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Slavoj Žižek zum Verbot ritueller Schlachtungen: "Eindeutig ein politischer Hintergrund"

Slavoj Žižek zum Verbot ritueller Schlachtungen: "Eindeutig ein politischer Hintergrund"
Slavoj Žižek zum Verbot ritueller Schlachtungen in Belgien: "Eindeutig ein politischer Hintergrund"
Wallonien ist nach Flandern nun bereits die zweite Region in Belgien, in der die Halal- und Koscher-Schlachtung verboten wurde. Diese Entscheidung sorgte für Empörung unter belgischen Juden wie auch Muslimen, die sich in ihrer religiösen Freiheit eingeschränkt fühlen.

Laut jüdischer und muslimischer Tradition müssen die Tiere als rituelle Gabe geschächtet werden, indem ihnen ohne Betäubung die Kehle durchgeschnitten wird. Der Verzicht auf eine gebührende Betäubung hat mehrere EU-Staaten, darunter Schweden, Dänemark und Slowenien, bereits früher dazu veranlasst, diese Praktik zu verbieten.

Eine derartige Einmischung der Regierung würde "dem Ruf der jüdischen Bevölkerung als Gemeinschaft schaden" und "ihr unterstellen, mit dem Tierwohl unverantwortlich umzugehen", meinte der Vorsitzende der Europäischen Jüdischen Vereinigung, der Rabbiner Menachem Margolin, gegenüber RT. Doch was genau steht hinter dieser Entscheidung, und wie viel Wert wird dabei wirklich auf das Wohl der Tiere gelegt? Wir befragten dazu den slowenischen Philosophen Slavoj Žižek.

Die Behörden befinden sich in einer eigenartigen Lage, nicht wahr? Sie versuchen nun, zwischen Tierwohl und religiöser Freiheit auszubalancieren, was viele EU-Staaten sich zum Verdienst gemacht haben. Denken Sie, dass es überhaupt möglich ist, diese Balance zu halten, ohne dabei der einen oder anderen Seite den Vorzug zu geben?

Das Erste, was ich machen würde – ich kenne die Situation ja nicht in allen Details –, wäre, den politischen Hintergrund dieser Entscheidung zu hinterfragen. Das muss meiner Meinung nach nicht unbedingt die Entscheidung der politischen Linken sein. Wir sollten niemals vergessen, dass die "rechte Ökologie" – nennen wir sie mal so – in Europa eine lange Tradition hat. Die verheerendste Kritik an Hitler, ironisch gemeint, habe ich in Deutschland vor fast 30 Jahren erlebt, als einigen rechtsextremen "Ökologen" aus unserem Debattierclub Sympathien für die Nazis vorgeworfen wurden. Und wissen Sie, was sie gesagt haben? Sie sagten: Nein, wir sind gegen Hitler. Na gut, Hitler hat schon auch Gutes getan – er wurde die Juden los und so weiter. Aber zugleich hat er auch furchtbare Dinge getan. Er baute Auto- und Eisenbahnen und so weiter und so fort. Das ist die rechte grüne Tradition. Und dabei ist sehr wichtig, dass das ein Schlag gegen beide Parteien ist, sowohl für Muslime als auch für Juden. Ich glaube, das geht auch in die Richtung Rechtsextremer, für die es heißt, dass Muslime und Juden im Grunde genommen alle Teil desselben Komplotts seien, das westliche Europa zu zerstören und so weiter und so fort. Wir müssen diesen Hintergrund immer in Gedächtnis behalten. Was mich ferner misstrauisch macht, ist – ehrlich gesagt – die Frage, warum plötzlich diese Tiere im Fokus stehen. Sie werden vielleicht überrascht sein, aber ich weiß genau, wie diese Schächtungen vollzogen werden, sowohl halal als auch koscher. Sie geschehen relativ einfach, wobei ich für Tieropfer kein Verständnis habe. Die Tiere werden dabei keinen unermesslichen Qualen ausgesetzt. Ich meine, wenn man einfach über Tierquälerei besorgt ist, wäre es nicht sinnvoller, mit tagesaktuellen Fragen unserer Agrarindustrie anzufangen – der Schweine- und Hühnerzucht und so weiter?

Schüler der Lauder Chabad Schule feiern Sukkot in Wien am 4. Oktober 2012.  Medien schrieben von angeblichen Plänen in Niederösterreich, wonach jeder Kunde vor dem Kauf von koscherem Fleisch konkret einen religiös bedingten Bedarf nachweisen müsse. Die FPÖ spricht von Fake News.

Die Medien haben dieses Thema flächendeckend aufgegriffen, weil offenbar ein Konflikt – wie es ihn in vielen EU-Staaten, wie zum Beispiel in Frankreich, gibt – zwischen traditionellen christlichen oder säkularen Werten und religiösen Gruppen wie der muslimischen oder jüdischen Bevölkerung im Mittelpunkt steht. Wie Sie jedoch schon erläuterten, ist die Haltung von Nutztieren nicht besonders tierfreundlich. Es gab bereits öfter Berichte über Tierquälereien in Schlachthöfen. Dennoch scheint niemand diesem Problem Aufmerksamkeit zu schenken. Warum haben die Medien diese Geschichte so schnell ins Visier genommen?

Meiner Meinung nach spricht das eindeutig für einen politischen Hintergrund. Dafür, dass tatsächlich – wenn ich mich dieser etwas paranoiden Begriffe bedienen darf – eine rechte, rassistische Maßnahme mit Sorgen um die Umwelt getarnt wird. Doch ich sehe eine gewisse poetische Gerechtigkeit in der Tatsache, dass beide Parteien, sowohl Juden als auch Muslime, davon betroffen sind. Denn in jüngster Zeit geschehen überall im Nahen Osten sehr seltsame Dinge. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte, deren Echtheit ich zusammen mit einem Freund von mir nachgewiesen habe. Wissen Sie, vor etwa einem Jahr hat ein angesehener Religionsführer im Nahen Osten mit Verweis auf heilige Texte behauptet, dass Soldaten bei der Besatzung eines fremden Landes das Recht hätten, einheimische Frauen zu vergewaltigen. Man könnte denken, er sei ein verrückter arabischer Fundamentalist. Aber nein, es war der hohe Rabbiner der israelischen Verteidigungsstreitkräfte. Daher ist es manchmal gut, sich auf das gesamte Gebiet zu konzentrieren, um nicht dem Klischee von den aufgeklärten Israelis und den primitiven Muslimen aufzusitzen. Und dennoch könnte diese Erkenntnis für manche unangenehm sein. Was mich aber beim kurzen Zitat des jüdischen Aktivisten überrascht, das wir gehört haben, da hätte ich wiederum ein bisschen mehr Solidarität erwartet. Denn zumindest hier sind Muslime und Juden auf derselben Seite, da sie beide von diesem Verbot betroffen sind. Doch dieser Mann hat nur die Juden erwähnt, und das macht mich sehr traurig.

Wir hören so viel darüber, wie stolz Westeuropa auf seine Multikulturalität ist. Aber Fälle wie diese, sind das wirklich Zeichen des Fortschritt oder eher Zeichen für tiefe Risse in den westlichen Gesellschaften?

Ich stehe dem Multikulturalismus sehr kritisch gegenüber. Das möchte ich klarmachen. Ich bin der Meinung, dass Multikulturalismus seine Grenzen hat. Und wissen Sie, wo diese Grenzen liegen? Wenn Sie mit einem echten islamischen Fundamentalisten sprechen, erkennen Sie sie sofort. Es lässt sich niemals nur darauf beschränken, dass verschiedene Kulturen miteinander koexistieren. Die Probleme eskalieren, wenn verschiedene Kulturen, die innerhalb eines Landes existieren, miteinander interagieren. Zum Beispiel in Deutschland. Jedes Jahr gibt es buchstäblich rund 2.000 Fälle, in denen Mädchen aus muslimischen Familien sich für die westliche Lebensweise entscheiden – Freund, Nachtklubs und so weiter – und ihre Familien verlassen. An dieser Stelle muss man entscheiden, ob die Mädchen zurück in ihre Familien gebracht oder beschützt werden. Es gibt keinen dritten Weg. Wenn sie in ihre Familien zurückgeschickt werden, dann knallt es in den Familien. Wenn man sie in Schutz nimmt, dann sagen die Islamisten: Ihr beeinträchtigt unsere Lebensweise und so weiter. Wir müssen eine Entscheidung treffen. Und ich persönlich setze mich natürlich für diese freiere Wahl ein. Wenn ein Mädchen sich von seiner Familie oder Kultur unterdrückt fühlt, muss der Staat es beschützen.

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