Andrej Nekrassow zu RT über den Fall Magnizki: "Keiner im Westen hat die Tatsachen überprüft"

Andrej Nekrassow zu RT über den Fall Magnizki: "Keiner im Westen hat die Tatsachen überprüft"
Regisseur Andrej Nekrassow spricht mit RT über seinen Film "Der Fall Magnizki". Eigentlich sollte der Dokumentarfilm am kommenden Dienstag von Arte ausgestrahlt werden. Der Finanzinvestor Bill Broder, dessen Geschichte zwar den Anlass für den Film gab, sich dann aber als Lügengespinst herausstellte, klagt gegen den Regisseur und die deutsch-französische Rundfunkanstalt.

Arte gab heute bekannt, dass Ihr Film "Der Fall Magnizki" an kommenden Dienstag nicht ausgestrahlt wird. Auch die Premiere musste abgesagt werden. Es geht wohl um eine Klage wegen des Verstoßes gegen Persönlichkeitsrechte. Gegenüber RT Deutsch wollte Arte sich heute nicht dazu äußern, wer der Kläger ist...

Die Vorführung wurde unter dem Druck von Browders Anwälten gestrichen. Wir hatten aber bis zuletzt gehofft, dass man den Film doch zeigen würde. Wir waren vor eine technische Frage gestellt: Sollte die Premiere als offen oder geschlossen gelten? Eine geschlossene Vorführung kann eigentlich nicht gestrichen werden. Leider sollte das eine offene Vorführung sein.

Finanzbetrüger William Felix „Bill“ Browder auf dem Wirtschaftsforum in Davos im Januar 2011.

Es ging natürlich gar nicht mehr um eine Übertragung im Fernsehen oder im Kino. Allerdings hatten wir schon die Poster drucken lassen, und jeder konnte sich dazu anmelden. Also galt die Vorführung rein formell als offen, und sie musste unter dem Druck von Browders Anwälten auf die Produzenten und die Sponsoren des Filmes gestrichen werden. Darunter auch das deutsche Fernsehen.

Dass ein Regisseur und ein wichtiger Protagonist seines Films in der Bewertung derartig weit auseinanderliegen, dass die Aufführung mit einer Klage verhindert wird, das passiert sehr selten. Wie sind Sie zu der Geschichte gekommen?

Ich habe ganz aufrichtig an die Version der Ereignisse geglaubt, die Bill Browder präsentiert hat und die der Westen als gegeben annimmt. Diese Auslegung der Ereignisse war der Anlass für die Verabschiedung des Magnizki-Gesetzes in den Vereinigten Staaten und der entsprechenden Resolution im Europäischen Parlament. Vorher habe ich die von Browder vorgelegten Beweise für ausreichend gehalten.

Diese Version bestätigten viele angesehene Personen und Politiker. Ich hatte großen Respekt vor Browder. Ich dachte: Wer bin ich, um seine Worte in Frage zu stellen? Selbst als ich begann, Verdacht zu schöpfen und Ungereimtheiten zu entdecken, wollte ich das nicht zugeben. Ich dachte mir, ich verstehe etwas falsch und sehe nicht das gesamte Bild.

Nach allem, was bisher öffentlich bekannt ist, endet Ihr Dokumentarfilm mit einem ganz anderen Ergebnis, als es die anfängliche Hypothese hergibt. Was hat die Arbeit bei Ihnen verändert?

Hinzu kam auch die Frage der Ideologie. Denn ich kritisierte nach wie vor die russische Regierung. Vorher habe ich gewisse politische Beziehungen zu Browder und seinen Mitstreitern gepflegt. Und es fiel mir schwer, gegen meine eigenen Ansichten zu kämpfen. Ich musste meine Weltanschauung ändern und zugeben, dass die russischen Behörden Magnizki nicht ermordet und das Geld nicht gestohlen hatten.

Dieser Browder-Magnizki-Komplex hat das Bild der russischen Politik im Westen nachhaltig beschädigt. Für viele Journalisten schien klar, dass sich seit den schlimmen 1990er Jahren in Russland nichts geändert hat.

Mich hat die Berichterstattung westlicher Medien über diesen Fall sehr enttäuscht. Ich gebe zu: Ein Mensch kann sich freilich irren. Aber selbst erfahrene Journalisten, die in respektablen Redaktionen, etwa im The Guardian arbeiten – alle haben Browders Version einfach nachgedruckt.

Sogar der Guardian hat geschrieben – ich kenne das wortwörtliche Zitat nicht auswendig –, Magnizki wäre im Auftrag des Kremls ermordet worden. Putin hätte von seinem Tod direkt profitiert. Ein Befehl aus dem Kreml? Dass ich nicht lache!

Wie kann es passieren, dass die gesamte westliche Presse sich über eine Version der Geschichte einig ist?

Keiner hat die Tatsachen überprüft. Man hat nur Vermutungen und Spekulationen veröffentlicht. Ich habe gedacht, ich drehe einen Film über den großen Enthüller Sergej Magnizki. Doch tatsächlich wurde es ein Film darüber, wie ich mit Lüge, Egoismus und Zynismus konfrontiert wurde.

Trends: # Medienkritik