„Sultan, küss unseren Hintern“ - Böhmermanns Schmähgedicht als Neuauflage des "Kosakenbriefes"

Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief (Ilja Repin), gemeinfrei
Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief (Ilja Repin), gemeinfrei
Die „Causa Böhmermann“ hält weiter die Republik in Atem. Das Schmähgedicht des Satirikers auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Erdogan hat sich zur veritablen Staatskrise ausgeweitet. Kanzlerin Angela Merkel muss entscheiden, ob Jan Böhmermann für seinen Beitrag juristisch belangt werden soll. Dabei könnte Böhmermann sich bei seinen harschen Formulierungen durchaus auf ein historisches Zitat berufen, wie ein Blick in die Kunst- und Kulturgeschichte zeigt.

Dass in Zeiten von Dschungelcamp und SuperRTL historisches Wissen durchaus in Vergessenheit geraten kann, ist soweit bekannt. Manchmal, wenn die Wogen der gesellschaftlichen Empörung besonders hoch schlagen, kann es jedoch hilfreich sein die Geschichtsbücher aufzuschlagen.

Der etwas andere Erdogan-Effekt...

Wohl denen auch, die ab und zu ein Museum besuchen. Etwa das Russische Museum in Sankt Petersburg. Ausgestellt wird dort eines der bekanntesten Gemälde der Kunstgeschichte mit dem Titel „Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief“, zwischen 1880 und 1891 vom russischen Maler Ilja Repin auf Leinwand gebannt.

Das Bild stellt eine anekdotische Szene aus dem Jahr 1676 dar. Der osmanische Sultan Mehmed IV forderte damals die Unterwerfung der Saporoger Kosaken unter seine Herrschaft.

In selbstherrlichem Ton befahl der Sultan den Kosaken, sich seiner Macht nicht mehr in den Wege zu stellen und jeglichen Widerstand gegen die osmanische Dominanz aufzugeben. Daraufhin sollen sich der Legende nach – genau jenen Moment zeigt Repins Gemälde – sich die Saporoger Kosaken zusammen gesetzt und eine Antwort an den Sultan verfasst haben. Der Text dieses Briefes ist zwar nicht überliefert, aber es zirkulieren diverse Varianten auf Ukrainisch, in denen vieles an Böhmermanns „Schmähgedicht“ erinnert. Hier eine moderne Übersetzung:

Du türkischer Teufel, Bruder und Genosse des verfluchten Teufels und des leibhaftigen Luzifers Sekretär! Was für ein Ritter bist du zum Teufel, wenn du nicht mal mit deinem nackten Arsch einen Igel töten kannst? Was der Teufel scheißt, frisst dein Heer. Du wirst keine Christensöhne unter dir haben. Dein Heer fürchten wir nicht, werden zu Wasser und zu Lande uns mit dir schlagen, gefickt sei deine Mutter!

Du Küchenjunge von Babylon, Radmacher von Mazedonien, Ziegenhirt von Alexandria, Bierbrauer von Jerusalem, Sauhalter des großen und kleinen Ägypten, Schwein von Armenien, tatarischer Geißbock, Verbrecher von Podolien, Henker von Kamenez und Narr der ganzen Welt und Unterwelt, dazu unseres Gottes Dummkopf, Enkel des leibhaftigen Satans und der Haken unseres Schwanzes. Schweinefresse, Stutenarsch, Metzgerhund, ungetaufte Stirn, gefickt sei deine Mutter!

So haben dir die Saporoger geantwortet, Glatzkopf. Du bist nicht einmal geeignet, christliche Schweine zu hüten.

Nun müssen wir Schluss machen. Das Datum kennen wir nicht, denn wir haben keinen Kalender. Der Mond ist im Himmel, das Jahr steht im Buch und wir haben den gleichen Tag wie ihr.

Deshalb küss unseren Hintern!

Unterschrieben: Der Lager-Ataman Iwan Sirko mitsamt dem ganzen Lager der Saporoger Kosaken.

 Jan Böhmermann bei seiner Satireeinlage die zum diplomatischen Eklat führte (Screenshot: https://vimeo.com/161212899 )

Nicht nur die Kosaken hatten ihren Spaß dabei, sich bis ins Absurde abgleitende Beleidigungen für den Sultan auszudenken.

Bis heute ist dieser Moment, in dem das hämisch-bizarre Schreiben verfasst wurde, festgehalten von Repin, und somit Teil der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte.

Nicht ausgeschlossen, dass Jan Böhmermann mit seinen Versen lediglich eine moderne Version des Kosakenbriefes an den türkischen Sultan verfassen wollte. Zumindest zeigt das historische Beispiel, dass rüde Beleidigungen sehr wohl kunsthistorisch relevant sein können.

Und im Grunde ist alles wie immer: Zuerst wird versucht, Kunst zu zensieren, später landet sie im Museum und in den Geschichtsbüchern.