Forscher entschlüsseln Erbgut sowjetischer Biowaffen

Tödliche Sporen von Milzbrand-Bakterien.
Tödliche Sporen von Milzbrand-Bakterien.
Wissenschaftler haben das Erbmaterial des Milzbrand-Erregers entschlüsselt, der im April 1979 bei einem tödlichen Unfall aus einem sowjetischen Labor austrat. Dabei gewannen sie auch Erkenntnisse über die Forschung an Biowaffen im Kalten Krieg.

37 Jahre nach dem Unglück untersuchten die Wissenschaftler in Formalin eingelegtes Gewebe zweier Opfer. Es gelang ihnen, das Erbgut des gefährlichen Erregers wieder zusammenzusetzen und mit anderen Bakterienstämmen zu vergleichen. Ihre vorläufigen Ergebnisse veröffentlichte die internationale Forschergruppe jetzt auf der Internetplattform BioRxiv.

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Das Milzbrand-Unglück hatte sich am 2. April 1979 in einem mikrobiologischen Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums nahe Jekaterinburg ereignet, bekannt als Gebäude 19. Als bei Wartungsarbeiten Luftfilter beschädigt wurden, trat eine Wolke aus Milzbrandsporen aus dem Gebäude aus, die vom Wind fortgetragen wurde. Mindestens 66 Menschen starben daraufhin an der Infektion. Der Vorfall gilt als tödlichster Ausbruch von Milzbrand überhaupt.

Die hochgiftigen Sporen werden von dem Bakterium Bacillus anthracis produziert. Wer sie einatmet, erleidet sogenannten Lungenmilzbrand. Werden die Patienten nicht direkt mit Antibiotika behandelt, endet die Erkrankung innerhalb von wenigen Tagen und mit hoher Wahrscheinlichkeit tödlich. Während des Kalten Krieges forschten im Rahmen ihres Biowaffen-Programms neben der Sowjetunion auch die Vereinigten Staaten und Großbritannien an Milzbranderregern. Dabei züchteten die Forscher unter anderem Bakterienstämme heran, die gegenüber Antibiotika oder Impfstoffen resistent sind. 

In der nun veröffentlichten Studie haben die Wissenschaftler jedoch nachgewiesen, dass in Jekaterinburg Bakterien nicht gezielt auf Resistenz hin gezüchtet wurden. Das Erbgut weist laut der Forscher eine hohe Ähnlichkeit mit den in der Natur vorkommenden Bakterienstämmen auf. Dank der minimalen Manipulation der Bakterien gelang es den russischen Mikrobiologen demnach eine große Menge des tödlichen Materials herzustellen.

Details über den Unfall in der Forschungsanlage kamen erst Anfang der neunziger Jahre ans Licht. Im Jahr 1992 kündigte der damalige russische Präsident Boris Jelzin an, die Forschung an Biowaffen zu beenden. Unsicher ist jedoch, ob beim Zerfall der Sowjetunion nicht Biowaffen in falsche Hände geraten sein könnten.

Die Milzbrand-Forscher schreiben, sie würden das Genom des Bakterienstammes aus Jekaterinburg nun in eine Datenbank einspeisen. Damit wird in Zukunft ein molekularer Fingerabdruck der Erregers gespeichert sein. Milzbranderreger kamen in den vergangenen Jahren immer wieder als Waffe zum Einsatz, etwa als kurz nach dem 11. September 2001 Pulver an Politiker und Journalisten in den USA verschickt wurde. Damals starben fünf Menschen. Sollten Bakterien aus dem russischen Forschungszentrum bei einem zukünftigen Anschlag noch einmal auftauchen, ließen sie sich einwandfrei zurückverfolgen.