Buddhismus in Russland: Der Lama, der in Meditation versunken starb

Ein indischer Mönch im Dazan von Arschan
Ein indischer Mönch im Dazan von Arschan
Östlich vom Baikal-See liegt das religiöse Zentrum der russischen Buddhisten. In einem der vielen Tempel sitzt ein Lama, der 1927 in Meditation versunken starb. Im Jahr 2002 wurde er exhumiert. Eine Reportage über die im Westen kaum bekannte jahrhundertealte buddhistische Tradition in Russland.

von Ulrich Heyden, Iwolginski Dazan/Arschan

Morgens um zehn kommen die Busse mit buddhistischen Gläubigen zum Iwolginski Dazan. Bei einem Dazan handelt es sich um eine Klosteruniversität, wie sie in Tibet, der Mongolei und Sibirien verbreitet ist. 

Der Iwolginski Dazan liegt in einer staubig-trockenen Ebene östlich des Baikal-Sees. Rund um das Tempelzentrum grasen auf der spärlich mit Gras und Büschen bewachsenen Ebene braungescheckte Kühe. Der Dazan mit seinen bunt verzierten Tempeln bildet das Zentrum des Buddhismus in Russland. Er liegt östlich des Baikal-Sees, nicht weit von Ulan Ude, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Burjatien. 

Im 17. Jahrhundert kamen Mönche aus Tibet

In der „Respublika Burjatija“, wie das Gebiet auf Russisch heißt, leben heute 980.000 Menschen. Ein Drittel der Bevölkerung sind Burjaten, zwei Drittel Russen. Der Buddhismus kam im 17. Jahrhundert nach Burjatien.

Mönche aus Tibet und der Mongolei erreichten die Baikal-Region. Sie unterrichteten die Menschen in tibetischer Medizin. Als Gegenleistung bekamen sie von der örtlichen Bevölkerung etwas Essen und ein Dach über dem Kopf, erzählt uns eine örtliche Englisch-Lehrerin, die seit 16 Jahren im Iwolginski Dazan als Führerin für Fremde arbeitet.

Im Jahr 1741 erließ die russische Zarin Elisaweta Petrowna ein Gesetz, nach dem der „tibetische Buddhismus“ auf dem Gebiet des russischen Imperiums erlaubt wurde. Die Mönche gründeten elf Dazan. Heute sind 150 Lama offiziell anerkannt. 

Während der Stalinzeit seien viele Tempel in Burjatien zweckentfremdet oder zerstört worden, erzählt uns die Führerin. Die 50-jährige Frau fand erst spät zum Buddhismus. In ihrer Jugend habe sie der kommunistischen Pionier-Organisation angehört, erzählt sie. Eigentlich wollte sie Kommunistin werden, aber sie habe sich dann für den Buddhismus entschieden. Das hing auch mit ihrem Großvater zusammen. Der war ebenfalls Buddhist. 

Nach dem Sieg 1945 durften wieder Tempel gebaut werden

Im Mai 1945 – nach dem Sieg über Hitler-Deutschland und seine Verbündeten – erlaubten die Kommunistische Parteiorganisationen in der Baikal-Region den Bau von zwei neuen Dazan. Das hing damit zusammen, dass die Burjaten sehr tapfer als Soldaten gekämpft hatten. Der erste Tempel im Iwolginski Dazan wurde an der Stelle gebaut, an der sich ein mit buddhistischen Büchern beladenes Pferd niederließ, um auszuruhen, erzählt unsere Führerin. 

Eine weitere Lockerung erlebten die Buddhisten in Russland im Jahr 1991, als die Religionsfreiheit eingeführt wurde. Seitdem gehört der Buddhismus in Russland neben Christentum, Judentum und Islam zu den vier anerkannten Staatsreligionen.

Alle russischen Präsidenten haben den Iwolginski Dazan besucht: Boris Jelzin im Jahr 1993, Dmitri Medwedew 2009 und Wladimir Putin 2013. Putin habe bei seinem Besuch versprochen, die Baumaßnahmen im Dazan finanziell zu unterstützen, erzählt unsere Führerin.

In einem Video vom Putin-Besuch sieht man, wie der Präsident vor den in rostroten Gewändern gekleideten Mönchen die patriotische Haltung der Buddhisten im Ersten und Zweiten Weltkrieg lobt und auch über die Unterdrückung der Buddhisten in den 1930er Jahren spricht. 

Das Gebiet an der Grenze zur Mongolei ist Putin nicht fremd. Westlich von Burjatien liegt die Republik Tuwa. Von dort stammt der russische Verteidigungsminister Sergej Schojgu. Der ist Tuwiner und nach Berichten russischer Zeitungen Buddhist. Gemeinsam gehen Putin und Schojgu auf Jagd und Fischfang.

Dreimal läuft man um das Gelände und dreht die Gebetstrommeln

Die Tempel im Dazan mit ihren geschwungenen Dächern sind zwar prachtvoll geschmückt, aber Reichtum sieht man hier nicht. Der oberste Lama und die Mönche wohnen in einfachen Holzhäusern. Über das Gelände führen staubige Wege. 

Dreimal – so ist es Sitte – laufen die Besucher um das Gelände und berühren dabei die zahlreichen, mit tibetischen Schriftzeichen bemalten Gebetstrommeln, die sich dann drehen. In den Trommeln befinden sich Mantras, religiöse Sprüche, die durch das Drehen, so wird gesagt, ihre Kraft entfalten. 

Viele Menschen – auch aus der Mongolei - kommen in der Hoffnung in den Dazan, ihre Krankheiten zu heilen, erklärt uns die Führerin. Auf vielen Altären sehe ich kleine Geschenke liegen, Geldmünzen und Amulette. Später lese ich, was Buddha lehrte.

Der Mensch könne seinen Zustand des Leidens überwinden, durch ethisches Verhalten, die Kultivierung der Tugenden, Meditation und die Entwicklung von Mitgefühl für alle Wesen und allumfassende Weisheit. Auf diesem Weg könne man einen Zustand des Glücks erreichen.  

„Ich komme zurück, wenn niemand mehr glaubt …“

In einem der Tempel ist der noch gut erhaltene Körper des Chamba Lama Itigelow zu sehen. Der berühmte geistliche Führer ließ sich im Jahr 1927 im Alter von 75 Jahren in einem Sarkophag beerdigen. Der Legende zufolge stimmte er selbst das Totengebet an und versank dann in tiefer Meditation. Den Mönchen trug er auf, erst nach 75 Jahren wieder nach ihm zu schauen. 

Im Jahr 1955 wurde der Sarkophag das erste Mal geöffnet, erzählt uns die Führerin. Die Mönche wechselten die Kleider des Toten. Dann wurde der Sarkophag wieder an einem geheimen Platz beerdigt. Dem Auftrag entsprechend öffnete man den Sarkophag erneut im Jahr 2002 und nun endgültig.

Der Körper des Lama, der inzwischen leicht nach vorne gebeugt auf einem Altar in Lotus-Pose sitzt, war erstaunlich gut erhalten. Wissenschaftlern ist dieser Vorgang bis heute ein Rätsel. Manche behaupten, der Lama sei noch gar nicht tot und meditiere noch. 

Itigelow habe vor seinem Tod gesagt, er würde zurückkommen und den Mönchen helfen „wenn niemand mehr glaubt“, erzählt unsere Führerin. „Ja, wir leben jetzt in einer Zeit, in der die Menschen nur noch an Geld glauben“, sagt sie. Itigelow sei zur rechten Zeit zurückgekehrt. 

In einem Dorf, wo Burjaten und Russen leben

Ich will herausfinden, wie die einfachen Burjaten ihren Glauben leben und halte im Dorf Sumurina, nordwestlich des Baikal. Dort, so hat man mir gesagt, wohnen zur Hälfte Russen und Burjaten.

Am Dorfrand treffe ich den Bauarbeiter Denis, der mit seinen drei Kindern und einer jungen Frau in einem Holzhaus lebt, das noch nicht ganz fertiggestellt ist. Im Dorf gibt es keinen Tempel erzählt Denis. Die Menschen im Dorf würden die Lama zu sich nach Hause einladen. Das koste aber Geld. Die Gebete verstehe man nicht, da sie in tibetischer Sprache gehalten werden, aber „sie bringen Glück“, meint Denis.  

Zusammen mit den Kindern und Nichten von Denis fahren wir wilden Sauerampfer sammeln. Dabei kommen wir mit einem Schäfer ins Gespräch. Er hütet 100 vom Aussterben bedrohte Buubej-Schafe. Die Schafe, so erzählt der Mann, gehörten dem Nationalpark und seien von einem Lama gespendet worden.

Begleitet wird der Mann von einem burjatischen Hirtenhund, der gegen die Wölfe schützt, die gelegentlich Vieh reißen. Denis erklärt, dass die Privat-Kühe der Bauern morgens nach dem Melken auf eine gemeinschaftliche Weide entlassen werden. Abends finden die Tiere ihren Weg alleine zurück in den Stall. 

In Moskau war Denis noch nie. Doch von seinen 45 Klassenkameraden würden nur noch fünf im Dorf leben, erzählt er. Fast alle anderen seien nach Zentral-Russland umgesiedelt, wo sie in sibirischen Bergwerken oder auf dem Bau ihr Geld verdienen. Wie weit der europäische Teil Russlands entfernt ist, merke ich auch im Gespräch mit der siebenjährigen Nichte von Denis. Sie fragt, ob man in Moskau Englisch spricht und ob in Moskau „die Freiheitsstatue steht“. 

Kosaken-General Jermak: „Ich komme für immer, aber in Frieden“ 

Es ist schon spät und Denis bringt mich mit dem Auto in den berühmten Kurort Arschan. Der Ort liegt am Fuße der Berge. In einem Souvenir-Laden komme ich mit einem Verkäufer ins Gespräch. Der beschwert sich über „russische Bevormundung“ und träumt davon, dass sich Burjatien von Russland loslöst und sich wieder mit der Mongolei vereinigt, zu der es bis zum 16. Jahrhundert gehörte.

Die Russen hätten immer noch Angst vor Dschingis Khan, dem mongolischen Khan, der im 13. Jahrhundert mit seinen Truppen bis ans Kaspische Meer vorstieß, meint der Verkäufer mit schelmischen Grinsen. 

Ganz anders beschreibt das Verhältnis zu Russland der pensionierte Militärarzt Aldar, den ich am nächsten Tag auf der Hauptstraße im Zentrum von Arschan treffe. Aldar ist Burjate, aber er zitiert den russischen Kosaken-General Jermak. „Ich komme zu Euch für immer, aber in Frieden.“

Jermak eroberte im 16. Jahrhundert Sibirien für das russische Imperium. Natürlich habe es „kleinere Gefechte“ gegeben, als die russische Armee kam, sagt Aldar. Aber sich von Russland abspalten, dass wolle heute niemand. Natürlich gäbe es in Burjatien Leute, die für die Wiedervereinigung mit der Mongolei sind und es gäbe sogar Neo-Faschisten. Aber das sei eine sehr kleine Minderheit. Um zu zeigen, wo er steht, sagt Aldar „Mein Vater kämpfte als Soldat gegen die Nazis“.

Zu den in Burjatien nicht beliebten russischen Politikern gehört der Ultra-Nationalist Wladimir Schirinowski. Bauarbeiter Denis erzählte mir, dass er überhaupt nichts von Wladimir Schirinowski halte, denn der wollte Burjatien in den 1990er Jahren seinen Status als Republik innerhalb der Russischen Föderation nehmen. Ganz Russland sollte - wie zu Zarenzeiten - in Gubernien aufgeteilt und allen „nationalen Republiken“, wie Tatarstan, Tschetschenien und Burjatien ihre Sonderrechte genommen werden. Aber der Traum von Schirinowski ist heute kein Thema mehr in Russland. 

Asiatische Gesichter am Weltkriegsdenkmal

Im Park des Sanatoriums von Arschan bin ich erstaunt über einen neuen Gedenkkomplex für die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges. Die Hälfte der auf den Stelltafeln abgebildeten Männer haben asiatische Gesichtszüge. Und das Bronzedenkmal - ein junger burjatischer Soldat der Luftlandetruppen, der einen Kranz niederlegt - erinnert daran, dass nicht nur Russen und Ukrainer gegen die Hitler-Wehrmacht kämpften, sondern auch viele Menschen aus dem asiatischen Teil der Sowjetunion. 

Die Burjaten seien sehr fürsorgliche Menschen, sagt mir eine Frau, die ich auf dem kleinen Markt von Arschan treffe, wo sie Käse und Milch verkauft. „Wir beten nicht für uns, sondern für alle, die Familie, den Ort, Burjatien und Russland.“ Sie sei stolz, dass Wladimir Putin, Dmitri Medwedew, Anatoli Tschubais und Sergej Schojgu in den letzten Jahren Burjatien besucht haben.