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Heute vor elf Jahren tobte im Kaukasus ein Medienkrieg

Heute vor elf Jahren tobte im Kaukasus ein Medienkrieg
Antirussische Demonstration zur Unterstützung Georgiens im griechischen Thessaloniki am 10. August 2008
Der Fünftagekrieg, der in der Nacht am 8. August 2008 in Südossetien begann und am 12. August in Georgien endete, ist in Russland auch als Medienkrieg bekannt, den Russland damals verlor. Denn die ersten Meldungen prägten die Schuldfrage.

von Wladislaw Sankin 

Die Forschungsstelle Osteuropa Bremen schrieb in ihrer Studie im September 2008 "Der bewaffnete Konflikt um Südossetien und internationale Reaktionen" – nur einen Monat nach den Kämpfen um die Hauptstadt der von Georgien abtrünnigen Teilrepublik, Zchinwali:

Wie es dann zu der unseligen georgischen Offensive gegen Zchinwali vom 7.–8. August kam, bleibt gleichwohl eine offene Frage, die der georgische Präsident vor allem seinem eigenen Land zu beantworten hat.

Symobolbild - Georgische Soldaten nehmen an einem Filmdreh auf der Militärbase  Vaziani teil. Filmregisseur Renny Harlin drehte dort einen Film, basierend auf den Ereignissen des russisch-georgischen Konflikts im August 2008, 12. November 2009

Nach mehreren Wochen kamen die ersten westlichen Journalisten, darunter auch vom Spiegel, nach Zchinwali und bezeugten die starken Zerstörungen der Stadt durch massives Artilleriefeuer georgischer Streitkräfte. Sie nannten den georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili "einen Hasardeur", der Russland zur Gegenoffensive provoziert hat.

Augenzeugen erzählten ihnen auch vom brutalen Vorgehen der am 8. August angerückten georgischen Soldaten, die selbst kleine Häuser aus geringer Entfernung mit Panzern beschossen haben. Durch solche Meldungen gewann das massive russische Eingreifen in den Konflikt zumindest an Plausibilität. Auf russischer Seite war vom "Erzwingen des Friedens" die Rede.

Noch mal ein Jahr später, im September 2009, wurde die Tatsache, dass Georgien den Krieg "durch eine groß angelegte Offensive" begann, in einem umfassenden EU-Bericht einer Faktenfindungskommission endgültig geklärt.

Dennoch kam es überall in der Welt, wo westliche Medien zu empfangen waren, bereits am 8. August zu heftigen und gut organisierten antirussischen Protesten unter dem Motto "Stop Russia". Denn fast alle Medien berichteten über den Krieg aus Georgien und aus georgischer Perspektive. Und die war ganz klar: Die Separatisten in Südossetien sowie Russland sind an der Eskalation schuld.

Zwei verwundete süd-ossetische Frauen verharren in einem Keller in Zchinwali am 10. August 2008.

Aus irgendeinem Grund haben die westlichen Medien nur aus Georgien berichtet und entsendeten niemanden nach Südossetien. Warum?!", sagte der Präsident Südossetiens Anatoli Bibilow zehn Jahre später in einem Interview.

"Wir sind alle Georgier", rief der US-amerikanische Freund des georgischen Präsidenten Saakaschwili Senator John McCain zur Solidarität mit dem kleinen Land im Kaukasus auf, das seinem "übermächtigen Nachbarn Russland" trotze.

Dass dieses Bild falsch oder zumindest verzerrt war, zeigen auch die trockenen, aber traurigen Zahlen der Opferbilanz im EU-Bericht. Sie fiel für beide Seiten des Konflikts verhältnismäßig gleich aus: Auf südossetischer Seite gab es insgesamt 365 Tote – Kämpfer und Zivilisten. Die russischen Streitkräfte, die an der Seite der Südosseten gekämpft haben, hatten 67 tote Soldaten zu beklagen. Die Georgier gaben den Tod von 170 Soldaten, 14 Polizisten und 228 Zivilisten an – insgesamt waren auf beiden Seiten 850 Personen im bewaffneten Konflikt gestorben.

Der Bericht wies auch Russland Schuld zu – beispielsweise wurde Moskau vorgeworfen, vor dem Krieg provokativ agiert und auf die georgische Offensive "unverhältnismäßig" reagiert zu haben, denn die russischen Streitkräfte überschritten für wenige Tage die georgische Grenze, und die russische Luftwaffe bombardierte auch georgische Städte.

Die Karte Abchasiens auf einer Touristikmesse in Moskau. Vor dem Georgisch-Abchasischen Krieg 1992–1993 galt die Autonome Republik Abchasien als einer der populärsten Kurorte der UdSSR.

Dennoch werteten die russischen Diplomaten die EU-Positionen vor zehn Jahren als Erfolg und nahmen sie mit Genugtuung auf, nachdem sich das Image des Aggressoren infolge der ersten Meldungen in der westlichen Öffentlichkeit festgesetzt hat.

"Wir waren im informationellen Sinne auf diesem Krieg überhaupt nicht vorbefreitet", erinnert sich die Sprecherin des russischen Außenministeriums Marija Sacharowa in einem Interview im russischen Fernsehen. Damals arbeitete sie in der russischen diplomatischen Mission bei der UNO in New York und konnte die antirussische Kampagne aus nächster Nähe miterleben, die aus gut vorbereiteten Protesten und Medienberichterstattung bestand.

Die russische journalistische Gemeinschaft konnte nicht begreifen, welche propagandistische Maschine ihr gegenübersteht. Sie musste feststellen, dass ihre Reportagen aus dem Zentrum des Geschehens im globalen Mainstream nichts zählen. Für unsere informationelle Arbeit war es eine wertvolle, obgleich eine bittere Lektion. Die Welt der Gerechtigkeit und des objektiven Journalismus, die der Westen uns gepredigt hat, hat sich als nicht existent erwiesen", stellte Sacharowa fest.

Viele russische Journalisten eilten sich nach den ersten Meldungen über den nächtlichen georgischen Angriff auf Zchinwali zum Ort des Geschehens. Drei von ihren starben während der Kämpfe. Einer von ihnen war der Kameramann Leonid Losew, der zusammen mit dem Kriegskorrespondenten des Fernsehkanals Rossija 1 Gennadi Sladkow gedreht hat. Dieser selbst entkam bei einer Schießerei am Rande der Stadt nur knapp dem Tod.  

Der georgische Journalist Giorgi Gabunia (M.), die georgische Präsidentin Salome Surabischwili (r.) und der russische Präsident Wladimir Putin (l.)

Nach einem Jahr fuhr Sladkow an diesen Ort und fand die Reste der blutigen Weste seines Kollegen. Das zeigte er in seinem Film "Retten um jeden Preis", der den Vormarsch der russischen Truppen über den Roki-Tunnel nach Zchinwali am 8. August nach Ausbruch der Kämpfe aus nächster Nähe zeigt. Eine unscharfe Kopie des fesselnden Streifens wurde im Internet über drei Millionen Male aufgerufen, sie ist unter diesem Link abrufbar.

Der Film zeigt das Geschehen nur aus einer Perspektive – eines embeddeten Journalisten –, die aber durchaus ihre Existenzberechtigung hat. Denn objektiver Journalismus hat sich aus russischer Sicht während des Fünftagekrieges als Illusion erwiesen. Und Russland hat die Lehre aus der Niederlage im Medienkrieg des Jahres 2008 gezogen. Zu diesen Lehren zählte die Neuausrichtung des internationalen Fernsehsenders Russia Today. Der Sender wurde seitdem politischer, klarer, offensiver. Im zweiten Medienkrieg fünf Jahre später – dem um die Ukraine – konnten russische Medien der westlichen Medienmaschine schon Paroli bieten. Dieser Krieg ist aber leider auch heute noch nicht zu Ende.

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