Mein Besuch in der Sportschule 1 - Austauschschülerin berichtet RT von ihrem Leben in Russland

Mein Besuch in der Sportschule 1 - Austauschschülerin berichtet RT von ihrem Leben in Russland
Alona Bartenschlager kommt aus Bayern, ist 15 Jahre alt und hat sich mit dem Zug auf den Weg nach Russland gemacht. Von Ingolstadt über Berlin ging es zunächst nach Moskau und dann weiter nach Sotschi. Dort besucht Alona für mehrere Monate die Schule. Für RT Deutsch berichtet Alona, abseits der großen Politik und medialer Verzerrungen, von ihrem neuen Alltag in Russland. In ihrem aktuellen Beitrag erzählt sie über ihre Erlebnisse in einer der staatlichen Sportschulen Sotschis.

Meine Familie ist sehr sportlich. Selber spiele ich Tennis, das ist sozusagen Tradition. Meine Mama und mein Papa, meine beiden Schwestern, mein Onkel und seine beiden Kinder, meine Nichte und mein Neffe spielen. Meine beiden Opas spielten und mein Opa Josef war Tennisvereinsvorsitzender und hat sogar Tennisplätze gebaut. Ich turne aber auch und sitze gern auf den Rücken von Pferden. Deshalb habe ich bei meiner Fahrt nach Sotschi meine Tennisschläger, mein Turntrikot und meinen Reithelm eingepackt. Da war ich in Sotschi genau richtig.

In dieser Stadt wird Sport groß geschrieben und das nicht erst seit den Olympischen Winterspielen. Schon mein Opa Felix hat in den 1950er Jahren eine Jugendtennisschule besucht. Aus Sotschi stammen sehr viele gute und auch international bekannte Tennisspieler: Jewgenij Kafelnikow und Maria Scharapowa waren die ersten Russen, die die Tennisweltrangliste angeführt haben. Kafelnikow ist in Sotschi geboren und aufgewachsen, Scharapowa lebte als Kind für mehrere Jahre hier. Auch  Alexander und Irina Zwerew stammen aus Sotschi. Er war viele Jahre Mitglied der Daviscup-Mannschaft der UdSSR und sie war Mitglied der UdSSR-Jugendmannschaft. Beide sind sie die Eltern von Mischa und Alexander Zwerew, die jetzt in Deutschland recht bekannt sind. Noch eine Tennisspitzensportlerin aus Sotschi ist Jelena Wesnina. Natürlich gibt es auch sehr gute Athleten aus anderen Sportarten.

Und jetzt habe ich da trainiert ... .

Meine Mama hat mir verschiedene Schulen und Sportstätten gezeigt. Geturnt habe ich in der Sportschule Nummer 1. Das ist eine gute staatliche Jugendsportschule mit mehreren Abteilungen: Tennis, Turnen, Kampfsport, Leichtathletik, Badminton, Radsport, Fußball.

Ich glaube, ich muss erst mal was Grundsätzliches erklären: Die staatlichen  Sportschulen sind alle in das staatliche Schulsystem integriert. Meine Mama hat mir erklärt, dass alle Trainer und Ausbilder ein Hochschulstudium absolviert haben. In Russland ist es wichtig, dass möglichst viele Kinder und Jugendliche Sport treiben. Profis werden freilich nur die wenigsten. Die Kosten für die Sportschule übernimmt der Staat. Am Geld soll der Sportunterricht nicht scheitern. Deshalb machen auch so viele Kinder und Jugendliche Sport. Wie ich erfahren habe, gibt es extra Beratungen für Eltern, welches Kind für welche Sportart geeignet ist. Die Sportschulen sind wie richtige Schulen organisiert, mit einem Direktor, einem Konrektor und natürlich den Lehrern.

Der Leiter der Sportschule Nummer 1 heißt Alexander Leonidowitsch Madeljan. Sein Vater wiederum war der erste und langjährige Trainer  von Alexander Zwerew senior. Die Sportschulen arbeiten den ganzen Tag. Das hat seinen Grund. In Russland gibt es Schichtunterricht. Ich selber paukte am Gymnasium Nr. 16 Russisch, Englisch, Mathe, Geografie und andere Fächer am Vormittag und besuchte am Nachmittag die Sportschule. Aber andere Kinder und Jugendliche haben ihren regulären Unterricht am Nachmittag und trainieren daher schon am Vormittag in den Sportschulen.

Und noch was: Wer eine Sportschule besucht, wird zweimal im Jahr von Sportärzten untersucht. Auch das ist kostenlos. Diese Untersuchung soll sicherstellen, dass es zu keinen gesundheitlichen Schäden oder Beeinträchtigungen kommt. Oh, und eine Besonderheit ist mir noch aufgefallen. Die Eltern dürfen nicht mit hinein. Wachleute sichern die Tür zur Halle. Sie beobachten auf Monitoren die Flure und die Außenanlagen. Sie passen auch auf die kleineren Kinder auf.

Jetzt aber zurück zu mir:  Ich kam zur Gruppe mit Cheftrainer Valerij Nikolajewitsch und Choreografin Swetlana Nikolajewna. Das habe ich als Glück empfunden. Die beiden sind streng und dabei nett und freundlich. Das Training ist spannend und sie haben mir (und den anderen natürlich) viel beigebracht. Der Unterricht dauert täglich mehrere Stunden und findet an sechs Tagen in der Woche statt. Die Kinder sind meist sehr fleißig und diszipliniert und die Trainer sind einfach super. 

Meine Tennisgruppe. Außen links, das bin ich.
Meine Tennisgruppe. Außen links, das bin ich.

In der Sportschule Nummer 1 habe ich auch Tennis gespielt. Dort arbeitet ein fröhlicher junger Trainer mit Namen Pawel Jurewitsch. Und jetzt kommt´s. Er ist der Sohn von Mamas Lieblingstrainer Jurij Pawlowitsch. Ist doch irgendwie lustig: Jurij Pawlowitsch war der Trainer von meiner Mama und sein Sohn hat mich trainiert. Ich war sehr gern bei ihm, er hat es wirklich drauf, aber leider hat er eine Gruppe mit kleineren Kindern.

Mein Tennistrainer Pawel Jurewitsch. Zu dem Zeitpunkt als ich das Foto machte, hatte Pawel eine Erkältung und wollte seine Schüler nicht anstecken. Daher der Mundschutz.
Mein Tennistrainer Pawel Jurewitsch. Zu dem Zeitpunkt als ich das Foto machte, hatte Pawel eine Erkältung und wollte seine Schüler nicht anstecken. Daher der Mundschutz.

Deshalb habe ich auch die Tennisschule Nummer 5 besucht. Die kennt meine Mama gut, hier hat sie als Kind angefangen, Tennis zu spielen. Sie ist russische Meisterin, trägt den Titel "Sportmeister der Sowjetunion" und ist Trainerin. Sie hat auf der Krim Sport studiert und ist seither Sportlehrerin und Tennistrainerin. Dieser Sport muss mir also im Blut liegen.

Alona Bartenschlager mit ihrem Tennisclub bei der Maiparade in Sotschi.

Swetlana Weniaminowna Klimowa, eine Tennistrainerin mit hoher Kompetenz, hat mich in ihrer Gruppe aufgenommen. Sie kennt meine Mama seit der Kinderzeit. Ich habe mich bei ihr und ihrer Mädchengruppe sehr wohl gefühlt. Dreimal in der Woche durfte ich zu diesem Training kommen und die drei Stunden mitmachen. Ihr Training hat sie sehr abwechslungsreich und interessant gestaltet. Das hat mir gut gefallen und ich hatte viel Spaß dabei. Aber ich habe mich auch ganz schön angestrengt und das nicht nur, weil meine Mama oft zugeschaut hat. Die Sportschule ist sehr schön gelegen, nahe bei einem Fluss, der ins Meer führt. Aber das Gelände ist abgeschlossen. Auch hier öffnet ein Wachmann die Tür; man kann nicht einfach selbst reinspazieren. Hier dürfen Eltern aber schon mitkommen.

In dieser Schule arbeiten mehrere Tennistrainer. Es gibt drei Sandplätze und drei Hartplätze. Dreimal in der Woche besetzt Swetlana Weniaminowna die drei Sandplätze. Mit ihr arbeitet Pawel Olegowitsch als Trainer. Er ist einer ihrer früheren Schüler. Die übrigen drei Werktage sind Michail Wjatscheslawowitsch mit seinem einstigen Schüler und heutigem Partner Jewgenij Sergeewitsch auf den Sandplätzen zu finden. Zwei starke Duos.

Jetzt glaube ich, bin ich noch eine Erklärung schuldig. Die Schüler reden ihre Lehrer, Trainer und Ausbilder mit Vornamen und Vatersnamen an und sagen "Sie" zu Ihnen. So etwas wie "Frau Klimowa" geht nicht und dass ich zu Swetlana Weniaminowna "Du" gesagt hätte, wäre völlig undenkbar gewesen.

Ich weiß nicht, ob Ihr das wisst, aber Tennis ist toll. Oft sind wir früher gekommen und haben auch danach noch weitergespielt. Ich bin nicht an drei Tagen pro Woche in diese Schule gegangen, sondern an fünf Tagen. Wie Ihr Euch denken könnt, war ich nicht auch noch jeden Tag beim Turnen. Aber das nur nebenbei.

Wenn ich kein reguläres Training hatte, habe ich mich mit Nastja, einer Freundin aus meiner Gruppe, getroffen und wir haben uns die Bälle zugespielt. Und als Nastja nicht da war, weil sie für einen Monat weggefahren ist, hat Katja angerufen: "Komm, Alona, spiel mit uns."

Geschafft! Alona nach der langen Zugfahrt von Berlin nach Moskau im Hotel Cosmos.

Manchmal war kein Platz frei, aber das war meistens kein Problem. Oft hat uns einer der Trainer angeboten, seinen Platz mitzunutzen. Er hat mit einem Schüler Technik geübt, während wir auf der anderen Hälfte trainierten.

Ein anderer Trainer hat mich des Öfteren in seine Gruppe aufgenommen, und mich mit Doppel oder auch Einzel spielen lassen. Das ging alles erstaunlich unkompliziert und war wie selbstverständlich.

Ein anderer Trainer hat meine Freundin und mich auf den Platz gerufen und uns eingeladen, uns am Konditionstraining zu beteiligen. Das fand ich alles sehr nett.

Wenn gar nichts anderes ging, habe ich gegen die Wand gespielt, was spannender ist als es klingt. Man kann an sich selbst arbeiten, wie man möchte, zum Beispiel die Technik verbessern, und man kann dabei die Geschwindigkeit selbst bestimmen und hat den Ball unter Kontrolle.

Und bei besonders harten Schlägen stelle ich mir vor, Papa ist auf der anderen Seite und völlig hilflos bei meinen Angriffsbällen.

Mal sehen, wie´s dann läuft, wenn ich wirklich gegen ihn spiele.

Bis zum nächsten Mal

Eure durchtrainierte Alona