Eurasia.dok-Festival in Smolensk - Wie entstehen Farbrevolutionen?

Podiumsdiskussion zu den Ursachen von Farbrevolutionen, Smolensk, Juni 2016
Podiumsdiskussion zu den Ursachen von Farbrevolutionen, Smolensk, Juni 2016
In der westrussischen Stadt Smolensk fand Anfang Juni das Film-Festival Eurasia.dok mit dem Themenschwerpunkt „bunte Revolutionen“ statt. Regisseure aus Russland, Weißrussland, der Ukraine, Deutschland und den USA zeigten in Dokumentarfilmen auf, wie Farbrevolutionen entstehen. RT sprach mit den Regisseuren, Zuschauern und dem Festival-Direktor über das Phänomen und die Hintergründe der sogenannten Farbrevolutionen.

von Ulrich Heyden, Smolensk

Der Saal im Tenischewa-Ausstellungszentrum im Zentrum von Smolensk war gut gefüllt. Mehrere Erstsemester saßen auf den blauen Stühlen und schauten gebannt auf die Video-Bildschirme. Einige – so schien es – hatte die Augen geschlossen, wohl aus Müdigkeit, oder weil der Film „Krieg im Donbass. Die Kreise der Hölle“ vom Regisseur Aleksandr Djukow brutale Szenen zeigte, wie Mitglieder des rechtsradikalen ukrainischen Freiwilligen-Bataillons Aidar Zivilisten verhafteten und schlugen. Man sah auch Menschen mit schweren Verletzungen, die erzählten, sie seien von den selbsternannten „Befreiern“ des Donbass gefoltert worden. 

Der Film „Krieg im Donbass“ wurde im Rahmen des Film-Festivals „Eurasia.dok“ gezeigt. Thematischer Schwerpunkt der viertägigen Veranstaltung, die Anfang Juni in der westrussischen Stadt Smolensk stattfand, waren die „bunten Revolutionen“ in Osteuropa und ihre politischen Folgen, wie Machtwechsel, Putsche und Kriege.

Geschockte Zuschauer

Ich beobachtete, wie ein etwa 18 Jahre altes Mädchen den Saal verließ. Ich folgte ihr und traf sie im Foyer. Dort stand sie mit drei Kommilitoninnen. Alle machen bedrückte Gesichter. Warum sie rausgelaufen seien? Die Mädchen drucksten herum. Die 18-Jährige deutete an, dass sie Schreckliches gesehen habe.

Die Zuschauer waren vor der Vorstellung gewarnt worden. Doch diese geballte Ladung von Gewalt haben einige wohl nicht verkraftet. Das ist, wie ich meine, ein gutes Zeichen. Es gibt noch eine gesunde Abwehr von Gewalt gegen Wehrlose. Zugleich stellt sich die Frage: Muss man diese Gräuel im Kino zeigen? Regen sie zum Nachdenken an?

Studenten schauen den Dokumentarfilm "Krieg im Donbass. Ein Folteropfer erzählt", Smolensk, Juni 2016.
Studenten schauen den Dokumentarfilm "Krieg im Donbass. Ein Folteropfer erzählt", Smolensk, Juni 2016.

Eine immer wiederkehrende These in den auf dem Festival gezeigten Filmen war, dass Farbenrevolutionen meist nicht spontan entstehen, sondern von interessierten politischen Kräften in und außerhalb der betreffenden Staaten angeheizt, medial unterstützt und finanziert werden, mit dem Ziel den eigenen Einflussbereich auszuweiten.

In Deutschland unbekannt

Dem deutschen Fernsehpublikum sind die in Smolensk gezeigten Filme gänzlich unbekannt. Dabei wäre es nützlich, diese Filme in deutscher Übersetzung im deutschen Fernsehen zu zeigen, damit die Debatte über „russische Propaganda“ sachkundiger geführt werden kann.

Nur zwei der in Smolensk gezeigten Filme deutscher Regisseure – der Odessa-Film „Lauffeuer“ - und der Donbass-Film „Ukrainian Agony“  – wurden in einigen deutschen Programmkinos oder auf Veranstaltungen zum Bürgerkrieg in der Ukraine in Deutschland gezeigt.  „Lauffeuer“ bekam in Smolensk den Preis für „objektive journalistische Untersuchung“. Mark Bartalmai, Regisseur von „Ukrainian Agony“, bekam den Festival-Sonderpreis für „Mut und Ehrlichkeit“.

Kinder erzählen vom Kriegsalltag

Der Festival-Beitrag „Kinder der Antiterroristischen Operation“ von der Kiewer Journalistin und Regisseurin Aljona Beresowskaja zeigte eindrücklich, wie Kinder im Krieg leiden, wie sie fast wie Erwachsene, sachlich und gleichzeitig ängstlich, über den Krieg sprechen. Der Film von Beresowskaja – er gehört zu den drei Sieger-Filmen des Festivals – lässt den zehnjährigen Bogdan Sarubin aus der Volksrepublik Donezk über sein Leben im Krieg erzählen. Man erfährt, dass Bogdan die ukrainische Sprache in der Schule gerne gelernt hat, jetzt aber wegen dem Krieg nicht weiß, wie er die ukrainische Sprache finden soll. Seine Oma habe ihn zurechtgewiesen, erzählt er. Die Leute, die aus Kiew in den Donbass übergesiedelt sind, das seien keine „Ukropi“ (Schimpfwort für Ukrainer) sondern „Menschen wie wir“, die auch unter den Bomben der ukrainischen Armee sterben können. Bogdan und andere Kinder erzählen auch, wie sehr sie Angst haben, wenn ihre Angehörigen auf der Straße unterwegs sind. Nur wenn sie mit dem Handy anrufen, legt sich die Angst für eine Weile. 

Wie entsteht eine Farbenrevolution?

In einer der ersten Podiumsdiskussionen wurde die Frage der Objektivität in Dokumentarfilmen diskutiert und festgestellt, dass es keine hundertprozentige Objektivität geben kann. Zu der Diskussion per Skype zugeschaltet wurden der ehemalige Radio-Liberty-Korrespondent in Tschetschenien, Andrej Babizki, und der US-Regisseur, John Beck-Hofmann, der mit „Maidan Massacre“ selbst mit einem Film auf dem Festival in Smolensk vertreten war und den Preis für Publikumssympathie erhielt.

In einer zweiten Podiumsdiskussion über die politischen Ursachen von Farbrevolutionen stellte Wadim Gigin, stellvertretender Vorsitzender der Journalisten-Union von Weißrussland, die Frage, ob die Farbrevolutionen in den postsowjetischen Staaten nicht von einem „Revolutions-Virus“ herrühren, der 1917 durch die Bolschewiki gelegt wurde. Denn es falle ja auf, dass es in Deutschland und Österreich keine Revolutionen gibt.

Dieser These widersprach Konstantin Sjomin, Journalist beim Fernsehkanal „Rossija 1“. Bedingung für die Entstehung einer orangenen Revolution sind nach Meinung von Sjomin fünf Faktoren: 1.) Ein ernster Streit in der Elite eines Landes, 2.) starke soziale Ungleichheiten, 3.) eine Polizei, welche Protestaktionen und den Aufbau von Zeltstädten zulässt, 4.) staatliche Medien, welche auf Seiten der „Revolutionäre“ überwechseln und 5.) neofaschistische, kriminelle Gruppen und Fußball-Ultras, welche bei der „Revolution“ mitmischen.

Podiumsdiskussion mit den beteiligen Dokumentarfilmern zu Ursachen von Farbrevolutionen, Smolensk, Juni 2016
Podiumsdiskussion mit den beteiligen Dokumentarfilmern zu Ursachen von Farbrevolutionen, Smolensk, Juni 2016

Besonders beim Sturz von Slobodan Milošević in Jugoslawien und Viktor Janukowitsch in der Ukraine hätten diese fünf Faktoren eine Rolle gespielt, wobei in der Ukraine auch noch deutlich geworden sei, dass die Herrschaft der Oligarchen nicht – wie proklamiert - gebrochen wurde und sich die Oligarchen bis heute am Staatseigentum bereichern, welches Anfang der 1990er Jahre privatisiert wurde.

Im Interview mit RT erklärte Sjomin, dass oft auch das Kleinbürgertum bei den „bunten Revolutionen“ eine Schlüsselrolle spiele. Der Journalist verwies auf die Frauen aus der Mittelschicht, welche in Chile den Sturz des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende 1973 mit Kochtopf-Märschen einleiteten.

Künstliche Spaltung von Gesellschaften

Der Journalist Juri Aleksejew aus Lettland nannte als einen weiteren Faktor für bunte Revolutionen Provokationen, mit denen Volksgruppen gegeneinander ausgespielt werden. Als Beispiel nannte er den im April 2007 von der Führung Estlands angeordneten Abbau des sowjetischen Soldaten-Denkmals in Tallin, womit Russen und Esten gezielt gegeneinander ausgespielt worden seien. Gegen den Denkmal-Abbau gab es damals größere Straßenproteste der russischsprachigen Minderheit und einen Toten. Politiker in Estland hätten dann erklärt, 'seht her, diese Russen sind verrückt und unberechenbar'. Bis dahin hätten Russen und Esten friedlich zusammengelebt. Wenn jetzt die Macht in Riga in Erwägung ziehe, das „Denkmal des Sieges“ von 1945 abzubauen, seien große Proteste zu erwarten, denn in Lettland gäbe es eine große russische Minderheit und an dem Denkmal versammelten sich jedes Jahr 200.000 Menschen.

Auch in Russland gab es schon Vorboten einer Farbrevolution. Das war im Winter 2011/2012 als es in Moskau auf dem Bolotnaja-Platz zu Protesten wegen Wahlfälschungen kam. Russische Journalisten gingen damals auf Spurensuche. Galina Saposchnikowa, Journalistin der Komsomolskaja Prawda, wurde fündig. Für ihren Film „Widerstand ohne Gewalt oder Sieg ohne Krieg“ machte die Journalistin ein längeres Interview mit dem US-Politikwissenschaftler Gene Sharp. Dieser gilt mit seinem Werk „The Politics of Nonviolent Action“ (1973) als wichtiger Theoretiker von Farbrevolutionen. Schaposchnikowa fragte den Wissenschaftler in ihrem Film immer wieder, ob es Personen aus Russland gab, die ihn um Rat gefragt hätten. Der 88-jährige Wissenschaftler verneint die Frage standhaft. Der Film von Schaposchnikowa bekam in Smolensk den Preis für „das beste Interview“.

Warum das Festival in Smolensk stattfand

Dass das Festival ausgerechnet in Smolensk stattfand, hatte einen Grund. Die Stadt mit ihren heute 320.000 Einwohnern liegt nur 70 Kilometer von der Grenze zu Weißrussland entfernt und ist einer von Russlands westlichen „Vorposten“. Mehrere Armeen, die Teile von Russland eroberten, zogen in den letzten Jahrhunderten durch die Stadt, im Jahr 1611 ein polnisches Heer, 1812 eine von Napoleon geführte multinationale Truppe und 1941 die deutsche Wehrmacht.

Als Smolensk 1943 von der Roten Armee befreit wurde, war die Stadt zu über 90 Prozent zerstört. Von 135.000 Einwohnern lebten nur noch 13.000. Eines der wenigen Gebäude, welches beim deutschen Angriff unzerstört blieb, war die 1677 erbaute „Maria-Himmelfahrt-Kathedrale“. Sie diente den deutschen Militärs als Orientierungshilfe bei Luftangriffen.

Die Maria-Himmelfahrt-Kathedrale in Smolensk.
Die Maria-Himmelfahrt-Kathedrale in Smolensk.