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Liberalisierung des Zuckerrübensektors durch EU-Kommission hat fatale Folgen für Bauern in der EU

Liberalisierung des Zuckerrübensektors durch EU-Kommission hat fatale Folgen für Bauern in der EU
Ein Zuckerrübenbauer während der Ernte im Ort, Godewaersvelde, im Département Nord in der Region Hauts-de-France.
Die aktuelle "Zuckerkrise" hat ihren Ursprung in einer Entscheidung der EU-Kommission: Unter britischem Vorsitz wurde 2017 beschlossen, Anbauquoten sowie garantierte Preise abzuschaffen. Die Folgen: Fabriken mussten schließen, massive Einbußen der Bauern und Absturz der Produktion.

von Pierre Lévy

Für die französische Zuckerindustrie war dies der zweite Donnerschlag seit Anfang des Jahres: Am 17. April kündigte die Cristal-Union-Gruppe, die französische Nummer zwei auf diesem Gebiet, ihre Absicht an, zwei ihrer zehn Werke zu schließen.

Eines der besagten Werke befindet sich in Toury und erwarb bisher die Rübenproduktion von Bauern auf den ertragreichsten Flächen Frankreichs. Das andere Werk, das älteste Frankreichs, gegründet im Jahr 1835, befindet sich in Bourdon in der Auvergne und ist der einzige Produktionsstandort südlich der Loire.

Die Arbeiter, deren Arbeitsplätze gefährdet sind, sowie Rübenanbauer, stehen im Zentrum dieses bisher kaum beachteten Sturms, der die Landwirtschaft in Frankreich, aber auch in Deutschland erschüttert. Die Rübenanbauer argumentieren zudem, dass das Ende dieser Produktion ein Agrarökosystem destabilisieren würde, das die Fruchtfolge gewährleistet und den Pflanzen- und Tiersektor miteinander verbindet. Darüber hinaus ist der Standort Bourdon der einzige Absatzmarkt für die lokalen Rübenanbauer: Rüben sind zu schwer, um Hunderte von Kilometern zu angemessenen Kosten transportiert zu werden.

Im Februar war es der deutsche Konzern Südzucker – der europäische Marktführer in diesem Bereich –, der durch seine französische Tochtergesellschaft Saint-Louis-Sucre mitteilen ließ, er wolle zwei seiner vier französischen Produktionseinheiten in Cagny in der Normandie bzw. Eppeville in der Picardie schließen und die Verpackungsaktivitäten am Standort Marseille einstellen, was 130 Arbeitsplätze direkt und viele weitere indirekt bedroht. Auch zwei Standorte in Deutschland sind gefährdet: Brottewitz in Brandenburg und Warburg in NRW. Darüber hinaus wird eine Fabrik in Polen geschlossen. Das Management der Gruppe will die Zuckerproduktion um 700.000 Tonnen reduzieren. In Frankreich und Deutschland haben sich die Gewerkschaften mobilisiert.

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Zudem demonstrierten französische Rübenanbauer am 7. Mai vor der Konzernzentrale in Mannheim sowie vor der Deutschen Botschaft in Paris. Am 15. Mai trafen sich außerdem ihre Vertreter mit der Geschäftsleitung des deutschen Unternehmens: Sie wollten ihren Plan zur Übernahme der beiden Industriestandorte vorstellen, um den Rübenbetrieb und die Zuckerproduktion zu retten. Eine Idee, die die deutschen Rübenanbauer durch ihre professionelle Organisation, den Verband Süddeutscher Zuckerrübenanbauer (VSZ), für "unverantwortlich" halten.

Der Ursprung der "Zuckerkrise" ist keineswegs rätselhaft: Er geht auf die Entscheidung der EU zurück, die Rübenanbauquoten sowie die garantierten Preise für sie abzuschaffen. Der im Jahr 2013 beschlossene Urknall fand schließlich am 1. Oktober 2017 statt. Dieses Agrarprodukt war das letzte, das noch nicht liberalisiert war: Die Milchquoten wurden 2015 aufgehoben. Mit genau der gleichen höllischen – und vorhersehbaren – Mechanik: Überproduktion und damit sinkende Preise.

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Das Ende des Quotensystems führt dazu, dass der Zuckerpreis in Europa an die Weltmarktpreise gekoppelt wird. Diese sind besonders volatil und stellen für die Spekulanten ein Paradies dar, wie es mit der Verknappung im Jahre 2015 der Fall war. Genauer gesagt betrug der garantierte europäische Preis für Zucker bis 2017 404 Euro pro Tonne. Der Weltmarktpreis liegt derzeit bei 314 Euro pro Tonne ...

Letzterer ging 2018 dramatisch zurück, was auf einen sehr starken Produktionsanstieg in den größten Produktionsländern wie Indien und Brasilien zurückzuführen ist. Und die europäischen Konzerne selbst haben mit Freude dazu beigetragen, die durch das Ende der Quoten angezogen wurden: Cristal Union, Südzucker und die französische Nummer eins, Tereos, haben die Bauern ermutigt, ihre Rübenflächen für die Saison 2017/2018 zu vergrößern – diese sind tatsächlich um 25 Prozent gestiegen. Darüber hinaus kam das gute Wetter besonders gelegen, was die Erträge ankurbelte.

Der Anstieg der Zuckerproduktion in Europa hat sich daher mit dem Überfluss auf anderen Kontinenten vereinigt. Die Weltpreise sanken Ende September 2018 auf ein Rekordtief. Und die französischen Rübenanbauer gerieten zwischen Hammer und Amboss, hierbei zwischen die Abschaffung der Quoten und die Abschaffung des Garantiepreises. Dieser betrug bisher für eine Tonne Rüben 26 Euro; die Anbauer verkaufen ihre Ernte nun für 22 Euro ...

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Und das in einem Umfeld, in dem die Hersteller ihre Rentabilität steigern wollen. Tereos ist zwar die einzige der drei in Frankreich bestehenden großen Gruppen, die behauptet, ihre Kosten um 200 Millionen Euro senken zu wollen, ohne eine offizielle Schließung zu planen; sie hatte jedoch in den letzten zwei Jahrzehnten acht ihrer 17 Zuckerfabriken geschlossen.

Die europäische Liberalisierung gegen Ende des Jahres 2017 war eigentlich die zweite Stufe einer im Jahr 2005 eingeleiteten Strategie. In diesem Jahr einigten sich die (damals) 25 EU-Mitgliedstaaten auf einen Vorschlag der Europäischen Kommission: den Garantiepreis pro Tonne Zucker über vier Jahre um 36 Prozent zu senken. Von 632 Euro pro Tonne wurde dieser dann auf 400 Euro festgelegt.

Die am stärksten gefährdeten Länder (im Mittelmeerraum sowie im Osten und Norden der EU) und die europäischen Rübenanbauer hatten versucht, sich dem Projekt zu widersetzen, jedoch ohne Erfolg. Letztere befürchteten das Verschwinden von 120.000 Rübenanbauern sowie die Schließung von 80 Zuckerfabriken. Genau das ist passiert: Die Zahl der Fabriken wurde halbiert. Die europäische Entscheidung wurde unter britischer Präsidentschaft mit Unterstützung von Paris und Berlin getroffen, die wahrscheinlich darauf abzielten, von der Schließung der Zuckerfabriken in bestimmten kleinen Ländern zu profitieren.

Brüssel ergriff die Initiative für diese massive Senkung des garantierten Zuckerpreises, nachdem verschiedene Erzeugerländer, darunter Brasilien (das 50 Prozent der Weltexporte ausmacht), bei der WTO eine Beschwerde eingereicht hatten, die auf den europäischen Wettbewerb abzielte. Die WTO forderte die EU auf, die Regeln des freien Marktes einzuhalten, was sie mit der Entscheidung aus dem Jahr 2005 tat. Dies war der erste Schritt zur vollständigen Abschaffung des Garantiepreises zwölf Jahre später.

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Die Ergebnisse entsprachen dem Wunsch der Beschwerdeführer: Die europäische Produktion wurde um fünf Millionen Tonnen reduziert, und die Exporte gingen stark zurück. Im Jahr 2020 könnte die EU durchaus mehr Zucker importieren als exportieren.

Somit wahrlich ein Erfolg für die Liberalisierung, die sowohl von der WTO als auch von der EU durchgeführt wurde, mit gravierenden Folgen: einerseits die Destabilisierung eines Agrarsektors und eine Katastrophe für die betroffenen Landwirte in Frankreich: 26.000 Landwirte, 500.000 Hektar; andererseits die Schwächung eines Industriesektors (6.700 Beschäftigte) mit ernsthaften Beschäftigungsrisiken.

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