Reportage: Wo die Baikal-Möwen ihre Nester haben – Reise in ein russisches Naturparadies

Idylle am Baikal-See. Foto: Ulrich Heyden
Idylle am Baikal-See. Foto: Ulrich Heyden
Der Omul-Fisch und die Touristen ernähren die Menschen am Baikal. Der riesige See in Südsibirien fasst ein Fünftel der weltweiten Trinkwasservorräte. Seit 1996 ist die einzigartig schöne Region um den größten See der Welt UNESCO-Weltkulturerbe. RT-Gastautor Ulrich Heyden berichtet von seiner Reise in das Naturparadies und Zentrum des russischen Buddhismus.

von Ulrich Heyden, Sljudjanka

Der See wechselt alle paar Minuten sein Gesicht. Mal ist er leicht gekräuselt, mal still und flach, mal gewellt. Dann spiegelt sich die Farbe der Wolken im Wasser und man sieht einen orangenen Schimmer. Wenn wieder Regenwolken vorüberziehen ist er grau-dunkelblau.

Der 1.637 Meter tiefe See wirkt wie ein Kühlschrank. Die oberen Schichten erwärmen sich im Sommer auf nur neun Grad. Und sobald der Himmel bedeckt ist, kühlt die Luft ab, auch im Sommer.

Foto: Ulrich Heyden
Foto: Ulrich Heyden

Immer wieder lassen sich Schwärme von Wasservögeln auf dem See nieder. Ruhig schaukeln sie auf den Wellen. Und dann starten sie plötzlich, wie eine Kunstfliegerstaffel. Eins, zwei, drei, vier, der Reihe nach, und ziehen in Formation über den See.

Die Schönheit des Sees lasse ihn nicht los, meint Pjotr, ein Taxi-Fahrer, der mich vom Hotel am Stadtrand zum Bahnhof von Sljudjanka fährt. Aleksej, ein anderer Taxi-Fahrer, der mich später zurückfährt, erzählt, auch er müsse sich jetzt durchschlagen. Seinen Job, als Fahrer im Marmor-Steinbruch, habe er verloren. Dort sei früher in drei Schichten gearbeitet worden, jetzt nur noch in einer. Von den Parteien und Kandidaten, die jetzt mit Plakaten am Straßenrand zur Duma-Wahl werben, hält er nichts. Die würden nur Versprechungen machen.

Gastautor Gert Ewen-Ungar auf der Krim

Das Städtchen Sljudjanka mit seinen 18.000 Einwohnern wäre wohl immer ein unscheinbares Dorf geblieben, wenn hier nicht 1905 auf Beschluss der russischen Eisenbahnverwaltung ein prächtiger Bahnhof aus rosa und weißem Marmor gebaut worden wäre. Heute ist auf dem Verkehrsknotenpunkt, der nur einen Sprung vom Baikal-See entfernt liegt, viel los. Von einer Wirtschaftskrise ist hier nichts zu sehen. Auf dem Bahnsteig für Passagiere tummeln sich Touristen aus China. Auf den hinteren Gleisen stehen lange Güterzüge mit Öl-Tanks, 100 Meter langen Schienen, die in der Region in dieser Länge produziert werden, und Waggons mit Holz und Kohle. Kein Zweifel, hier werden die Reichtümer Sibiriens bewegt, Richtung Peking, Richtung Moskau oder Richtung Wladiwostok. Jeder zweite Bewohner von Sljudjanka arbeitet bei der Eisenbahn.

Banja-Euphorie

Nach einem Schwitzbad in der Banja möchte man den ganzen See umarmen. Der See ist eiskalt und der Temperaturwechsel wirkt wie eine innere Massage. Man fühlt sich entspannt und gleichzeitig euphorisiert.

Nach der Banja haben wir noch eine Aufgabe zu erfüllen. Olga, die zu unserer Reisegruppe gehört und sich mit Buddhismus auskennt, hat uns aufgetragen, unsere negativen Energien auf einen Zettel zu schreiben. Am nächsten Morgen habe sie etwas mit uns vor. Wir müssten früh aufstehen.

Noch vor Frühstück versammeln wir uns hinter der Banja. Olga öffnet die Klappe zum Banja-Ofen und gibt uns ein Zeichen, die Zettel auf die Asche zu legen. Als alle Zettel dort liegen, zündet sie die den kleinen Haufen an und sagt mit beschwörender Stimme, dass wir nun alles Negative hinter uns lassen und eine neue Zeit beginnt.

Das Wetter hat sich aufgeklart. Der See ist in seiner ganzen Prächtigkeit zu sehen, der Himmel rosa-hellblau. In Ufernähe schwimmen große Möwen, die fordernd-knarzende Geräusche von sich geben, so als wollten sie uns darauf hinweisen, dass sie noch nicht gefrühstückt haben.

Der Vogel-Retter

Nicht weit vom Hotel wohnt Juri Karpow in einem Holzhaus. Nach 30 Jahren bei der Transsibirischen Eisenbahn beschäftigt er sich jetzt nur noch mit dem Sammeln von Porzellan und Schmetterlingen und seinem selbst angelegten Botanischen Garten. Ständig wird er als Experte für Pflanzen und Tiere um Rat gefragt oder eingeladen, seine Exponate auszustellen. In zwei Käfigen pflegt er zudem Vögel, die von Autos angefahren wurden und lässt sie dann frei.

Foto: Ulrich Heyden
Foto: Ulrich Heyden

Juri stellt uns Sonja vor. Die einjährige Eule hat sich einen Flügel gebrochen. Mit Juri ist sie ganz auf Du, lässt sich Streicheln und guckt den Besucher mit ihren gelb-schwarzen Augen ohne Scheu an. Und man guckt, wie hypnotisiert, zurück.

Das Wetter ist wechselhaft, mal regnet es, mal scheint die Sonne, mal fegt ein Wind über den See. Unsere Bootsfahrt über den Baikal wird immer wieder verschoben. Doch schließlich ist Schenja, ein junger Mann mit weißer Kapitäns-Mütze bereit. Der Motor wird angeworfen und das kleine Alu-Boot, was noch aus Sowjetzeiten stammt, zieht mit einer weißen Gischt über den See. Weit hinten in den bewaldeten Bergen sehen wir einen weißen Berggipfel, über dem Rauchwolken aufsteigen. „Das ist ein Marmorbruch. Dort wird gerade gesprengt“, erklärt Schenja.

Der See sei bei starkem Wind nicht ungefährlich, erzählt unser Kapitän. Jedes Jahr kämen zwei Fischer ums Leben. Das seien meist Leute, die illegale Netze im See verankert haben, die sie bei jedem Wetter versuchen zu leeren. Kleine Boote und die schwere Netze - das endet bei stürmischen Wetter oft in einer Katastrophe.

Der Omul-Bestand geht zurück

Der Omul ist neben dem Charius der wichtigste Fisch im Baikal. Er ist etwa 60 cm lang. Ein Kilo kostet umgerechnet 5,40 Euro. Egal wie er zubereitet wird, in einer Suppe, gedünstet oder geräuchert, der Fisch mit seinem weißen Fleisch ist äußerst schmackhaft. „Der Bestand des Omul geht zurück“, meint Larissa, die in ihrem Haus, nicht weit vom Ufer, eine kleine Fisch-Räucherei betreibt. Das mache ihr schon Sorgen. Der See reagiert auf alle Veränderungen des Klimas sehr empfindlich. Der Wasserspiegel ist in den letzten zwei Jahren um einen Meter gefallen. Das liege an der Dürre, die es gab, meint der Biologe Karpow. Jetzt regne es wieder viel und der See fülle sich auf. „Die Natur regelt sich von alleine“, ist Karpow überzeugt.

Im Baikal befinden sich ein Fünftel der weltweiten Trinkwasservorräte. Der See ist riesig, 636 Kilometer lang. Chinesische Unternehmer planen das saubere Wasser des Sees als Trinkwasser zu exportieren.

Foto: Gert Ewen-Ungar

Ich frage Karpow, wie sich die Schließung der Papierfabrik 2006 auf die ökologische Situation im Baikal ausgewirkt hat. Das habe sehr positive Folgen gehabt, sagt der Biologe. „Insbesondere was den Ausstoß von Gas betrifft. Die großen Behälter mit Schlamm gibt es noch. Zurzeit denkt die Gebietsregierung darüber nach, wie man die Abfälle aufarbeiten und das Territorium reinigen kann. Es werden keine Abwässer der Papierfabrik mehr in den Baikal eingeleitet. Und die Tierwelt des Baikal beginnt sich zu erholen.“

Die Angst vor der chinesischen Konkurrenz

Die örtlichen Hoteliers und Fremdenführer, Maksim Udobkin und Nikolaj Aleksejew, sind seit Jahren im Tourismus-Geschäft tätig und haben viel Erfahrung. Nein, eine zentralisierte Werbung für die Baikal-Region im Ausland gäbe es nicht. Überhaupt fehle eine staatliche Unterstützung für die örtliche Tourismus-Industrie. Doch diese Unterstützung sei sehr wichtig, insbesondere jetzt, wo die chinesische Tourismus-Industrie große Summen in der Baikal-Region investieren will. Wenn man die chinesischen Investoren in die Region lasse, dann, so meinen die beiden, würden die kleinen russischen Tourismus-Unternehmen diese starke Konkurrenz nicht überleben.

Während unser Boot über den See flitzt, tauchen rechts und links immer wieder die Köpfe von kleinen Robben aus dem Wasser. Sie gucken neugierig. Dann tauchen sie mit einer Rolle vorwärts wieder ab, wobei ihr Rücken in der Sonne blinkt.

Nach dreißig Minuten erreichen wir mit unserem Motorboot das andere Ufer. Hier ragen die Berge steil aus dem See, es gibt keine Straße, nur eine verwaiste Bahnstrecke, auf der gelegentlich ein Vorortzug mit Touristen fährt. Die Strecke führt durch zahlreiche Tunnel. Ihre Öffnungen sind mit schönen Bögen verziert. Man erzählt, die Tunnel seien vor dem 1. Weltkrieg mit Hilfe von Ingenieuren aus Italien gebaut worden.

Direkt vor einem großen Felsen, wo die Baikal-Möwen ihre Nester haben, streikt plötzlich der Motor unseres Bootes. Schenja ordert mit dem Handy ein Boot, was uns sicher nach Hause bringen soll. Doch es kommt anders. Während wir uns am See-Ufer sonnen und die Stille genießen, tauscht Schenja das Benzin im Tank aus. Die Qualität sei wohl nicht gut gewesen, meint er und schüttet aus dem Reservekanister eine andere Benzin-Mischung hinein. Kurze Zeit darauf, springt der Motor wieder an und wir fahren ohne Unterbrechungen nach Hause.