Der deutsche Blick: Wie Medien in Deutschland über ein europäisches Problem berichten

Der deutsche Blick: Wie Medien in Deutschland über ein europäisches Problem berichten
Eine aktuelle Medienanalyse zeigt: Die Printmedien in Deutschland berichteten unsachlich und unausgewogen über die Griechenland-Krise. Die Journalisten inszenierten eine persönliche Auseinandersetzung zwischen deutschen und griechischen Politikern, anstatt sachlich über die wirtschaftspolitische Auseinandersetzung zu informieren.

In den vergangenen Tagen bestätigten Untersuchungen erneut, dass das Publikum kein besonders hohes Vertrauen in die Massenmedien hat. Wie gerechtfertigt diese Skepsis auch gegenüber den selbst ernannten Qualitätsmedien ist, zeigt nun eine Medienanalyse im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Die Wissenschaftler der Universität Würzburg, Professor Kim Otto und Andreas Köhler untersuchten fast 1.500 Zeitungsartikel aus dem ersten Halbjahr 2015.

Damals schlug die Auseinandersetzung um die Hilfskredite für Griechenland hohe Wellen. Anhand der Berichterstattung deutscher Medien über die griechische Staatsschuldenkrise wollten sich die Wissenschaftler ein Bild über die Qualität im Wirtschaftsjournalismus machen.

Das Ergebnis fällt so eindeutig wie vernichtend aus. Deutsche Journalisten haben die „Qualitätskriterien zu wenig beachtet“, lautet das höfliche Résumé:

Die Berichterstattung war in ihrer Gesamtheit nicht ausgewogen zwischen unterschiedlichen Positionen und Meinungen. Auch über die Gesamtheit der untersuchten Medien und über das gesamte politische Spektrum kann eine unausgewogene Berichterstattung postuliert werden. Sie erfüllte auch in vielen Artikeln das Qualitätskriterium der Neutralität nicht, weil Journalisten ihre Meinung in Nachrichten einbrachten.

Es fiel auf, dass einige der untersuchten Medien nur Akteure zitierten, die die Meinung des Blattes vertraten. Vielfach fand eine differenzierte Hintergrundberichterstattung zu den Reformvorhaben der griechischen Regierung nicht statt.

Die Reformvorschläge wurden nur oberflächlich und nicht ausführlich behandelt. Die untersuchte deutsche Berichterstattung zur griechischen Staatsschuldenkrise erfüllte demnach die untersuchten Qualitätsmerkmale der Vielfalt, Ausgewogenheit, Neutralität und Hintergrundberichterstattung nur sehr begrenzt.  

Kim Otto und Andreas Köhler mussten feststellen, dass es nur in "sehr wenigen Artikeln" sachliche Informationen über wirtschaftspolitische Zusammenhänge vorkamen. Wie auch in anderen Fällen internationaler Berichterstattung stellten die deutschen Journalisten das Thema hingegen als eine persönliche Entscheidung zwischen verschiedenen Politikern dar.

Zwar berichteten die untersuchten Zeitungen von Bild bis Taz sehr intensiv über das Thema. Die konkreten Vorschläge und Ziele der griechischen Regierung tauchten in den Zeitungen jedoch kaum auf. Einzelne Blätter „griffen keinen einzigen spezifischen Reformvorschlag auf“, so das Ergebnis der Untersuchung.

Ebenso wenig spielten europäische Akteure, also die EU-Kommission oder das Europäische Parlament eine Rolle. Sie waren selten Anlass der Berichterstattung und kamen auch nur selten zu Wort. Die deutschen Journalisten stellten das Thema als einen Konflikt zwischen deutscher und griechischer Regierung dar.

Jeder fünfte Artikel wies eine „starke oder sehr starke Personalisierung“ auf. Das bedeutet, dass die Zeitungen auf bestimmte Personen fokussierten. Diese Tendenz war, wie zu erwarten, in der Springer-Presse, also bei Bild und Welt am stärksten ausgeprägt. Quer durch alle untersuchten Medien waren Mitglieder der griechischen Regierung der häufigste Anlass zur Berichterstattung.

Fast zwei Drittel aller Beiträge bezog sich auf das Team um Alexis Tsipras. Die griechischen Politiker wurden zudem „am intensivsten mit Attributen“ belegt. Die allermeisten Aussagen bezogen sich natürlich auf Ministerpräsident Alexis Tsipras oder Finanzminister Yanis Varoufakis. Sie standen erkennbar im Fokus der Berichterstattung.

Allerdings ließen die deutschen Journalisten die beiden griechischen Politiker viel seltener selbst zu Wort kommen als andere Politiker.

Mitglieder der griechischen Regierung waren also Berichterstattungsanlass, wurden häufig genannt und es wurden häufig Aussagen über sie getroffen ‒ sie selbst kamen aber kaum zu Wort. Es wurden häufiger Aussagen über sie verbreitet, als dass ihre Aussagen verbreitet wurden.

Kim Otto und Andreas Köhler fanden eine „mehrheitlich meinungsorientierte und wertende Berichterstattung“ vor. In jedem vierten Beitrag gingen Meinungen und Wertungen direkt und offensichtlich von Journalisten aus, welche die Artikel verfasst hatten. Wenn andere Stimmen zitiert wurden, dann nur „um Wertungen der Journalisten zu stützen oder zu forcieren“.

Dabei wurden griechische Politiker quer durch alle Blätter „mehrheitlich negativ“ bewertet:

Bei allen untersuchten Medien konnte festgestellt werden, dass Text- und Akteurswertung dann besonders stark übereinstimmten, wenn Akteure die griechische Regierung negativ bewerteten.

Auch die von Journalisten eingenommenen Positionen in den untersuchten Berichten waren mehrheitlich gegen Akteure der griechischen Regierung gerichtet, nur 16 Prozent äußerten sich positiv gegenüber Akteuren der griechischen Regierung.

Diese Art des parteiischen Journalismus war natürlich in der Bild-Zeitung am deutlichsten ausgeprägt. Das Blatt berichtete in 81 Prozent der Artikel negativ über die griechische Regierung.