WADA-Dopingbericht zu Sotschi: Keiner hat ihn gelesen, aber USA verurteilen bereits Russland

WADA-Dopingbericht zu Sotschi: Keiner hat ihn gelesen, aber USA verurteilen bereits Russland
In Toronto findet am Montag eine Pressekonferenz statt, auf der Richard McLaren, Sportanwalt und Leiter der unabhängigen Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) die Ermittlungsergebnisse zu den Vorwürfen um manipulierte Dopingproben bei russischen Sportlern in Sotschi 2014 präsentieren soll. Doch schon davor versucht man, den Ermittlungsbericht für den Druck auf das IOC zu instrumentalisieren.

Der Untersuchungsbericht von McLaren wird in Olympia-Kreisen bereits „blutig“ genannt, weil dieser angeblich erdrückende Beweise des staatlich unterstützten system- und massenhaften Dopings bei russischen Sportlern beinhalte.

Noch vor der Veröffentlichung des WADA-Dokuments sollen sich Vertreter von Antidoping-Agenturen aus wenigstens zehn Ländern und 20 Sportlergruppen darauf vorbereiten, die Ausschließung der gesamten russischen Delegation, einschließlich der Paralympischen Mannschaft, von den Sommerspielen in Rio zu fordern, wie die New York Times am vergangenen Samstag berichtete. Die Idee, das Team Russlands wegen der Beschuldigung der Teilnahme an einem staatlichen Dopingprogramm von Olympia zu suspendieren, gehe vor allem von den USA, Kanada, Deutschland, Spanien, Japan und der Schweiz aus. So wollten die Antidoping-Behörden und Sportler der genannten Länder in Briefen den Vollzugsausschuss des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) darum bitten, Russland von den Sommerspielen in Rio de Janeiro zu suspendieren.

Der Präsident des russischen Nationalen olympischen Kommittees, Alexander Zhukow, sprach sogar davon, dass „das alles ein Teil einer gut geplanten und voreingenommenen Kampagne ist, die darauf ausgerichtet ist, die russischen Sportler von den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro zu entfernen“. Und zwar unabhängig davon, ob es überhaupt notwendige Beweise gibt, um eine solche beispiellose Entscheidung zu treffen. Seltsam sei an der Situation, dass Russland dabei kein Sagen hat.

„Angesichts dessen, dass Russlands Vertreter aus allen WADA-Struktureinheiten ausgeschlossen worden sind und folgerichtig der [heutigen] Sitzung des WADA-Exekutivkomitees, wo der Bericht McLarens vorgetragen werden soll, nicht beiwohnen werden, wird die russische Seite ihre Argumente nicht vorbringen können. Dabei sind wir davon überzeugt, dass Russland unter diesen Umständen die Möglichkeit haben muss, seine Meinung auszudrücken. Wir bitten Sie, unsere Position in dieser Frage zu beachten. Wir rufen Sie außerdem dazu auf, im Laufe der unabhängigen Untersuchung alle Prozeduren strikt zu befolgen“, steht in Schukows Schreiben an den IOC-Präsidenten, Thomas Bach.

Während Russlands Besorgnis wegen des Rummels um den Untersuchungsbericht natürlich ist, ertönen immer mehr Stimmen in der Weltsportgemeinschaft, die die Spekulationen um den Prozess ebenfalls verurteilen. 

Der Präsident der Europäischen Olympischen Komitees (EOC), Patrick Hickey, erklärte, dass das Verhalten der USADA „den Normen eines gerechten juristischen Prozesses“ zuwiderlaufe.  

„Eine solche Einmischung vor der Veröffentlichung des Berichtes von McLaren läuft den weltweit anerkannten Normen eines gerechten juristischen Prozesses absolut zuwider und kann das Vertrauen in einen solch wichtigen Bericht gänzlich untergraben“, zitiert Inside the Games die Worte Hickeys. „Ich verstehe und teile zwar völlig die Besorgtheit der internationalen Gemeinschaft im Zusammenhang mit den jüngsten Doping-Skandalen. Dennoch dürfen wir es nicht zulassen, dass irgendwelche Personen oder eine Gruppe von Personen die Integrität und die Rechtsbasis des Prozesses schädigt.“

Auch der internationale Wassersportverband FINA zweifelt an der Objektivität der Ermittlung.

„Die Verletzungen der Vertraulichkeit und Unabhängigkeit des Berichts diskreditieren ihn. Das ist eine sehr ernste Frage für uns alle“, so die FINA-Erklärung.

Die Initiative der US-amerikanischen Antidopin-Agentur (USADA), Russland im Voraus zu verurteilen, kritisierte der Präsident der Vereinten Welt des Ringens (United World Wrestling, UWW), Nenad Lalović.

 „Leider ist die ganze Situation um den Bericht von den Ereignissen überschattet, die vor seiner Veröffentlichung passiert sind. Es steht fest, dass sich der Bericht auf die Situation in Russland konzentriert. Man kann aber nicht alles so ohne Weiteres verallgemeinern. Da vieles vor der Veröffentlichung bekannt geworden ist, wird niemand mehr den Bericht ernst nehmen“, zitiert Reuters Lalović.

Die Grundfrage zur Darstellung des WADA-Untersuchungsberichts und den Handlungen von konkreten Antidoping-Behörden fasste wiederum der russische NOK-Chef, Alexander Zhukow, im erwähnten Brief an Thomas Bach zusammen:

„Wieso können diese Organisationen (die USADA und die kanadische CCES) über den Inhalt des Berichts im Voraus informiert sein, noch bevor er offiziell vorgestellt wurde? Die Situation ruft beim Russischen Olympische Komitee sehr ernsthafte Besorgnisse hervor, da jetzt die Integrität und Unabhängigkeit dieses Berichtes in Frage gestellt wird".

Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) muss seinen Beschluss über den Antritt der russischen Nationalmannschaft an den Olympischen Spielen 2016 bis zum 21. Juli bekanntgeben. Die Sommerspiele in Rio beginnen am 5. August.