„Unsere Mütter, unsere Väter“: Deutsche Kriegsfolklore in Polen vor Gericht

„Unsere Mütter, unsere Väter“: Deutsche Kriegsfolklore in Polen vor Gericht
Der ZDF-Hit „Unsere Mütter, unsere Väter“ steht in Polen vor Gericht. Ihm wird die Verklärung historischer Tatsachen vorgeworfen und die Polen fühlen sich in ihrer Würde verletzt. Im Mittelpunkt steht die Darstellung des Antisemitismus in Polen: Hat das ZDF die Schuld der Deutschen ausgelagert?

von Olga Banach

Der populäre TV-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“, auf Englisch „Generation War“, steht im polnischen Krakau vor Gericht. Hauptkläger ist ein polnischer Kriegsveteran. Er wird von dem Weltverband der polnischen Heilsarmee unterstützt. Als Kriegsveteran fühle er sich durch die Darstellungen der Polen in der Serie in seiner Persönlichkeit verletzt und diese wäre ein Angriff auf die nationale Würde Polens. Sie erwecke den Anschein, dass die polnische Armee am Holocaust und der Vernichtung der Juden beteiligt gewesen sei.

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Seine Forderung: eine öffentliche Entschuldigung im polnischen Fernsehen und 5700 Euro. 

In dem Dreiteiler geht es um die Geschichte von fünf Freunden während des zweiten Weltkriegs. Der Film beginnt 1941 in Berlin. Deutschland steht kurz vor dem Überfall auf die Sowjetunion. Charlotte, Wilhelm, Greta und Viktor sind da um die 20 Jahre alt und müssen sich verabschieden.

Viktor ist Jude und führt mit Greta, die Sängerin werden will, eine heimliche Beziehung. Greta, gespielt von Katharina Schüttler, ist unpolitisch, sie will nur leben, verrät aber im Laufe der Geschichte ihre Ideale. Charlotte, das gute deutsche Mädchen, wird Krankenschwester an der Front, entdeckt eine Jüdin unter den Krankenschwestern und gerät in einen moralischen Zwiespalt, wie auch Friedhelm, dargestellt von Sympathieträger Tom Schilling, bekannt aus „Oh Boy“, als junger Soldat. Wilhem, der ältere Bruder von Friedhelm hingegen, ist der Vorzeigesoldat und Oberleutnant. Er geht in dem System auf, bis auch er Zweifel bekommt und an seinen Entscheidungen zu Grunde geht.

Die Themen der Serie: Freundschaft, Liebe, Verrat, Verantwortung und Schuld. Die hier dargestellten Lebensgeschichten sind rein fiktiv, die Hauptcharaktere, dargestellt von bekannten deutschen Schauspielern, wirken sympathisch und lebensnah. Die Freunde stammen allesamt aus dem Bildungsbürgertum Berlins und wirken gegenüber der simplen polnischen Bevölkerung und Heimatarmee in der Serie noch elitärer.

Es ist besonders der dritte Teil der Serie, der Anstoß findet. Viktor, auf der Flucht vor den Nazis, sucht Schutz bei den polnischen Widerstandskämpfern. Dort aber begegnet ihm nichts als rohe Gewalt und Antisemitismus. Für den Zuschauer ist nicht ersichtlich, ob es sich bei den Partisanen um polnische Soldaten oder Menschen aus der Zivilbevölkerung handelt. Die Aktionen der Partisanen gegen die SS wirken sinnlos und verleiten die SS-Leute zu noch mehr Gewalt. 

Die Produzenten wollten mit der Serie grosses Serienkino erschaffen und nahmen sich amerikanische Serien zum Vorbild, wie etwa Steven Spielbergs „Band of Brothers“. 

Die Serie war das TV-Highlight von 2013 und wurde in 60 Länder exportiert. Die Produktion kostete rund 14 Millionen Euro, zehn davon stemmte das ZDF. Die staatlichen Filmförderungen aus NRW, Bayern, Berlin-Brandenburg, Hamburg und Schleswig-Holstein gaben finanzielle Unterstützung für die Produktion.

Der erste Teil der Serie hatte den Untertitel „Eine andere Zeit“ und erzielte einen zwanzigprozentigen Marktanteil. Die Einschaltquoten des zweiten Teils mit dem Untertitel „Ein anderer Krieg“ schaffte 19,5 Prozent und der letzte Teil „Ein anderes Land“ sogar 24,3 Prozent. Demnach sahen jeden Teil über sieben Millionen Deutsche - ein deutscher Blockbuster.

Ein Vorwort der ZDF-Redaktion zum Film heißt es:

„Über 67 Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen, fast ein Menschenleben. Nicht mehr lange bietet sich die Chance, dass die Kriegsteilnehmer mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln in einen Dialog treten können. Der Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter soll Anlass sein, zu fragen und zu hinterfragen, den Dialog zu intensivieren.“

Weiterhin heißt es, die Serie „versucht das bewegende Porträt einer schuldhaft verstrickten Generation – eine epische Geschichte über Freundschaft und Erwachsenwerden in der dunkelsten Epoche unseres Landes“ darzustellen. Die Entwicklung des Drehbuchs dauerte sechs Jahre und es wurden drei Historiker damit beauftragt, Daten und Fakten zu überwachen.

Der ZDF-Anwalt Piotr Niezgodka äußerte sein Bedauern über die Anklage und gab bekannt, dass es nie Ziel der Produktion gewesen sei, die Geschichte zu verklären. Das ZDF bemühte sich zuvor erfolglos um eine Verfahrenseinstellung. Doch da die Serie auch im polnischen Fernsehen übertragen wurde, gaben die Richter diesem Gesuch nicht statt.

Produziert wurde der Kriegsmehrteiler von der Firma TeamWorkx, welche der Ufa angehört. TeamWorkx ist bekannt durch historisch erfolgreiche Stoffe, wie: „Der Tunnel“, oder „Die Flucht“. Auch der Anwalt der Ufa bemühte sich um Klarstellung. Die Serie sollte keinesfalls die deutsche Schuld beschönigen.

Der 90-jährige Zbigniew Radlowski ist aber nicht allein mit seiner Meinung. Selbst liberale Sender in Polen empfanden die Darstellung der Polen in der Serie als rein antisemitisch. Nach Veröffentlichung der Serie äußerte sich auch der ehemalige polnische Botschafter Berlins, Jerzy Margański.

Seiner Meinung nach gefährde die Serie den deutsch-polnischen Dialog. Er leugne nicht die Tatsache, dass es Antisemiten in der polnischen Bevölkerung gegeben habe, wie auch in der Armee. Allerdings hinterließe die Serie den Eindruck, dass die polnische Armee Täter gewesen sei und nichts darüber hinaus.

Bereits nach der Erstausstrahlung wurden die Stimmen der Kritiker laut und das ZDF schob einen Dokumentarmehrteiler mit dem Thema der Besetzung der deutschen Polens nach. Nico Hoffmann, Produzent der Serie, bedauerte den Fehler, keine polnischen Historiker in die Stoffentwicklung hinzugezogen zu haben.

Der Produzent Nico Hoffmann würde die Szenen, den Charakter Viktor betreffend, heute anders darstellen. Um sein Überleben in einem von Nazis besetzten Polen darzustellen, erschien es damals dramaturgisch am sinnvollsten, ihn in die Hände von antisemitischen polnischen Soldaten laufen zu lassen.

An dem so wichtigen historischen Schauplatz Krakau muss nun entschieden werden, wo die künstlerische Freiheit endet, wenn es um historische Filme geht. Der ehemalige israelische Botschafter Weiss in Polen bezeichnet diese als Opium für das Volk. Sie würden als Wahrheit angesehen und das Geschichtsbewusstsein verzerren. In einem Interview sagte er:

„Polen ist sehr bequem für eine Schuldauslagerung. Wieso? Hier haben die meisten Juden gelebt.“

Vor dem Krieg war jeder vierte Einwohner Krakaus Jude. Heute verkauft Krakau jüdische Folklore, ohne Juden. Denn die jüdische Gemeinde hat nur rund 176 Mitglieder, von denen ein Großteil sehr alt ist.

Die Mini-Serie sollte generationsübergreifend sein. Das Konzept geht auf. Die Serie hinterlässt bei Oma, Opa und den Enkeln ein Feel-Good-Ende. Traumatisierende, realistische Bilder bleiben dem Betrachter erspart und am Ende wird es dem Zuschauer leicht gemacht, zu sagen:

„Wir waren auch nur Opfer.“

270 Minuten Unterhaltung für einen entspannten Fernsehabend Made in Germany.