"Wie in längst vergangenen Zeiten" - Kreml erhält sein historisches Aussehen zurück

"Wie in längst vergangenen Zeiten" - Kreml erhält sein historisches Aussehen zurück
Vor zwei Jahren wurde auf höchster Ebene beschlossen, das historische Aussehen des Moskauer Kreml wiederherzustellen. Die zu erledigende Aufgabe war alles anderes als leicht, zumal die kulturelle, historische und politische Bedeutung des architektonischen Ensembles der rotmaurigen Festung enorm ist. RT-Kolumnist Ilja Ogandschanow erläutert, wie das wichtigste Wahrzeichen des Landes im Laufe von Jahrhunderten umgestaltet wurde.

In Russland ist es Sitte, dass alle Umplanungen im Kreml seit den Zeiten von Iwan III. auf allerhöchster Ebene beschlossen werden. So wurde der Senatspalast von dem Architekten Matwei Kasakow auf Geheiß von Katharina II. erbaut. Ihr Enkel, Alexander I., ließ die irdenen Straßen in der Festung bepflastern. Die Zeichnungen des Großen Kremlpalasts wurden von dem Nikolai I. höchstpersönlich genehmigt.

Auch die jetzige architektonische Veränderung durfte die etablierte Tradition nicht verletzen. Auf einem Treffen des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit dem Bürgermeister von Moskau, dem stellvertretenden Direktor der Museen des Moskauer Kreml, dem Rektor des Architektur-Instituts Moskau und dem Kreml-Verwalter wurde beschlossen, den „Neubau“ der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts – und zwar das Gebäude Nummer 14 – niederzureißen.

Was verbarg das Gebäude Nummer 14?

Das Bauwerk, das zwischen 1932 und 1934 errichtet wurde, war im Kreml fehl am Platz. In diesen 80 Jahren beherbergte es viele Institutionen. Zuallererst wurde dort die Sowjetische vereinte Militärschule untergebracht. Später zogen dorthin das Sekretariat des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR und die Kreml-Verwaltung um. Im Jahr 1958 wurde beschlossen, das Gebäude Nummer 14 in ein Theater zu verwandeln, und man baute es entsprechend um. Melpomene wollte sich aber dort nicht niederlassen, sodass der 1.200 Zuschauer umfassende Saal bis 1991 für ordentliche Tagungen des Obersten Sowjets der UdSSR benutzt wurde. Nach der Perestroika fanden im Gebäude einige Abteilungen der russischen Präsidialverwaltung Unterkunft.            

Das Gebäude Nummer 14 wurde von Anfang an nicht auf ewige Zeigen gebaut, sodass es schnell baufällig wurde. Im neuen Jahrtausend versuchte man es zu renovieren, aber alle Bemühungen waren umsonst. Also blieb nichts anderes übrig, als den Bau abzureißen, zumal er keinen historischen oder architektonischen Wert hatte. Das bestätigte auch die UNESCO, die alle Bauarbeiten im Kreml, der seit 1990 auf der Welterbe-Liste steht, rigoros überwacht.         

Bei der Demontage stießen die Bauarbeiter auf wahre archäologische Schätze: Ans Licht traten Fundamentteile zweier Kirchen, des Kleinen Nikolai-Palastes und das Refektorium des Tschudow-Klosters. Bei den darauffolgenden Ausgrabungen in den geräumigen, 500 Quadratmeter großen Kellern des Gebäudes Nummer 14 endeckten die Archäologen Reste früherer Klosterbauten aus dem 12. bis 14. Jahrhundert: Mauern aus weißen Ziegelsteinen, terrakottafarbene Reliefs und Grabplatten eines Klosterfriedhofes.         

Einige Funde sind einmalig. Dazu gehört zum Beispiel eine steinerne Gussform für Metallgewichte aus dem späten 12. bzw. frühen 13 Jahrhundert, wo ein Dutzend Buchstaben eingekratzt sind. Zwar lässt sich die Aufschrift nicht entziffern, dabei handelt es sich aber um den ältesten in Moskau entstanden Text, den man je gefunden hat.

Darüber hinaus fanden die Archäologen auf der Stelle des abgerissenen Gebäudes Nummer 14 Teile des Christi-Himmelfahrt-Klosters.  

Das Tschudow-Kloster

Eine Legende besagt, dass dieses Männerkloster im Jahr 1365 zum Gedenken an die wundersame Heilung der blinden Mutter von Dschanibek, Khan der Goldenen Horde, gegründet wurde. Mit diesem Stift sind viele bedeutende Ereignisse der russischen Geschichte verbunden: Von hier floh der Mönch Grigori Otrepjew alias Pseudodimitri I., hier ließen die polnischen Eroberer den Patriarchen Hermogenus verhungern, im Jahr 1812 befand sich hier der Stab von Napoleon. In der Gruft der St.-Alexius-Kirche wurde der Großfürst Sergej Alexandrowitsch beigesetzt, den der Terrorist Iwan Kaljajew im Jahr 1905 mit einer Bombe getötet hatte. An dem Ort des Attentats wurde ein Gedenkkreuz nach einem Entwurf von Wiktor Wasnezow aufgestellt. Dieses Kreuz war das erste Denkmal im Kreml, das nach der Oktoberrevolution zerstört wurde. Im Jahr 1929 ereilte dieses Schicksal auch das Tschudow-Kloster, den Kleinen Nikolai-Palast und das Christi-Himmelfahrt-Kloster. Die sterblichen Überreste des Großfürsten Sergej Alexandrowitsch sollten erst bei den Ausgrabungen der 1980er Jahre entdeckt und 1995 im Nowospasski-Kloster wieder der Erde übergeben werden.                     

Der Kleine Nikolai-Palast

Der Kleine Nikolai-Palast diente als Residenz der russischen Kaiser. Ursprünglich hieß er jedoch Erzpriester-Palast und gehörte dem Metropoliten Platon. Das Gebäude wurde von Matwei Kasakow auf Geheiß von Katharina II. errichtet. Für das Projekt bekam der Architekt 40.000 Rubel. Im Jahr 1818 richtete sich in diesen Gemächern der Großfürst Nikolai Pawlowitsch ein. Seitdem hieß das Gebäude der Kleine Nikolai-Palast. Dort kam der Sohn des Nikolaus I., der künftige Kaiser Alexander II., zur Welt. Dort fand das berühmte Gespräch zwischen Nikolaus I. und dem Dichter Alexander Puschkin statt, der gerade aus der Verbannung zurückgekehrt war.                      

Das Christi-Himmelfahrt-Kloster

Eine Legende schreibt die Gründung dieses Nonnenklosters der Frau von Dmitri Donskoi, der Großfürstin Jewdokija, zu. In der Christi-Himmelfahrt-Kathedrale des Klosters befand sich eine Hodegetria-Ikone der Mutter Gottes, die Jewdokija bei dem Überfall des Khans Toktamisch auf Moskau im Jahr 1382 gerettet hatte. 100 Jahre später wurde die Ikone bei einem Brand stark beschädigt, und der berühmte Meister Dionisius malte auf dem angebrannten Brett eine neue Darstellung von Maria. An großen orthodoxen Festen pflegten Zaren und Patriarchen die Ikone ehrerbietig zu küssen. Das Kloster diente außerdem als Residenz der königlichen Bräute. Auf dem dortigen Friedhof wurden adlige Moskauerinnen bestattet.              

Der Kreml-Park

Heutzutage befindet sich auf der Stelle des abgerissenen Gebäudes Nummer 14 eine 1,6 Hektar große Grünanlage. Die Fundamente der entdeckten Kirchen und Klosterbauten sind mit Hecken aus kugelförmigen Lebensbäumen markiert. In nächster Zukunft sollen die ausgegrabenen archäologischen Funde in speziellen Schaufenstern ausgestellt werden, damit alle Kremlgäste sie bewundern können. Inzwischen darf man in die Moskauer Festung auch durch das Tor im Spasski-Turm gelangen.