehe ich wieder zum Verhör, aber diesmal mit meinem Anwalt.

Wie haben deine Kollegen, ukrainische Journalisten, auf die Durchsuchung reagiert?

Es gab einen interessanten Kommentar von einer Kiewer Journalistin Galya Plachynda. Sie war seinerzeit die Pressesekretärin des Politikers Lyaschko, dem Chef der nationalistischen Radikalen Partei. Sie schrieb also in den sozialen Netzwerken ungefähr so:

Berdnik ist der Gewinner des Jarosław Hałan-Preises, der zu recht als Feind des ukrainischen Volkes ermordet wurde. Der Schriftsteller wurde mit einer Axt von Banderisten in seiner Wohnung in Lemberg Ende der 1940er Jahre erschlagen. Plachynda schreibt, dass Miroslawa Berdnik den gleichen Tod verdient.