Das Ende der Menschlichkeit: In den USA dürfen Gefangene oft nur noch per Chat mit Familie sprechen

"Keine Handys": Hinweisschild am Gefängnis Taconic Correctional Facility in Bedford Hills, New York, April 2016. Nicht in allen Fälle dulden Gefängnisse den fernmündlichen Kontakt.
"Keine Handys": Hinweisschild am Gefängnis Taconic Correctional Facility in Bedford Hills, New York, April 2016. Nicht in allen Fälle dulden Gefängnisse den fernmündlichen Kontakt.
Video-Besuche ersetzen in US-amerikanischen Gefängnissen zunehmend den physischen Besuch von Bezugspersonen und Familienangehörigen der Inhaftierten. Und damit lässt sich Geld verdienen. Nun wird die Gefängnisindustrie zum Thema im Wahlkampf.

von Olga Banach

In den USA sitzen 2,3 Millionen Bürger in Haft. Das Land belegt mit dieser Inhaftlierungsquote weit vorne den Platz 1 aller NATO-Staaten. Auf 100.000 Einwohner kommen 716 Inhaftierte. Auf Rang 2 liegt Großbritannien mit 147 Inhaftierten pro 100.000 Einwohner. Die Lobby der privaten Gefängnis-Unternehmen spricht sich regelmäßig für eine Verschärfung des Strafrechtes aus, um den ständigen Zufluss Gefangener und den Profit zu gewährleisten.

Eingangsbereich eines US-Gefängnisses

Die private Gefängnisindustrie ist eine der am stärksten wachsenden Industrien in den USA. Das erste moderne, private Gefängnis war das „Corrections Corporations of America“ (CCA). Heute ist es die größte Gefängnisfirma in den USA. Die CCA gelangte im Jahr 2012 in die Nachrichten, als sie 48 Staaten anschrieb und den Aufkauf staatlicher Gefängnisse vorschlug. Dafür garantierte die CCA auch eine 90 prozentige Auslastung der Gefängnisse.

Im Jahr 2013 kappte der staatliche Kommunikationsausschuss die hohen Telefonkosten für Insassen. Anbieter von Telekommunikation in Gefängnissen suchten nach neuen Möglichkeiten, weiterhin an der Kommunikation zu verdienen und entdeckten die Videokonferenz als lukratives Geschäftsfeld.

Immer mehr amerikanische Gefängnisse verbannen Besuche von Angehörigen aus ihren Mauern. Stattdessen sollen Gefangene nur noch per Videokonferenz Kontakt halten. Viele haben Familienangehörige, die weit entfernt leben und die Videokonferenzen könnte hier Erleichterung verschaffen, so die Argumentation.

Doch ist es leider auch ein Weg, die Ärmsten der Armen zu schröpfen und für die Gefängnisse Gelder einzusparen. So sparen die Gefängnisse nicht nur an Sicherheitspersonal, sondern verdienen auch durch die Anbieter der Systeme. Es gibt nur drei Anbieter, die den Markt rund um Videokonferenzen in den Gefängnissen dominieren: Securus, Telmate und Global Tel Link.

Die nur schlecht funktionierenden Systeme lassen ein 20-minütiges Gespräch rund 20 Dollar kosten. Der digitale Besuch muss im Vorhinein beantragt und bezahlt werden. An einem speziellen Terminal können die Angehörigen während der gebuchten Zeit mit dem Inhaftierten sprechen oder mit Hilfe ihres persönlichen Laptops.

Ein Großteil der Inhaftierten sitzt ein, da sie und ihre Familien nicht im Stande sind Bußgelder zu bezahlen. Angehörige werden teilweise gezwungen mit den Inhaftierten via Video zu kommunizieren, obwohl der zu Besuchende nur einen Raum weiter sitzt. Der Anbieter Securus zahlt den Haftanstalten eine 20-prozentige Kommission.

Die Gefängnisse haben scheinbar keinerlei Nachteil durch die Verträge. Doch schürt der menschliche Kontaktverlust die Aggressionen. Für die Gefangenen stellte die Möglichkeit, sich von Angehörigen und Freunden besuchen zu lassen, die seltene Gelegenheit zu echten sozialen Kontakten dar. Laut einer Studie des Minnesota Department of Corrections reduziert ein einziger persönlicher Besuch die Gefahr, dass der Insasse neue Verbrechen begeht um 13 Prozent. Auch die Aggressionen innerhalb der Gefängnisse gehen zurück.

Bernie Sanders hat im September 2015 einen Gesetzesentwurf zum Verbot privater Gefängnisse vorgeschlagen: „Heute haben wir in Amerika mehr inhaftierte Menschen als in irgendeinem anderen Land der Welt. Wir müssen unser Justizsystem neu erschaffen, aber dies ist uns unmöglich, solange wir an der Masseninhaftierung verdienen.“

Im Oktober 2015 ließ Hillary Clinton die Anleger der privaten Gefängnisse an der Börse mit ihrem Tweet erschaudern: „Menschen, die ihre Schuld beglichen haben, sollten wieder Arbeit finden, nicht nur geschlossene Türen und Herzen.“

Doch im Januar diesen Jahres twitterte sie, es sollte keine Bank zu groß sein, als dass man sie bankrott gehen lassen könnte und kein Individuum zu groß, um es hinter Gitter zu bringen: „There should be no bank too big to fail and no individual too big to jail“. Trump hingegen spricht sich für eine weiterreichende Privatisierung der Gefängnisse aus.

Mehr als 500 Haftanstalten haben bereits Videobesuchssysteme installiert. Und 74 Prozent der Gefängnisse verbieten persönliche Besuche nach der Einführung von Videokonferenzen.