Teil 2: Skandalband "Leningrad": Vorreiter einer neuen Populärkultur

"Leningrad"-Frontmann Sergej Schnurow sieht sich selbst auf einer Mission zur Wahrung der russischen Kultur im Zeitalter der Globalisierung.
"Leningrad"-Frontmann Sergej Schnurow sieht sich selbst auf einer Mission zur Wahrung der russischen Kultur im Zeitalter der Globalisierung.
Auf den ersten Blick ist Leningrad eine schrille Skandalband, deren Sänger Sergej Schnurow eine Vorliebe für derbe Sprüche hat. Bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass dieses Kunstprojekt eine durchaus bedeutsame Rolle bei der Wahrung russischer Kultur in Zeiten der Globalisierung wahrnimmt.

von Wladislaw Sankin

Sergej Schnurow und seine Band

Zuletzt hat die Band im Juli 2015 für einen mittelgroßen Skandal gesorgt und erneut die Grenzen des Zumutbaren im Bereich der Sangeskunst verschoben. Leningrad gab ein kleines Gastkonzert vor der versammelten Crème der russischen Popmusik am Rande des Gesangswettbewerbs "Die neue Welle".

Zum Höhepunkt dabei gehörte der Skandal-Song "Moskau, wem schlagen deine Glocken", der im Publikum eher die Alarmglocken schrillen ließ. In Anwesenheit der Ehefrau des Premierministers Dmitrij Medwedew sang Schnurow darüber, eine ganze Stadt und ihre Persönlichkeiten niederbrennen zu lassen, von Medwedew selbst über Putin, Nawalny, Pussy Riot, die Bolotnaja-Protestierer und "Bullen" bis hin zu Kreml, sämtlichen Kirchen und dem Fernsehturm.

Die Kameras fingen die entsetzten Gesichter der Popwelt ein. Mit Fortdauer der Darbietung erkannten jedoch immer mehr der Anwesenden den Hintergrund der Schimpftirade: die Rivalität zwischen den beiden Städten Moskau und St. Petersburg, die einander im Laufe der Geschichte immer wieder als Hauptstädte abwechselten.

Selbstverständlich durfte eine Persiflage offizieller patriotischer "Moskau-Lieder" nicht fehlen. Es dauerte nicht lange, bis sich die Verspannung in den Gesichtern des hauptsächlich aus Moskau stammenden Publikums löste. Am Ende erlagen auch sie dem derben Charme und der Energie der Band und tanzten auf den Gängen. Auch die Legende der Pop-Szene, die "Primadonna" Alla Pugatscheva, fand die Lieder und das Schimpfen okay, es sei immerhin russische Volkssprache.

Retter russischer Kultur. Was?!

Noch einen weiteren Freibrief für derbe Sprüche brauchte Schnur natürlich nicht. Kritiker haben seit langem erkannt, dass seine "schimpfende" Kunst eine Erscheinung sui generis ist. Schnurow hatte schließlich selbst genug Zeit, über seine eigene Rolle in der modernen russischen Kultur nachzudenken. In dem bereits zitierten Interview ging er auch ganz beiläufig auf diese Rolle ein:

Beschreiben Sie unsere Zeit. Die Zeit des Facebook.

Jetzt ist die Zeit des Untergangs der russischen Kultur. Wir leben im Moment ihrer Zerstörung. Wäre es nur die Stagnation, verfaulte sie. Sie verfault aber nicht, sie geht, sie verschwindet buchstäblich.

Welche Rolle sehen Sie dann für sich in der untergehenden russischen Kultur? Sind Sie der Totengräber oder umgekehrt?

Ich versuche das festzuhalten, was in dem Volk, das als die Russen benannt wird, noch gemeinsam geblieben ist. Also all das zusammenzufassen, was die Professoren an den Akademien und der versoffene Tischler gleichermaßen singen könnten.

Wenn wir das auf eine Überschrift reduzieren, dann heißt es, das letzte Gemeinsame in der russischen Kultur sei nur das Wort "Huj". Ist das so?

In trockener Substanz, ja. Ich meine Kultur im breiten Sinne, inklusive der Alltagskultur.

Diesmal war das kein "Stjob", keine Ironie. Der Musiker, Filmkomponist, Maler, Schauspieler und regelmäßige Leser, der die Qualität moderner Literatur danach misst, ob "geile Tussies" zur Buchvorstellung kommen, meinte das todernst. 

Das Verhältnis zwischen der elitären Hochkultur und der "niederen Kultur" verschiebt sich ständig. Was heutzutage als Hochkultur geachtet wird, war oft zu Zeiten ihrer Entstehung die Massenkultur, ob es altgriechischen Vasen mit Szenen aus dem Alltag oder die Dramen Shakespeares sind. 

Virtueller Karneval 

Versucht man, das Phänomen der nunmehr bereits über 17 Jahre hinweg ungebrochenen Massenpopularität der "Gruppe Leningrad" zu erklären und ihre Rolle innerhalb der modernen russischen Kultur in den Begriffen der aktuellsten Kultur- und Medientheorie zu erfassen, erweisen sich die "postmodernistische" Kulturtechnik des "Googelns" und die "dekonstruktivistischen" Methoden der Pop-Philosophie als überaus hilfreich.

In diesem Sinne erweist sich schließlich auch dieser Artikel als Teil ebendieser Pop-Kultur. Diese ermöglicht es auch, in nur zwei bis drei Sätzen die gesamten philosophischen Ansätze, die dem Phänomen zugrunde liegen, mit Eigeninterpretation aufgeputzt auf den Punkt zu bringen.

Demnach ist Sergej Schnurow ein Showmaster, in Russland noch dazu der erfolgreichste, der unter den Verhältnissen der Kommunikationskultur des Internets mit seinen Aktivitäten dazu beiträgt, dass der mittelalterliche Karneval, der speziell in Russland auch als Lachkultur bezeichnet wird, von einem zweiwöchigen Ereignis zu einem fortdauernden interaktiven Vorgang wird.

Leningrad frontman Sergei Shnurov, center, at the First Russian National Music Awards at Crocus City Hall in Moscow. 12/10/2015
Leningrad frontman Sergei Shnurov, center, at the First Russian National Music Awards at Crocus City Hall in Moscow. 12/10/2015

Die Unterhaltung im Internet ist ein virtueller Karnevalszug, mit all seinen Attributen. Die Gesprächspartner werden durch Masken ersetzt, die es erlauben, alles Mögliche sagen zu dürfen, einschließlich Beleidigungen. Das ist das Zarentum der Narren, Possenreißer und Clowns, die lange Kappen anziehen. Aber Karneval ging immer nach zwei bis drei Wochen vorüber und Menschen, die sich ihre Adrenalin-Portion geholt hatten, kehrten bis zum nächsten Karneval in ihr normales Leben zurück.

Das Internet verlängert diesen nun in einen virtuellen Karneval und überführt ihn in das reale Leben, dessen Sinn leicht in Form der bekannten drei Buchstaben [gemeint ist "Huj", das für "Schwanz" steht und als russische Urform des Graffitis die Zäune und Wände "schmückt" - RT] auf den endlos langen Zaun passt... Die moderne Kultur trägt damit alle Merkmale der "niederen Kultur", im deren Zentrum der Alltag steht. Alltag, der zum größten moralischen Wert geworden ist.

So beschreibt der Moskauer Philosoph Wladimir Mironow in seinem in der digitalen Zeitschift Mediascope erschienenen Artikel "Die Transformation der Kultur im Raum globaler Kommunikation" die Verwandlungen moderner Kultur.

In der ohnehin stark sprachfixierten russischen Kultur nimmt obszöne interaktive Internet-Folklore seit den ersten Tagen des RuNets einen festen Bestandteil ein. In diesen Kontext platzierte auch Sergej Schnurow seine Kunst. Wohl wissend, welche Rolle künftig das Internet in deren Verbreitung spielen wird, schrieb er 2001 das Lied "WWW", das bis jetzt die Visitenkarte der Band bleibt:

Ich weiß nicht mehr, wann ich umgezogen bin – ich denke, ich war besoffen. Meine Adresse ist kein Haus und Straße, sie lautet heute so: www leningrad spb Punkt ru.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Schnur mit seiner Band zum Helden der sozialen Netzwerke und Youtubes werden sollte, jener Plattformen, die das zeitgenössische Clip-Bewusstsein im postmodernen und dekonstruktivistischen Zeitalter am besten realisieren. Die Mitarbeit tausender Nutzer an der ständigen Interpretation von Alltagsgeschichten und die dadurch ermöglichte gemeinsame Schaffung eines chaotischen, end- und autorenlosen Textes sind die Beweise dafür. 

Alltagskultur vs. Globalisierung 

Wie groß die Gefahr ist, dass die nationalen Kulturen in der modernen Welt vom Aussterben bedroht sind, beschreibt darüber hinaus Wladimir Mironow: 

Sieht man die zumeist als komfortabel empfundenen Integrationsprozesse als die eine Seite der Globalisierung, sind die Desintegrationsprozesse, und zwar die der "nationalen Desintegration", deren Kehrseite. Sie wirken zerstörerisch auf die Besonderheiten der Einzelkulturen - kulturelle, politische, ökonomische und sogar persönliche, die mit dem Verlust der Identität des Individuums drohen. Diese werden dann oft unterdruckt und aufgelöst in der Superkultur amerikanischen Typus' [...].

Diese Kulturen werden durch "Medien-Viren" attackiert, vor allem an den Stellen, wo die Immunität des Systems schwach ist. Eine der Methoden dieser Transformation ist das bewusste Einpflanzen kultureller Stereotype, die dann imstande sind, die Prozesse der Transformation der gesamten Kultur als Systems von innen heraus zu fördern. [...] Die Aggressivität dieser Prozesse stellt die Gefahr für die Lebenswelt der Menschheit dar.

In dieser Situation, in der Globalisierung und Mediatisierung lokale geschichtliche Kultursysteme sprengen, zu denen auch das russische gehört, werden Akteure wie Schnur umso nötiger, die die Alltagskultur, die eigentliche Kultur, so wie sie eben ist, aufsammeln, katalogisieren und verbalisieren mit allen dazugehörigen sprachlichen Attributen. Es ist kein Zufall, dass Schnur in den ausgehenden 1990er Jahren in Erscheinung trat, in der Zeit als die Gesellschaft langsam begann, nach dem Schock des kulturellen Totalausfalls, der die Jelzin-Jahre begleitete, zurück ins Bewusstsein zu treten. 

Seither ist Schnurow einfach da, lässt sich nicht eindeutig in Kategorien wie Rock oder Pop einordnen, und gibt sich dabei als musikalischer Trendsetter und nicht nachahmbare Stilikone. Küchengespräche, Alkohol- und Drogenkonsum, Kater, Sex, Gier, Begierde, Angeberei, Enttäuschung in der Karriere, Blödsinn, Eitelkeit und trotzdem auch allumfassende Lebenslust kommen in expressiver Lyrik und hinreißender Tanzmusik mit russischen und nichtrussischen Elementen zur Sprache.

Der Kulturmarkt in Russland ist jedoch bis jetzt mit fremden und eigenen "Medien-Viren" überschwemmt. Im Jahr 2015 schaffte es kein einziger russischer Film in die Liste der Top-10 des Filmverleihs, die Kassenschlager sind fast ausschließlich amerikanische Produktionen. In einem Land, das sich auf die Traditionen des weltweit geachteten sowjetischen Kinos besinnen möchte, ist dies eklatant. 

Vor diesem Hintergrund ist die Popularität der Gruppe "Leningrad" als Musikband und ihres Frontmanns als eines Lebenskünstlers die Notbremse, die die russische Kultur zum Zweck des Selbsterhalts gezogen hat. Diese Popularität ist um die Säule dieser Kultur herum aufgebaut, die russische Sprache mit all ihrer Arten und "Unarten". Man kann davon ausgehen, dass "Hi" in den nächsten Jahren als Begrüßung unter Russen keinen Einzug (mehr) finden wird. 

Ukrainische Liebe

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass "Leningrad" ihre Zuhörerschaft überall dort hat, wo man Russisch versteht, und die Landesgrenzen dabei keine Rolle spielen. In den Jahren, als der Band Auftritte in Moskau verwehrt waren, tourte sie besonders oft durchs Ausland. Auch in der Ukraine ist "Leningrad" extrem populär. Eines der verrücktesten Konzerte, die bei Youtube abrufbar sind, ist der Auftritt der Band in 2013 in Dnepropetrowsk, einer ostukrainischen Großstadt. 

Die Popularität russischer Pop-Musik in der Ukraine ist den Ukrainisierern und Nationalisten seit der Erlangung der staatlichen Unabhängigkeit ein Dorn im Auge. Die Welle, die das Video "Labyteny" auch in der Ukraine geschlagen hat, blieb nicht unbemerkt. Schnurows Kollege Oleg Skripka, der Frontmann einer der ältesten Bands im Land, der noch zu Sowjetzeiten gegründeten Gruppe „Wopli Widoplyasowa“, beschwerte sich medienwirksam über das mangelnde nationale Bewusstsein seiner Landsleute, die dem russischen "kulturellen Kolonialismus" erlägen.

Das führte zu einem verbalen Schlagabtausch zwischen den alten Bekannten. "Labyten" sei ein französisches Wort, lautete die Antwort von Schnurows Sprecher. Skripka, der mit seiner ukrainischsprachigen Ethno-Punkband auch in Russland sehr populär war, schlug sich auf dem Maidan auf die Seite der Nationalisten und kämpft seitdem als Kulturfunktionär gegen den Einfluss der russischen Kultur in der Ukraine. 

Die Antwort der Ukrainer auf den russischen "Kulturexport" war amüsant. Ob die Interpretation der Melodie des "Labyteny" durch die Blaskapelle der Nationalgarde(!), der folkloristisch angehauchte Tanz älterer Frauen oder die Vorlage zu einem Jazenjuk-kritischen Lied in der populärsten Comedy-Show des Landes (russischsprachigen, versteht sich): Alle wurden auch im Internet zum Schlager. 

Manche ukrainische Fans der Gruppierung sähen Schnurow gerne die ukrainische Fahne schwenken. Bekannt ist ein Fall aus dem Jahre 2012, als ihm Fans während eines Konzerts in Budapest die gelb-blaue Flagge heranreichten. Diese zeigte er kurz dem Publikum und gab sie mit den Worten "Ich bin aus einem anderen Land" wieder zurück. Dem Medienprofi war bewusst, welche Bedeutung solche symbolischen Gesten in der hypersensibilisierten Öffentlichkeit  haben und er ließ sich nicht auf diese Weise instrumentalisieren.

In der Ukraine-Frage bleibt er unparteiisch und meidet zurzeit Konzerte in dem Land, um keinen Stoff für dann unvermeidbare Spekulationen zu liefern. Zu dem Konflikt sagt er lediglich, dieser "wird vorübergehen, er ist nicht für ewig". Es ist zu hoffen, dass diese Prognose eines Mannes, der dabei ist, die russische Kultur im gesamten postsowjetischen Raum zu retten, zutreffen wird.

Petersburger Maskottchen 

Dass Sergej Schnurow sich dieser Rolle immer stärker bewusst wird, zeigt auch sein jüngstes Video zum Hit aus dem Vorjahr, "In Piter – trinken", das am 20. April online ging und sofort zum Hit wurde. Piter steht umgangssprachlich für Sankt Petersburg. Erwartungsgemäß löste es heftige Diskussionen aus. Diesmal traten Schurows Kollegen aus dem traditionsreichen Petersburger Rock-Club und Vertreter der orthodoxen Kirche mit scharfer Kritik auf. Die Vertreter der Petersburger Touristik hingegen lobten das Video. 

In dem kleinen Film zum Song spielt der Sänger einen tyrannischen Chef, dessen Wutausbruch eine ganze Reihe von Ereignissen auslöst, die sich auf Petersburger Straßen abspielen und den Plot ausmachen. Nach dem Erfolg des Videos erkennen immer mehr Kritiker bei Schnurow den großen literarischen Kontext, der bis zu den Klassikern des 19. Jahrhunderts zurückreicht.

Damit erfüllte sich auch ein bedeutsames Ziel der Zusammenarbeit der Band mit der Regisseurin Anna Parmas, in deren Rahmen auch bereits der Clip für Labyteny produziert worden war: eine Enzyklopädie der russischen Gegenwart zu schaffen – in Worten, Bildern und Tönen; so etwas wie "Die Toten Seelen" in einer neuen Zeit und Form. 

Am 17. Juni trat die Band vor den Gästen des Sankt Petersburger Wirtschaftsforums auf. Einschränkungen seitens des Organisationskomitees bezüglich des Repertoires, so der Sprecher, gab es nicht. 

Das nächste Konzert von Leningrad in Deutschland findet am 18. September 2016 in der Mitsubishi Electric Halle in Düsseldorf statt.

Teil 1: Skandalband "Leningrad" und Sergej Schnurow: Wie Punk die russische Kultur rettet