China - Das Land des zensierten Internets?

China - Das Land des zensierten Internets?
Ein Gespräch in Shanghai mit Barrett McCormick, Professor für politische Studien an der Marquette Universität in den USA. McCormick spricht fließend Chinesisch und ist häufig in China zu Gast. Das Internet sowie dessen Regulierung ist sein Lieblingsthema und er lockt damit seine chinesischen Studenten aus der Reserve.

von Olga Banach, Shanghai

Shanghai steht nie still. Welch besseren Ort könnte es für ein Interview geben als ein Auto, das sich durch den Verkehr der Millionenstadt quält. Die Fahrerin ist Chinesin und Journalistin. Sie möchte allerdings nicht namentlich genannt werden. Nennen wir sie der Einfachheit halber Frau Wu. Ihre Anmerkungen zu dem Gespräch mit Professor Barrett McCormack sind besonders gekennzeichnet.

Wie ist der Stand bei der Regulierung des Internet in China, Professor McCormick?

Die chinesische Regierung besteht, verglichen mit anderen Regierungen, stärker darauf, dass Inhalte eine Gefahr darstellen, die reguliert werden muss. Das ist ein ganz anderes Ziel, als was die amerikanische Regierung verfolgt. Natürlich gibt es auch viele praktische internationale Kooperationen, wie die gegen Kinderpornographie. 

Warum, glauben Sie, interessiert sich die chinesische Regierung für die Inhalte?

Zensur. 

Frau Wu: Es gibt zwei Dinge, die die chinesische Regierung interessieren: Sicherheitslücken und Internetkriminalität sowie innerstaatliche Inhalte. Für innerstaatliche Angelegenheiten wollen sie natürlich keine Kooperation. 

Barrett McCormick: Der chinesische Präsident Xi Jinping hat auf ein Rahmenmodel für das Internet bestanden. Die USA will dies hingegen nicht. Sie wollen keinen regulierten Internetverkehr. Die europäischen Regierungen haben versucht, die Beziehungen zu China zu verbessern und haben das zu ihrer Politik erklärt. 

Models mit verschiedenen QR-Codes auf der Haut promoten die 13. China Internet Conference in Peking, August 2014.
Models mit verschiedenen QR-Codes auf der Haut promoten die 13. China Internet Conference in Peking, August 2014.

Haben sie hierfür ihre Prinzipien verkauft?

Ja, das könnte man so sagen. Das beste Beispiel hierfür ist David Cameron. Er war sehr darauf bedacht, England chinafreundlich zu gestalten. Er hat zum Beispiel Demonstrationen während Jinpings Besuch in England behindert und ihn darin unterstützt, kein Treffen mit dem Dalai Lama zu haben. Aber ironischerweise haben seine Bemühungen um eine Vertiefung der Beziehungen keine Früchte getragen. 

Was denken Sie über den Dalai Lama, Herr McCormick?

Die Zentralregierung Chinas sagt, dass er versucht, ein unabhängiges Tibet zu kreieren. Aber er hat diese Idee schon lange aufgegeben. Es ist schwierig, an einen friedlicheren tibetischen Anführer nach ihm zu glauben. Jetzt wäre eine wunderbare Möglichkeit, eine Lösung zu finden. Für mich fragt er nur nach einer glaubhaften Autonomie. Ich finde es schade, dass China nicht verhandeln will. 

Frau Wu: Es gab sehr viel finanzielle Hilfe für Tibet. 

Barrett McCormick: Dem widerspreche ich. 

Frau Wu: Ich kenne Leute, die dort gearbeitet haben. Die Firmen dort leisten viel und spenden. Das Geld versickert. Die Region ist sehr verarmt. Die chinesische Regierung investiert viel Geld in Tibet und Studenten leisten Freiwilligenarbeit. Die ausländische Presse berichtet immer nur aus einer Perspektive.

Sie müssen sich mal die Lebensbedingungen in Tibet ansehen. Tibet allein hätte keine Überlebenschancen. Die Ressourcen sind sehr begrenzt. Chinesische Offizielle fahren nicht gerne nach Tibet. Es ist zu gefährlich. Viele lassen auf den Straßen ihr Leben. 

Tibetanische Mönche besuchen Peking und schicken ein paar Selfies nach Hause.
Tibetanische Mönche besuchen Peking und schicken ein paar Selfies nach Hause.

Zurück zum Thema Internet. Wir wollten uns über Firewalls unterhalten, die mit Hilfe von VPNs umgangen werden.

Barrett McCormick: Richtig.

Frau Wu: Aber sehen Sie, viele Leute wollen im Netz gar keine ausländischen Seiten besuchen und dies liegt an den Sprachbarrieren. Ich denke da an meine Eltern. Es ist unmöglich für sie.

Die Straße wird von einem Mann blockiert, der auf einem Fahrrad Unmengen an Luftballons transportiert. 

Barrett McCormick: Wir haben in meinem Unterricht ein gutes Buch eines Anthropologen besprochen. Hierin ging es um illegale Einwandererfrauen in den USA und wie sie ihre Mobiltelefone nutzen. Ihr Handy ist sehr wichtig, denn es ist die einzige Möglichkeit, ein Stück Humanität zu bewahren und Kontakt zu Verwandten und Freunden zu halten. Die lesen natürlich auch nicht die New York Times. 

Frau Wu: Die Leute in China nutzen soziale Medien rund um die Uhr: in der U-Bahn, während einer Kaffeepause, im Restaurant und so weiter. 

Wie haben ihre chinesischen Studenten auf das Thema Snowden reagiert?

Meine Studenten kennen das Thema. Allerdings erschien es mir so, dass es sie nicht zu tangieren scheint. Snowden ist Amerika, nicht China. Ich hingegen war geschockt von dem Ausmaß der Überwachung in den USA. 

Frau Wu verabschiedet sich und möchte nicht mehr Teil des Gesprächs sein. Die Unterhaltung wird in einem Massagesalon bei einer Fußmassage fortgesetzt. 

Zu Beginn des Internets gab es die Einstellung, dass Regierungen, wie die chinesische, dem Einfluss des Internets nichts entgegensetzen können. Aber dies stellte sich als falsch heraus. China hat einen riesigen Apparat für die Zensur und Meinungsführung. Der Damm könnte irgendwann brechen und zu einer Überflutung führen, aber noch ist es nicht so. Die klassische, amerikanische Arroganz ist, dass das Internet unsere Erfindung ist und uns frei macht. Jetzt aber haben wir Donald Trump.

Die Online-Hostess Sun Xiaohou ist als ein Mann verkleidet und singt bei einem Live-Event für ihre Kunden, Peking, April 2015.
Die Online-Hostess Sun Xiaohou ist als ein Mann verkleidet und singt bei einem Live-Event für ihre Kunden, Peking, April 2015.

Er ist der Twitter-König und sehr gut darin, das Internet für seine Zwecke zu nutzen. Die ursprüngliche Idee war, dass das Internet Informationen günstiger und erreichbarer macht. Aber es ist viel komplizierter geworden. Es gibt viel Schlechtes und viele Menschen verlieren sich in diesen Welten.

Trump lebt in der Welt der direkten Kommunikation. Seine Ideen sind unwahr und nicht realisierbar, aber das ist irrelevant für das Internet. Wenn sich die chinesische Regierung an ihre Leute im Bezug auf Probleme um das Internet wendet, heißt ihre Lösung zentrale, direkte Führung.

Welche Probleme sind das?

Fehlinformationen und Diskussionen zwischen den Menschen. Sie sorgen sich um politische und soziale Stabilität. Verglichen mit anderen Ländern bin ich kein Fan der chinesischen Lösung und der Zensur. Aber Trump finde ich unheimlich. Ich bin natürlich nicht in China, um den Chinesen zu sagen, wie sie ihr Land regieren sollen. 

Gibt es einen chinesischen Snowden? Ist das möglich?

Es gibt ein Buch namens „The Tiananmen Square“. Tiananmen Square bedeutet: „Tor des himmlischen Friedens“, er befindet sich in Peking. Hier fanden 1989 prodemokratische Proteste statt, die von der Regierung am 4. Juni 1989 blutig niedergeschlagen wurden. Hunderte, vielleicht Tausende, bezahlten für ihren Protest mit dem Leben.

Das Buch ist eine detaillierte Diskussion der Geschehnisse in Peking und eine Enthüllung, wie die Proteste unterdrückt wurden. Ich bin mir sicher, dass es mehr Veröffentlichungen dieser Art geben wird. Das Buch wurde von einer chinesischen Person geschrieben, die Dokumente aus China geschmuggelt hat. 

Hat es zu Reaktionen in China geführt?

Nein, das Buch hat die Menschen nicht erreicht. Die Menschen, die einen VPN nutzen, um an andere Informationen zu kommen, ist sehr gering. Die chinesische Regierung muss nicht immer hundertprozentig effektiv sein. Es gibt hier auch sehr viele interessante Fragen. Vielleicht hat Präsident Xi Jinping Ambitionen, die öffentliche Meinung zu formen und Armut zu bekämpfen.

Mr Kang, ein Fan der Online-Hostess Sun Xiaohou, chatted mit ihr auf seinem Smartphone während der Live-Überrtagung.
Mr Kang, ein Fan der Online-Hostess Sun Xiaohou, chatted mit ihr auf seinem Smartphone während der Live-Überrtagung.

Aber die Partei ist zufrieden, wenn sie Kollektivaktivitäten einschränken kann. Demonstrationen und Streiks sind an der Tagesordnung. Aber es ist sehr schwierig für die Interessengruppen, sich zu verbünden. Wir sind in einer Zeit des Umbruchs in China. Wir wissen nicht genau, worauf Jinping zusteuert. Es gibt eine Plattform namens Weibo

Es ist die chinesische Twitter-Version. Allerdings wurde diese Plattform bald zum Ort öffentlicher Diskussionen. Es gab eine Kategorie von Mitgliedern, die sich „Big V“ nannten. Sie hatten eine enorme Zahl von Fans. Dies endete mit der Verhaftung eines Mannes namens Charles Xue. Er tauchte bekleidet in einem orangen Overall, und dies noch vor seiner Verurteilung, im öffentlichen Fernsehen auf.

Was wirft ihm die Staatsanwaltschaft genau vor?

Die Anklage lautete: Besuch bei Prostituierten. Im Fernsehen entschuldigte er sich dann für sein schlechtes Benehmen. Es folgte die Entscheidung, dass es bei der Verbreitung von Falschmeldungen via Weibo und einer Fangemeinde von mehr als 500 zu einer Verhaftung kommen kann. Dies war dann das Ende von Weibo als ökonomisches Modell. Jetzt nutzen Leute „Weixin“. 

In China zu sein, ohne Weixin zu nutzen, ist unmöglich. Aber Weixin funktioniert anders. Es limitiert die Verbreitung von Nachrichten auf 500 Personen. Hier muss der Nutzer auch Anhängern zustimmen. Eine nationale Unterhaltung erlaubt diese App nicht. Die App an sich ist aber wunderbar gestaltet und es macht Spaß, sie als soziales Medium zwischen Freunden und Familie zu nutzen.

Welche technologische Philosophie steht hinter dieser raschen Ausbreitung des Internet in China?

Die chinesische Regierung hat das Internet angenommen und es sich zu eigen gemacht. Im Jahr 1980, als die Chinesen damit begonnen haben, andere Länder zu bereisen, gab es für die Regierung zwei Möglichkeiten: Isolation oder Teil der westlichen Gesellschaft zu werden. Jetzt, wenn Chinesen ins Ausland gehen, sind sie zwar körperlich im Ausland, aber mental sind sie dadurch, dass sie ihre eigenen sozialen Medien nutzen, noch immer in ihrer Heimat. 

Arbeiterinnen in der Foxconn-Fabrik in Longhua, Provinz Guangdong im Mai 2010.
Arbeiterinnen in der Foxconn-Fabrik in Longhua, Provinz Guangdong im Mai 2010.

Ich möchte noch anführen, dass man nicht glauben soll, dass es keine Spontanität und Kreativität in China in Bezug auf das Internet gibt. Ganz im Gegenteil. Es gibt einen großen Fluss an Kreativität, neue Diskussionen und Argumente. 

Herzlichen Dank für das Interview.

Wir fragen die Masseurin nach einem Internetcafé in der Nähe. Sie weiß, dass es eines gleich an der Kreuzung gibt und warnt uns eindringlich, dass Internetcafés gefährliche Orte seien, an denen man spielsüchtig werden könne. Wir sollten lieber unser Handy benutzen. Sie selbst stammt aus einer kleinen Provinz fernab und versucht in Shanghai ihr Glück. Ich frage sie, ob sie davon träumt, in ein anderes Land zu reisen. Sie ist überrascht, hierüber hat sie noch nie nachgedacht.

Das Internetcafé befindet sich versteckt im 2. Stock eines schäbigen Hauses. Der Zugang ist erst ab 18. An Computern sitzen Männer, die Computerspiele spielen. Nachrichten sucht man auf den Bildschirmen vergeblich.