Teil 1: Skandalband "Leningrad" und Sergej Schnurow: Wie Punk die russische Kultur rettet

Sergej Schnurow und seine Band "Leningrad" begeistern "Patrioten" und "Oppositionelle" gleichermaßen.
Sergej Schnurow und seine Band "Leningrad" begeistern "Patrioten" und "Oppositionelle" gleichermaßen.
Seit 20 Jahren polarisiert eine legendäre Skacore-Band die russische Gesellschaft. Ohne ihr Randalierer-Image aufzugeben, werden "Leningrad" immer mehr zu Kulturbotschaftern. Das 16-köpfige Kollektiv kreierte Sergej Schnurow, der zurzeit auf dem Höhepunkt seiner Karriere steht. Er genießt Narrenfreiheit, ohne dabei zum Hofnarren zu werden.

von Wladislaw Sankin

Der Klickzähler des Musikvideos Labyteny der Band Leningrad schien bereits vom ersten Tag an durchzudrehen. Kurz nach dem 13. Januar wurde der Titel zum Selbstläufer. Die Rekordzahl an Zugriffen bei Youtube bescherten der Band neue Auftritte im Radio und Fernsehen, was wiederum neue Zuschauer zum Anklicken bewegte.

Das Video zu dem Song, der vor allem durch unflätigen Sprachgebrauch auffiel, erreichte innerhalb von nur einer Woche die bemerkenswerte Anzahl von 12 Millionen Klicks. Eine im Stile eines Kurzfilms inszenierte, ironische Geschichte über ein Mädchen, das sich einen Mann angelt und sich diesem gegenüber als modebewusste Künstlerin ausgibt, beflügelte die Kreativität der Internetgemeinde. Es entstanden hunderte humoristische Aufarbeitungen und Parodien, die diese Geschichte auf ihre Weise interpretierten. Inzwischen haben 80 Millionen Nutzer den Clip angesehen.

Der Film ist das Resultat eines neuen gemeinsamen Projekts der Band mit der Regisseurin Anna Parmas. Durch das Video, das mit einer passend gewählten Frauenstimme unterlegt wurde, erreichte die Band eine neue Popularitätsstufe. Auf diese Weise drang sie in das Bewusstsein einer neuen künftigen Fangemeinde: jener Menschen, die erst nach dem ersten öffentlichen Auftritt der Band im Januar 1997 geboren wurden. 

Der Gründer der Band war der damals 23-jährige Sergej Schnurow, der als Bass-Gitarrist, Songschreiber und seit Mitte 1998 auch als Frontmann fungierte. Die Band, die zur Hälfte aus Bläsern bestand, spielte zunächst eine Garagenvariante des Ganovenchansons, eines ur-russischen Genres, das auf romantisierende Weise die Nöte der Kleinkriminellen besingt. Seit dem Wechsel Schnurows in den Gesang begann die Band, ihren Stil zu verändern. Die ironische Selbstbezeichnung der "brutalen postmodernen Mischung aus Ska, kubanischer Salsa, Dixieland und Chanson" lautete fortan kurz und knapp "versoffenes Dixieland".

Der Frontmann der Band Leningrad, Sergej Schnurow, auf dem Naschestwije-2016 Festival.
Der Frontmann der Band Leningrad, Sergej Schnurow, auf dem Naschestwije-2016 Festival.

Extrem expressive Lyrik

Schnell erlangte "die Gruppierung" Kultstatus. Der landesweite Durchbruch gelang jedoch erst 2001, nachdem die Radio- und Fernsehsender nach anfänglichem Zögern begonnen hatten, ihre Lieder zu spielen. Der Stein des Anstoßes in der Medienkarriere der Band war bereits damals und ist bis jetzt die notorische Nutzung so genannter „nicht normativer“ Wörter. Im Kern handelt es sich dabei um vier Schimpfwörter obszönen Inhalts und deren unzähligen, nicht übersetzungsfähigen Ableitungen.

Diese rhetorische Grenzüberschreitung wirkte im Rahmen der Darbietungen der Band absolut authentisch. Denn der "russkij mat", das Biotop des rhetorischen Unflats innerhalb der russischen Sprache, ist seit jeher ein vertrautes Instrument für jedermann gewesen, um das beschädigte Verhältnis zur trostlosen Wirklichkeit wiederherzustellen.

Der machohafte Trinker und Versager, der nach den Worten des Radioproduzenten Michail Kosyrew "selten in den Spiegel schaut, aber wenn immer er das tut, dann mit Vergnügen", ist er "lyrische Held" in den Stücken. Eigentlich ein unsympathischer Typ, erlangt dieser durch Fluchen und Schimpfen wieder Selbstvertrauen und die Geschichte, die jedem Song zugrunde liegt, endet, egal, wie sie ausgeht, im Happy End. "Gut ist dort, wo wir sind", fasst der Sänger das durch die Band erzeugende Lebensgefühl zusammen. 

Diese Art der katalytischen Umkehrung illustriert eine weitere beliebte russische Art des Kommunizierens - den "Stjob", die spöttische Ironie, mit der alle Lieder der Band durchsetzt sind. Dieses Konzept fand seine überzeugende Umsetzung insbesondere in der Person des Sängers, dem charismatischen und großsprecherischen Sergej Schnurow. "Schnur" stieg im russischsprachigen Raum schnell zu einer bedeutenden Medienpersönlichkeit auf.

Seine Rolle als Schauspieler, Fernsehreisender, Zitatenspender sowie als Frauenheld, Überzeugungstrinker und gelegentlicher Nacktsänger machte ihn zum geschätzten Gegenstand der Klatschpresse. Schnurows unberechenbare und scharfsinnige verbale Auslassungen, die nichtsdestoweniger eine gebildete Person offenbarten, machten ihn zum begehrten Interviewpartner oder Filmthema. Auch ein deutsches Team drehte eine Hommage an den Sänger. 

Die obszöne Literatur hat in Russland eine lange Tradition. Selbst der Schöpfer moderner russischer Literatursprache, Alexander Puschkin, hat viele obszöne Werke geschrieben. Doch diese wurden niemals zusammen mit seinen Hauptwerken verlegt. Innerhalb der russischen Kultur fristete diese Literatur stets ein Schattendasein - bis Sergej Schnurow die Bühne betrat. So erklärt dieser in einem Interview vom 2. Oktober 2013 mit der oppositionellen Journalistin Ksenia Sobtschak über seine Nutzung öffentlich verpönter Schimpfwörter: 

Die traditionelle Frage, die über Ihr Russisch gestellt wird, bezieht sich stets auf den Vorwurf, Sie würden angeblich die Sprache verderben. Sehen Sie das auch so?

Schnurow: Ich schimpfe in grammatikalisch korrekter Art und Weise. Deklination, Konjugation sind am richtigen Platz. Schlimmer wäre, man würde ungebildet sprechen. Schlimmer ist Gedankenlosigkeit. Und überhaupt: Was unterscheidet einen russischen Menschen von einem nicht russischen? Die Russen sind durch eine gewisse kombinatorische Denkweise gekennzeichnet. Mat ist eine absolut kombinatorische Sprache. Ein Wort drückt alles aus, es ist ungefähr wie "Logos" im Altgriechischen, das in gleicher Weise mit Bedeutungen gefüllt ist. "Huj" [obszöne Variante für Schwanz – RT] ist hier mehr als "Huj".

Eine Band für das Volk

Schnurow verfolgt das Konzept einer volksnahen Band und betont, dass die Band deshalb auch keine spezifische Zielgruppe hat. Dem Vorwurf, Schnurows Musik sei an die "Manager mittleren Ranges" gerichtet, kontert er wie folgt:

"Wenn ich den Ticketpreis für das Konzert auf 500 Rubel heruntersetze, dann kommen alle. 'Leningrad' hat kein Zielpublikum. Der Konzertbesuch ist ein spontaner Akt."

Trotz der Bestrebungen der russischen Regierung, obszöne Sprache aus den Medien zu verbannen, ist Schnurow über die politischen und weltanschaulichen Grenzen hinweg geschätzt. Der bekannte Musikkritiker Artemij Troizkij hat dafür auch eine Erklärung:

"Die Unversenkbarkeit Schnurows hat im Grunde damit zu tun, dass er ein gütiges Lächeln und breite Sympathie in allen Segmenten der russischen Bevölkerung hervorruft: von den Anhänger der 'Weiße-Schleifen-Bewegung' und Ultraliberalen bis hin zu Aktivisten der Partei 'Einiges Russland' und den Militärs. Seine Lieder sind immer klug ausbalanciert: Sie gelten 'unseren' und 'euren'. Er ist ein wahrer 'Volkskünstler' [seit den Zeiten der UdSSR übliche Auszeichnung für Kunstschaffende - RT]."

Kein Hoffnarr. Kein Protestnarr auch 

Damit erkämpfte sich der Sänger eine einmalige Narrenfreiheit im Land. Er durfte über die Jahre hinweg genüsslich die Grenzen des öffentlichen Geschmacks und der politischen Korrektheit verschieben. Skandale, die er dann und wann auf Grund seiner Eskapaden hervorrief, wurden stets seinem Konto gutgeschrieben. So verschaffte das in den Jahren 2002 und 2003 persönlich vom Oberbürgermeister über ihn verhängte Auftrittsverbot in Moskau Schnurow und seiner Truppe ein Rebellenimage. 

Er selbst findet dieses Image hingegen nicht gerechtfertigt. Sergej Schnurow verwahrt sich konsequent dagegen, durch irgendwelche politischen und ideologischen Lager vereinnahmt zu werden. Sowohl die "Oppositionellen" als auch die "Patrioten" sähen ihn gerne in ihren Reihen. Sein gespanntes Verhältnis zu Hütern öffentlicher Sittlichkeit macht ihn nicht automatisch zu einem Protestler, auch wenn das die klischeehafte Rolle ist, die jedem Rockstar seit Sowjetzeiten für gewöhnlich anhaftet. Für einen Rockstar hält er sich auch nicht, da die Rockstars, so Schnurow, "auf der Bühne beichten", was er nicht tue. 

Diese Unabhängigkeit macht ihn begehrt. Vor allem Zitatenjäger aus kremlkritischen Medien versuchen regelmäßig, ihm irgendeine Äußerung zu entlocken, die sie nachhinein als moralische Unterstützung für ihre eigene Sache der Öffentlichkeit präsentieren könnten. Das geht jedoch immer schief. Schnurows Unparteilichkeit ist mittlerweile selbst zum Politikum geworden. 

Im Interview mit Ksenia Sobtschak sieht das wie folgt aus:

Sie distanzieren sich von jeglicher Politik, von jeglicher Äußerungen?

Schnurow: Nein, ich äußere mich.

Na ja, im Rahmen der im heutigen Russland erlaubten Fragen, sagen wir mal so.

Schnurow: Und welche Fragen sind jetzt nicht erlaubt? 

Zum Beispiel gab es vor kurzem ein Konzert für die Unterstützung der politischen Gefangenen. Es war unpolitisch, weder für Putin noch für Nawalny. Da traten Rockmusiker auf und der Erlös aus diesem Konzert ging an die Inhaftierten nach dem "Bolotnaya-Urteil". Sie waren nicht dabei.

Schnurow: Ich verstehe. Ich würde dann für die Unterstützung aller Gefangenen auftreten. Mir scheint es, als ob in Russland viele Menschen mehr oder weniger für nichts sitzen. Warum werden die politischen hier ausgesondert? Das ist für mich völlig uninteressant, interessant sind für mich die großen Probleme. Ich bin nicht zufrieden mit den Haftbedingungen aller und nicht nur jenen der "Bolotnys" [der Festgenommenen im Züge der Unruhen auf dem Bolotnaya-Platz - RT]. Ich äußere das in meinen Solokonzerten. Sich dafür in einem Schwarm zusammenzudrängen, habe ich nicht nötig.

Das Credo der Nichteinmischung bewahrt Schnurow seine maximale künstlerische Freiheit. Er ergeht sich in allen denkbaren Auslassungen in verbal wie musikalisch ungezügelter Form. Sein Spott gilt allen, er nimmt alle Berufsgruppen, Trinkertypen, Protestler der Bürgerbewegungen und kremlnahe Jugendorganisationen gleichermaßen aufs Korn. Und so wie der Musiker selbst sind auch die Zuhörer frei in ihrer Interpretation.