Folter in Rio, Tod in Berlin: Maria Auxiliadora

Folter in Rio, Tod in Berlin: Maria Auxiliadora
RT Deutsch-Korrespondent Frederico Füllgraf berichtet, wie er in den 1970er Jahren mit den Menschenrechtsverbrechen der brasilianischen Militärdiktatur in Berührung kam.

von Frederico Füllgraf

Ende 1974 lernte ich im damaligen West-Berlin die angehende Ärztin Maria Auxiliadora Lara Barcelos kennen. "Nenn mich einfach Dora!",bot sie mit einem lieblichen Lächeln an. Sie war 28, ich etliche Jahre jünger.

Ich war damals Student am Institut für Publizistik der FU Berlin und Redaktionsmitglied der "Chile-Nachrichten". Schlimmes ahnend waren sie noch vor dem Militärputsch von Augusto Pinochet gegründet worden, später hieß die Zeitschrift "Lateinamerika-Nachrichten".

Doch Dora stammte nicht aus Chile. Sie war meine "Landsfrau" – eine Brasilianerin – und hatte einen fünfjährigen Leidensweg hinter sich. Den konnte ich leicht nachempfinden. Ich selbst musste 1971 während eines Heimaturlaubes Brasilien fluchtartig verlassen und stand seitdem auf einer Liste der Sicherheitsdienste.

Zwei Jahre zuvor hatte Dora ihr Medizin-Studium im heimatlichen Minas Gerais im 10. Semester abgebrochen und sich in den politischen Untergrund Rio de Janeiros abgesetzt. Sie kämpfte als Guerillera in der Widerstandsorganisation VAR-Palmares gegen die Militärdiktatur.

Schon wenige Monate später wurde sie verhaftet. Man verschleppte sie zunächst in die Kaserne der 1. Kompanie der Militärpolizei. Dort wurde sie auf das Brutalste misshandelt, auch sexuell. Doch Dora überlebte selbst ihre ständigen Verlegungen und die Misshandlungen in drei weiteren Folterzentren.

Im Januar 1971 fand ihre Qual schlagartig ein Ende. Die befreundete Guerilla-Organisation VPR hatte Giovanni Bucher, den Botschafter der Schweiz in Brasilien, entführt. Sie forderten die sofortige Freilassung von 70 politischen Häftlingen. Die Militärdiktatur gab nach. Mit 69 Genossen verschiedenster Herkunft, darunter auch Mitglieder der Kommunistischen Partei, wurde Dora gegen Giovanni Bucher ausgetauscht.

Mit dem Austausch verbannten die Militärs sie des Landes und flogen sie nach Chile aus. Zweieinhalb Jahre später entkam sie erneut dem Tod. Nach dem Putsch gegen Salvador Allende flüchtete sie Ende 1973 zunächst nach Mexiko. Von dort gelangte sie nach Belgien und Frankreich. Schließlich erreichte sie im Oktober 1974 als Stipendiatin des Ökumenischen Werkes der Evangelischen Kirche West-Berlin.

In wenigen Monaten hatte sie gut Deutsch gelernt und wollte nun ihr Medizin-Studium beenden. Wir waren in kürzester Zeit gut befreundet. Doch bereits damals fiel mir auf, dass meine Landsfrau oft merkwürdig entrückt in unseren Gesprächen wirkte. Viele Jahre später sah ich Bilder von ihr in dem Dokumentarfilm "Brazil, a Report on Torture".

Haskell Wexler und Saul Landau hatten den Film 1971 bei bei Doras Ankunft in Chile gedreht. Damals fiel es mir ein zweites Mal auf: Ein seltsamer, suchender, in der Ferne verlorener Blick nahm von ihr Besitz und verzerrte ihr schönes Gesicht. Litt Dorinha weiter unter den schlimmen psychischen Nachwirkungen ihrer Haftzeit und Misshandlungen?

Am 1. Juni 1976 saß ich in einem Seminar am Institut für Publizistik, als mich die Nachricht erreichte, Dora sei vor einen Zug am S-Bahnhof Charlottenburg gesprungen.