Integration auf Schwedisch

Integration auf Schwedisch
Irgendwo in einer Baracke im Industriepark der Region Smålland beginnt die Integration auf Schwedisch. Es ist der erfolglose Versuch, menschlichem Leid mit Bürokratie zu begegnen.

Von Olga Banach

Jeden Morgen bewegen sich Menschen verschiedenster Kulturkreise auf das wenig einladend wirkende Gebäude zu. Die meisten kommen mit dem Bus, einige wenige mit dem Auto und ein paar mit dem Fahrrad. Viele sehen so aus, als ob sie nur sehr selten oder nie zuvor Rad gefahren sind. Da ist der syrisch gut gekleidete Mann, der dreißig Jahre lang in einer Ölfirma tätig war und jeden Tag mit einem frisch gebügelten Hemd zum Unterricht erscheint und ein junger Afghane, der viel Zeit mit seinen Hanteln verbringt. Das schwedische Arbeitsamt bietet Kurse an und sie sind für die anerkannten Flüchtlinge verpflichtend. Sie haben Zettel bei sich, die sie von den Lehrern abzeichnen lassen müssen. Der Unterricht beginnt pünktlich um 8 Uhr. Die Kurse sind in verschiedene Stufen eingeteilt und gleich zu Beginn muss man angeben, wie viele Jahre man zur Schule gegangen ist. Nach diesem Schema wird nach ein paar Wochen Einführungskurs entsprechend getrennt.

Es ist kein Ort, der zum Verweilen und Träumen einlädt. Im Eingang gibt es eine Sitzbank und die Küche ist mit ein paar Tischen ausgestattet, ein kalter Ort, an dem ständig die Tür auf- und zugeht. In der Pause werden alle verfügbaren Wasserkocher angeschlossen. Tassen und Tee bringt jeder selbst mit. Den Eingangsbereich belagert schnell eine Gruppe syrischer Frauen. Der Kaffee kommt aus einem deutschen Automaten. Immerhin, das WLAN funktioniert einwandfrei. Viele teilen mir ihre Geschichten mit. Die Geschichten ihrer Familien, ihrer Flucht. Familien, die zerrissen sind, zerstörte Träume, Hoffnungen. Die meisten finden Deutschland gut, aber für Flüchtlinge sehr schwierig. Es seien einfach zu viele und die Unterkünfte unzumutbar, der Weg bis zur Anerkennung dauere zu lange. Deutsche Orte werden genannt, an denen sie Familie haben.

Ein Feueralarm reißt den Unterricht aus der Routine. Die Lehrerin versucht Panik zu verbreiten. Malek aus Aleppo will sich nur ungern in die Kälte hinausbewegen. Er trägt einen großen Bierbauch vor sich her und lacht. Ein Probealarm? Hier in Schweden? Als er noch auf seinem Balkon in Aleppo saß und seinen Kaffee trank, fielen rechts und links die Bomben. Niemand hat ihn vorher gewarnt, niemand hat sich dafür interessiert. Die Lehrerin ermahnt, dass alle beim nächsten Mal ihre Jacken und Taschen im Raum lassen sollen. Unverständnis blickt ihr entgegen. Gewiss wird niemand der Anwesenden seine Dokumente unbeaufsichtigt lassen.

Heute sehen wir einen Film. Schön, mal was anderes. Einen Film über eine gelungene Integration. Einige Mitstudenten setzen sich, in freudiger Erwartung, aufrecht hin. Nach Anfangsschwierigkeiten mit dem Beamer läuft der Film. Es geht um einen afrikanischen Mann, der eine Festanstellung in einem Hotel gefunden hat. Hier deckt er die Tische für das Frühstücksbuffet ein und ist überglücklich und dankbar für seine Arbeit. Etwas Besseres hätte ihm nicht passieren können. Ich frage mich, was man dem Mann gegeben hat, um sich dermaßen zu verkaufen. Als einzige Europäerin im Kurs schäme ich mich in Grund und Boden und traue mich nicht, meine Sitznachbarin Eva aus Syrien anzusehen. Sie war Hochschullehrerin, ihr Mann, ebenfalls im Kurs, Besitzer einer Kosmetikfabrik. Der Traum von Europa, von Schweden?

Unwirtlich aber teuer: Asylunterkunft in Lindesberg, Schweden März 2016

Am nächsten Tag findet kein Kurs statt, sondern eine Jobbörse. In einem Gemeindezentrum werden Tische aufgebaut, an denen man Informationen über verschiedene Berufe einholen kann: Arbeiten als Sicherheitskraft, Service- oder Pflegepersonal. Die Akademiker gehen wieder leer aus.

Dann besucht uns Kalle, ein Mann, kurz vor seiner Pension stehend. Das Arbeitsamt hat ihn geschickt, um sich ein Bild des Kurses zu machen. Die Lehrerin muss hinausgehen. Zunächst fragt er interessanterweise danach, ob die Lehrerin Humor hat. Ich gebe ihm ein klares Nein. Humor? Den hat hier niemand. An den Wänden hängen Ermahnungen: Man muss alle Menschen respektieren. Das ist zwar gut, aber die Lehrer scheinen so gestresst zu sein, etwas Falsches zu sagen, dass ihnen jede Art von Humor abhanden gekommen ist. Er fragt danach, wie der Kurs ist. Ich erzähle ihm von dem völlig deplatzierten Werbefilm für schwedische Integration und dass sich hier doch viele Akademiker im Kurs befänden. Er fragt nach und ist schockiert. Ob sie denn auch alle ihre Zeugnisse zur Anerkennung nach Stockholm geschickt hätten.

Eine junge Frau aus Ruanda beklagt, dass die Anerkennung nun ein Jahr lang dauert und die Anerkennungsstelle ihre Originalzeugnisse verlangen. Nun hat sie nichts mehr in der Hand. Eine Irakerin versucht Kalle zu erklären, dass sie als Ingenieurin gearbeitet hat und fragt, warum sie nach dem Grundschulniveau auch noch auf das Gymnasium für Erwachsene gehen müsse, um Schwedisch zu lernen. Kalle will wissen, ob sie Englisch spricht. Sie hat ihren Master auf Englisch in England gemacht. Hierauf war Kalle nicht vorbereitet. Dafür gibt es auf seinem Zettel keine Box zum Abhaken. Kalle versucht einen Scherz zu machen, der aber im Raum stehen bleibt. Nichts ist perfekt. Auch nicht in Bullerbü.

Ich muss an diesem Tag früher weg und mich mit meinen Studenten befassen. Einige von ihnen werden wieder zu spät zum Unterricht kommen. Mit einem Hangover, weil sie von Tag zu Tag leben - bis sie der Realität begegnen.

 

(* Die Vornamen wurden aus Rücksicht geändert.)