Schauplatz Gotland: Die unsichtbare russische Gefahr

Dieses schwedische U-Boot heißt nach der Insel Gotland und symbolisiert die Probleme, die das Land mit den Russen hat: Immer wenn das Militär eine engere Bindung an die NATO will, tauchen unidentifizierte U-Boote in den Medien auf.
Dieses schwedische U-Boot heißt nach der Insel Gotland und symbolisiert die Probleme, die das Land mit den Russen hat: Immer wenn das Militär eine engere Bindung an die NATO will, tauchen unidentifizierte U-Boote in den Medien auf.
Dieser Tage treffen sich Vertreter der schwedischen Politik auf der beschaulichen Insel Gotland. In diesem Jahr inszenieren schwedische Sicherheitspolitiker - parallel zum NATO-Gipfel - die russische Gefahr. Angeblich wird Gotland bei einer "Invasion der Russen" als erstes eingenommen. Doch noch sind keine Russen in Sichtweite und so wird in deren Abwesenheit über die unsichtbare Gefahr diskutiert.

von Olga Banach

Schweden hatte erst im Mai, unter Protesten im Parlament, ein Gastlandabkommen mit der NATO unterzeichnet. Die politische Woche ist ein gutes Mittel, um die unsichtbaren Bedrohungen sichtbar zu machen und auf eine breite Akzeptanz eines möglichen NATO-Beitritts hinzuarbeiten.

Das Feindbild Russland hilft hierbei und so zieht sich das Thema Russland durch die politische Woche von russischen Hackerangriffen bis hin zur nuklearen Apokalypse. Das generelle Ziel der Organisatoren ist es, die Bevölkerung in Verteidigungs- und Sicherheitsfragen "aufzuklären".

Am Eröffnungstag wird ein Film gezeigt: „Operation Dnjepr“ aus dem Jahr 1967. Der originale Titel lautet: „Ich diene der Sowjetunion.“ Es ist ein russischer Propagandafilm aus dem Kalten Krieg, ausgegraben aus dem Archiv. Nach Meinung der Veranstalter könnte er eine "nahe Realität" darstellen.

Der Film wurde während einer der größten Militärübungen seiner Zeit realisiert. Schauplatz ist der östliche Teil der Ukraine. Es gilt: Ost gegen West und geprobt wird der dritte Weltkrieg. Es ist kein Zufall, dass Schweden erst vor Kurzem Interesse an diesem Film gefunden hat und ihn in die schwedische Sprache hat übersetzen lassen. Er soll die russische Bedrohung eindrucksvoll nahebringen.

Obwohl den Schweden nicht nachgesagt werden kann, dass sie besonders politisch seien, sind schon Monate im Voraus alle Unterkünfte und Flüge auf die Insel ausgebucht.

„Almedalen“ begann 1968, als Olaf Palme, der ehemalige Premierminister Schwedens von den Sozialdemokraten, von der Ladefläche eines Lasters aus eine Rede hielt. Die Auswahl der Redner während Almedalen ist wenig eklektisch. Organisiert von den parlamentarischen Parteien durch die Lokalrepräsentanten auf Gotland kann fast jeder zu Wort kommen.

Die königliche Kriegsakademie allein bot in diesem Jahr vier Seminare an. Hierin ging es um ein Forschungsprojekt genannt „KV21“, oder anders ausgedrückt: um die künftigen Schlachtfelder des 21. Jahrhunderts. Ein Titel der angebotenen Seminare lautete etwa:

„Die nukleare Bedrohung Schwedens - eine Realität.  Der Staat beschützt seine Landsleute nicht, die Russen kommen - was nun? Zwei Szenarien eines russischen Angriffs.“ 

Zu Beginn des Seminars „Die nukleare Bedrohung Schwedens ist Realität“ wird Jens Stoltenberg zitiert, der bekanntgegeben hatte, dass Russland den Nuklearkrieg gegen Schweden geprobt hätte. Dass dies im März 2013 stattgefunden haben soll, wird ausgeklammert. Die Moderatorin führt mit bedeutender Stimme und ängstlichem Gesichtsausdruck fort, dass dies hier und jetzt als die neue Realität Schwedens diskutiert werden muss.

In der Runde fällt besonders ein Mann mit hochgestelltem, gelben Polohemd auf, der sich durch seine aggressive Körpersprache von den anderen zurückhaltenden Männern unterscheidet und sich ungeachtet der Öffentlichkeit an schwedischem Salzlakritz erfreut.

Er heißt Tomas Ries, ist Lektor der Verteidigungshochschule und zeigt sich kriegsbereit. Er fasst die Bedrohungslage durch die Auflistung des russischen Nuklearwaffenarsenals mit seiner Reichweite zusammen. Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion nicken zustimmend.

„Das Putinregime verfüge über alle Möglichkeiten eines nuklearen Krieges. Der Krieg mit Schweden wurde bereits geprobt.“

Verteidigungsminister Peter Hultqvist stimmt dem zu und fügt an, dass Schweden aufrüsten müsse, um eine Waffenbalance herzustellen. Die geladenen Gäste der Runde sind sich alle einig, eine Diskussion sucht man hier vergebens. Andere Stimmen bleiben ungehört. Peter Hultqvist führt in einem anderen Interview fort:

„Wir haben einen erhöhten nationalen Bedarf, das Bild Russlands als Großmacht zu stärken und unsere Verletzlichkeit darzustellen.“

Auch Premierminister Stefan Löfven nutzte die politische Woche, um für die EU zu werben. Eine Notwendigkeit, um dem gemeinsamen Feind Russland adäquat begegnen zu können. Löfven merkt an, dass Sanktionen gegen Russland die Situation nicht entschärft hätten. Im Gegenteil. Das Putin-Regime habe trotz all der wirtschaftlichen Probleme weiter Aufrüstung betrieben, während sich die EU zerreibt.

Laut Major General Gunnar Karlson, Chef der Organisation  „MUST“ will Russland den Zerfall Europas und der NATO. Die Abkürzung steht für "Militärische Intelligenz und Sicherheit". Auch betreibe Russland seine Interessenpolitik mit der Ausrichtung auf einzelne EU-Länder.

Russland wende sich nie an die Interessenvertretung der gesamten Europäischen Union oder an die NATO. Welche EU-Länder hier gemeint sind, wird nicht erwähnt. Er bezeichnet die Beziehung der EU zu Russland als schizophren, es gebe keine einheitliche Linie.

Die Organisation „MUST“ hat in den letzten Jahren vor Aggressionen der Russen berichtet. Karlson führt fort:

„Drohnen, die von den Russen zur Spionage eingesetzt wurden, sind im Juni von Ute, einer Insel nahe Stockholm, aus gestartet, während eines gemeinsamen Trainings amerikanischer, schwedischer und finnischer Soldaten. Die Drohnen sind ein herausforderndes Sicherheitsproblem, da sie auch immer leichter zu beschaffen sind.“

Über die genauen Ziele und wie russische Drohnen von schwedischem Boden aus starten können, erfahren die Zuhörer Karlsons nicht.

Die schwedische Bildzeitung „Expressen“ bot ein Seminar an, welches sich auch mit der Stellung Gotlands und seiner geographischen Nähe zu Russland befasst. Im „Expressen-TV“ sprach Oberbefehlshaber Micael Bydén von der russischen Bedrohungslage und bezeichnet diese als "Kalten Krieg". Er bezeichnete die Situation zwischen Schweden und Russland als "sehr angespannt".

„Wir brauchen daher gute Finanzierung und militärische Kapazitäten, um auf Situationen reagieren zu können.“

Die illegale Annektierung der Krim sei eine Warnung gewesen und man müsse mit Russland vorsichtig sein. Zum Ende des Interviews mit Bydén geht es um ein greifbareres Thema: die innere Bedrohung durch Terroristen. Es gebe kein Land Europas, dass sich von dem Risiko freimachen könne.  Leider, wird dieses nicht weiter ausgeführt.

In einem Seminar des schwedischen Medienverbundes „TU Sverige“ geht es um Hackerangriffe durch Russland. Das Seminar basiert auf einem Zwischenfall im März diesen Jahres, als die größten schwedischen Nachrichtenseiten nicht mehr zugänglich waren.

Die Quelle des Übels kam angeblich aus Russland. Es wurde natürlich nie bewiesen, dass es sich um Russen oder gar um die russische Regierung handelte. Dies jedoch scheint dem Medienverbund für sein Seminar egal zu sein. Schweden müsse sich vor Hackerangriffen aus Russland schützen.

Die Ergebnisse der schwedischen Politikwoche im Hinblick auf die unsichtbare Bedrohungsmacht? Diplomatische Lösungen liegen den Teilnehmern fern. Der einzige Weg: Reduzierung der Gefahren durch Aufrüstung und der Hilfesuche in Europa und der NATO für schwedische Sicherheitsinteressen. Allerdings hat eine schwedische Untersuchung gerade zu Tage gebracht, dass der Wille des schwedischen Volkes für einen Beitritt der NATO abnimmt.

Die „Almedalsveckan“ findet vom 3. bis zum 10. Juli statt. Die Veranstaltung rühmt sich, eine Plattform der Demokratie und der offenen Diskussion zu sein. Proteste hingegen findet man nicht, auch mit den Diskussionen ist es nicht weither. Der generelle Tenor: Aufrüstung und mehr Nähe zu Europa und NATO, um den Schutz der Außengrenzen zu sichern.

Doch mit wachsender Größe des Festivals wird es zunehmend schwieriger für Einzelpersonen, sich Gehör zu verschaffen. 2010 verbrannte eine Repräsentantin der feministischen Partei 100.000 schwedische Kronen aus Protest gegen die Ungleichheit zwischen Mann und Frau und im vergangenen Jahr wurde eine Partei von Künstlern ausgerufen, die nur als Kunstaktion diente. 

Die schwedische Korvette HMS Visby auf der bisher erfolglosen Suche nach russischen Trolls in den Fjorden um Stockholm.

Im letzten Jahr hat die englischsprachige Onlinezeitung „The Local“ bei den Einwohnern Gotlands nachgefragt, wie sie die Bedrohungslage sehen. Niemand teilte die Meinung der Politiker. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass Russland Interesse an Gotland habe.

Auf Twitter lassen sich viele Kommentare zur erwarteten russischen Invasion finden. So schreibt ein Teilnehmer: „Falls die Russen kommen, findet die politische Woche im nächsten Jahr auf der Insel Öland statt“.

Eine pragmatische Lösung. Was genau würde Putin auf Gotland machen? Gotland war einst Schauplatz der Pippi-Langstrumpffilme und Pippi Langstrumpf war ein Kriegskind. Sie wurde nach dem Ende des 2. Weltkrieges durch ihre Erschafferin Astrid Lindgren geboren, sie war der Ausdruck des Versagens des Patriacharts und wurde zur Symbolfigur des friedliebenden anti-autoritären Schwedens. Doch dies ist Geschichte. Die neue Pippi Langstrumpf Schwedens will in die NATO und ihre Stärke nutzen.

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