Ernst Neiswestny - Der berühmte russisch-sowjetische Bildhauer stirbt im Alter von 92 Jahren

Ernst Neiswestny bei einem Interview im Jahr 2000.
Ernst Neiswestny bei einem Interview im Jahr 2000.
Der Zweite Weltkrieg,  schwere Verletzungen an der Front, eine lange und kurvenreiche Karriere, Demütigungen, ewiger Protest gegen Autokratie, Exil und schließlich Anerkennung – ein bewegtes Leben, das nun ein Ende gefunden hat. Der große Bildhauer Ernst Neiswestny ist mit 92 Jahre in einem Krankenhaus in New York gestorben, in das er wegen starken Magenschmerzen eingewiesen worden war. Die Frage, wo der Künstler beerdigt wird, bleibt offen.

 „Ernst Neiswestny ist gestorben. Ich kann kaum etwas dazu sagen, mir steigen Tränen in die Augen. Ich bin erschüttert. Verstört. Das ist ein großer Verlust für die russische Kultur und für alle, die diesen außergewöhnlichen Menschen kannten“, schreibt Journalist Oleg Sulkin auf seiner Facebook-Seite.

Ernst Iossifowitsch Neiswestny wurde am 9. April 1925 in Swerdlowsk, dem heutigen Jekaterinburg, geboren. Mit 17 Jahren kämpfte er an der Front und wurde für tot erklärt. Wieder Erwartungen überlebte er jedoch den Krieg und wurde mit einem Rotbannerorden ausgezeichnet.

Nach dem Krieg studierte er Kunst am Surikow-Institut in Moskau und Philosophie an der Lomonosow-Universität.

Im Jahr 1955 nahm er an einer Ausstellung der zeitgenössischen Kunst teil. Der damalige Regierungschef Nikita Chruschtschow, der die Ausstellung besuchte, geriet beim Anblick an seine Werke förmlich außer Rand und Band. Verzehrte Gesichter und Plastiken aus verkrüppelten Körperteilen passten seiner Meinung nach nicht zum Antlitz eines sowjetischen Menschen. Er nannte die Plastiken von Ernst Neiswestny „Degenerierte Kunst“, ein von den Nazis geprägter Begriff.

„Das ist Päderastie in der Kunst! Wenn die Päderasten zehn Jahre Haft bekommen, sollen wir dann etwa die 'Künstler' mit Orden auszeichnen?“, wütete damals Chruschtschow.

Ernst ließ sich nicht einschüchtern und antwortete schlicht darauf, dass er seine heterosexuelle Orientierung gerne beweisen würde, wenn es hier eine Frau gäbe.

Nach dem Tod des Regierungschefs Chruschtschow, war es Ernst, der die Gestaltung seines Grabes übernahm. Darum hatte Chruschtschows Sohn gebeten. Ein schwarz-weißes Monument mit einer Skulptur aus Bronze, die den Kopf des Verstorbenen abbildet. Schwarz und weiß – wie Chruschtschows Kunstverständnis.

„Er war ein außerordentlicher und sehr mutiger Mann, sein Gesamtwerk bleibt für immer“, so Wiktor Potapow, ein Geistlicher und Bekannter von Ernst Neiswestny.

Mutig, direkt, stolz, voller Kraft – so waren auch seine Plastiken. In den Werken von Ernst Neizwestny findet man keine Spur von dem damals weit verbreiteten sowjetischen Realismus, nur Emotionen – pur und aussagekräftig. Das Verlangen nach der Freiheit, das  Leiden unter der Autokratie, Kunst gegen Macht. Eine bizarre Mischung vom Symbolismus und Abstraktionismus.

1976 zog er in die Schweiz und ein Jahr später wanderte er in die USA aus.

Zu seinen bekanntesten Werken gehören die 150 Meter hohe Statue „Den Kindern der Welt" im Pionierlager Artek auf der Krim und das 75 Meter hohe Monument an die Völkerfreundschaft – die „Lotusblüte" auf dem Assuan-Staudamm in Ägypten.

„Den Kindern der Welt" im Pionierlager Artek auf der Krim.
„Den Kindern der Welt" im Pionierlager Artek auf der Krim.

2013 wurde in seiner Heimatstadt ein Museum zu Ehren des großen Bildhauers eröffnet. 2016 fand in Moskau in der Manege die Ausstellung  „Ernst Neiswestny, Rückkehr nach Moskau, Aus der Sammlung von Felix Komarow“ statt.