Geschichtsverständnis à la Kiew: Rada wird über "Völkermord Polens an Ukrainern" diskutieren

Denkmal für 36 friedliche Bürger, die 1944  im ukrainischen Gebiet Lwiw von der polnischen Armia Krajowa getötet wurden.
Denkmal für 36 friedliche Bürger, die 1944 im ukrainischen Gebiet Lwiw von der polnischen Armia Krajowa getötet wurden.
Im ukrainischen Parlament wurde ein Resolutionsentwurf eingebracht, laut dem die Handlungen Polens gegenüber Ukrainern von 1919 bis 1951 als Völkermord eingestuft werden sollen. Beobachter sehen darin eine Replik gegen Polen. Vor zwei Wochen hatte der polnische Sejm den 11. Juli zum nationalen Gedenktag des Völkermordes an Polen in Wolhynien und Ostgalizien im 2. Weltkrieg durch ukrainische Nationalisten erklärt. Auch Russland will das Wolhynien-Massaker als Genozid anerkennen.

Das Dokument hat der fraktionslose Abgeordnete, Oleg Mussij, eingereicht. Dazu schrieb er in seinem Facebook-Profil.

„Die Wahrheit muss erschöpfend sein. Die Wahrheit darf nicht einseitig sein. Die Lektionen der Geschichte müssen von allen auswendig gelernt sein. Das sind Impfungen gegen Wiederholungen“, kommentierte Mussij seinen Vorschlag.

Der Abgeordnete veröffentlichte den Resolutionsentwurf selbst und seine Begründung.

„Die Geschichte der ukrainischen Länder unter der Herrschaft der Zweiten Polnischen Republik und der Polnischen Volksrepublik ist eine Geschichte der Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Drangsalierung, Repressalien. Eine Geschichte des Völkermordes an dem ukrainischen Volk, das systemhaft und kontinuierlich von dem polnischen Staat verübt wurde. … Gefangennahme, Kolonisierung, Befriedung, Deportation und physische Vernichtung der friedlichen Ukrainer in Ostgalizien, Wolhynien und Transcurzonien sind das wahre Kernstück der antiukrainischen chauvinistischen Staatspolitik Polens zwischen 1919 und 1951“, heißt es im Text des Resolutionsentwurfs.

Dem Parlament wird außerdem der 24. März als Nationaler Tag des Gedenkens an die Ukrainer, die Opfer des von Polen verübten Genozids sind, vorgeschlagen.

Laut der Webseite der Werchowna Rada wurde die Resolution bereits vom Parlamentspräsidum zur Abstimmung freigegeben: 

Am 22. Juli hatte das polnische Parlamentsunterhaus den 11. Juli zum Nationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Völkermordes erklärt, „der von ukrainischen Nationalisten gegen Bürger der Zweiten Polnischen Republik verübt worden ist“.

Quelle:  Poeticbent

Polen vertritt die Version, dass von 1939 bis 1945 die Anhänger der Organisation Ukrainischer Nationalisten der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) Massenmorde an Polen in Wohlynien, Ostgalizien und südöstlichen Woiwodschaften der Zweiten Polnischen Republik begingen. Als Höhepunkt der Ereignisse von 1943, die als Massaker in Wolhynien bezeichnet werden, gilt der 11. Juli: An dem so genannten „Blutigen Sonntag“ griffen die Ukrainer etwa 150 polnische Dörfer an.

Polnische Historiker stufen die Massaker in Wolhynien als Völkermord und ethnische Säuberungen ein. Laut ihren Angaben wurden dabei 100.000 bis 130.000 Menschen ermordet. Ukrainische Historiker ihrerseits finden diese Ereignisse eine Folge des Krieges der polnischen Armee mit der UPA, an der die Zivilbevölkerung mitbeteiligt war.

Kurz nach dem Beschluss des polnischen Parlaments teilte die Werchowna Rada mit, dass die Einstufung der Wolhynien-Massaker als Völkermord alle konstruktiven politischen und diplomatischen Vereinbarungen zwischen der Ukraine und Polen zum Scheitern bringe, und wertete den Beschluss des polnischen Sejm als eine Provokation der Nationalisten aus. Das ukrainische Außenministerium rief die Werchowna Rada auf, auf diese Entscheidung zu reagieren.

Die russische Kommunistische Partei legte Ende Juli im Unterhaus des Parlaments die Initiative vor, die Verbrechen, die ukrainische Nationalisten gegen die polnische Bevölkerung zwischen 1942 und 1945 begangen haben, als Genozid einzustufen.

„Die Staatsduma der Föderalen Versammlung äußert ihr aufrichtiges Beileid dem polnischen Volk im Zusammenhang mit der nationalen Tragödie sowie tiefe Solidarität mit dem Sejm der Republik Polen bei der Einstufung der von ukrainischen Nationalisten begangenen Verbrechen auf dem Territorium Wolhyniens als Völkermord. Die Erklärung der Staatsduma ist dazu berufen, die Wahrheit über den Großen Vaterländischen Krieg (Zweiter Weltkrieg), seinen Helden und Opfern zu verteidigen“, wird die Initiative von der Nachrichtenagentur Ria Nowosti zitiert.  

Die Abgeordneten sind überzeugt, dass der Schutz des Gedenkens an die Ereignisse jener Zeit vor politisch motivierter Umwertung Gewähr bieten und es unmöglich machen, den Nazismus und seine Gehilfen zu rehabilitieren. Außerdem werden sich so die polnisch-russischen Beziehungen verbessern.