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"Katastrophale Situation": Alle vier Tage bringt sich ein französischer Polizist um

"Katastrophale Situation": Alle vier Tage bringt sich ein französischer Polizist um
Von Demonstranten gehasst, von der Regierung im Stich gelassen
Seit Anfang 2019 begeht durchschnittlich alle vier Tage ein französischer Polizist Selbstmord. 2018 lag die Selbstmordrate bei Polizisten im Schnitt um 36 Prozent höher als in der Gesamtbevölkerung. Die Wut der Polizeiverbände auf die Regierung wächst.

von Timo Kirez

Als Philippe Capon, Generalsekretär der Gewerkschaft UNSA Police, RT France 2018 ein Interview gab, sagte er, dass 90 Prozent der Polizisten ihren Kindern davon abraten, Polizist zu werden. Seitdem scheint sich die Situation der französischen Gesetzeshüter nicht verbessert zu haben. Im Gegenteil. Auf der Facebook-Seite "Citoyen Solidaire" ("Solidarische Bürger") gibt es den sogenannten "Compteur de la honte" ("Zähler der Schande"). Laut diesem "Zähler" töteten sich im vergangenen Jahr 88 Polizisten. Im laufenden Jahr 2019 beträgt die Zahl der Selbstmorde bereits 31.

Ein französischer Soldat patrouilliert in der Nähe des Eiffelturms im Rahmen des Sicherheitsplans

Am Wochenende des 6. April töteten sich innerhalb von 24 Stunden zwei Polizisten. Im ersten Fall handelt es sich offenbar um eine Polizistin aus Yvelines. In der Nacht von Samstag auf Sonntag tötete sich die Beamte mit ihrer Dienstwaffe. Im zweiten Fall soll es sich um einen 49-jährigen Polizisten einer örtlichen Polizeistation im Südosten der Stadt Alès handeln. Der Sprecher der Union der Nationalen Unabhängigen Polizeibeamten (UPNI), Jean-Pierre Colombies, ist wenig optimistisch, dass sich die Situation in absehbarer Zeit verbessert:

Was die Selbstmorde von Polizisten betrifft, so ist die Situation katastrophal. Ein Todesfall alle vier Tage, das hat es praktisch so nicht gegeben. Es ist für uns unerträglich, dieses Phänomen durch 'persönliche Probleme' erklärt zu sehen. Als der Direktor für öffentliche Ordnung und Verkehr [DOPC], Alain Gibelin, nach einem größeren Burn-out zurücktrat, wurde uns gesagt, dass es die Arbeitsbelastung war, die seine Krankheit verursachte, aber wenn es ein Polizist ist, wird uns erzählt, dass es der persönliche Kontext war, der zum Selbstmord führte. Man ist also gezwungen, die Anerkennung des beruflichen Drucks je nach Rang variabel einzuschätzen.

Der pensionierte Polizist ergänzt:

Christophe Castaner [französischer Innenminister, Anmerkung der Redaktion] hat der Association des Femmes des Forces de l'ordre en Colère [FFOC; Organisation der wütenden Ehefrauen und Lebenspartner von Polizeikräften] im November 2018 eine Anhörung zu diesem Thema verweigert. Das ist sehr vielsagend, und wir befinden uns in einem derartigen sozialen Spannungsverhältnis, dass wir uns keine grundlegende Maßnahme in unserer sklerotischen Verwaltung vorstellen können. In der Zwischenzeit müssen wir uns auf den Polizeistationen im Klaren sein, dass die Beamten nicht wissen, inwieweit sie ihrem Minister vertrauen können. Das sind die Gedanken und Meinungen, die uns gerade vom Feld [Polizisten im Einsatz, Anmerkung der Redaktion] zurückgemeldet werden.

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Die Selbstmorde der Polizisten wird in Frankreich mit jener von Landwirten verglichen. Ebenfalls eine Berufsgruppe, die stark unter Druck steht. Laut einem im Juni 2018 veröffentlichten Senatsbericht ist die Selbstmordrate bei der Polizei um 36 Prozent höher als in der Gesamtbevölkerung. Bei den Landwirten lag diese Quote bei 20 bis 30 Prozent über dem Durchschnitt der französischen Bevölkerung, wie aus einer Studie der französischen Gesundheitsbehörde aus dem Jahr 2016 hervorgeht. Ein ähnlicher Trend also, aber mit einem deutlichen Unterschied im Fall der Polizisten und Gendarmen: Sie alle haben denselben Arbeitgeber, den Staat, und denselben Chef, Christophe Castaner.

Ein Demonstrant mit einem 40 mm Hartgummigeschoss.

Die Pläne, die in der Vergangenheit zur Eindämmung des Problems entwickelt wurden, insbesondere im Mai 2018 unter der Schirmherrschaft von Gérard Collomb [Bürgermeister der Stadt Lyon, Anmerkung der Redaktion], werden von den Polizisten, die das "tägliche Unbehagen" und den "sozialen Kontext, der derzeit in vielen sozio-professionellen Bereichen angespannt ist", am eigenen Leib erfahren, nicht als ausreichend angesehen, so Colombies. Er sieht in dieser Situation eine Form von "hysterischem Blätterteig", eine Metapher für ein vielschichtiges Problem mit bitterem Beigeschmack:

Selbstmord ist nur die Spitze des Eisbergs. Wir sehen nicht, dass es auch eine Kohorte von Beamten gibt, die sehr krank und an den Grenzen ihrer Belastbarkeit sind und dennoch ihre Arbeit gut machen wollen. Angesichts dessen reagiert die Regierung nur mit vereinzelten, kosmetischen Maßnahmen, ohne eine substantielle Analyse.

Auch wenn er selbst es als "utopisch" einstuft, schlägt Colombies vor, das Verhältnis zwischen Polizei und Gesellschaft sowie zwischen Verwaltung und Polizei grundsätzlich zu überdenken. Manchmal funktioniere dies, es gebe gute Vorgesetzte, er selbst habe solche schon erlebt. Es gebe allerdings auch einige echte "Krebsgeschwüre", destruktive Menschen, die oft den Dialog zwischen der Polizei und der Verwaltung unterbrechen. "In diesen Fällen, wenn beruflicher Druck zu persönlichen Problemen hinzukommt, brechen einige Leute zusammen. Das haben wir in unserem Film gezeigt", so der Funktionär.

Die GAP-IDF [Unabhängige Organisation der Polizeikräfte in Île-de-France], die seit mehreren Jahren mit der UPNI zusammenarbeitet, um das Unbehagen und das Schweigen über Selbstmord bei der Polizei anzuprangern, drehte im März dieses Jahres einen Kurzfilm, der die Öffentlichkeit dazu einlädt, sich in die Lage eines Polizisten zu versetzen.

Am 12. März veranstalteten mehrere Polizeiverbände, darunter auch die UPNI, eine Nachtversammlung in den Straßen von Paris, um auf die Probleme aufmerksam zu machen. Trotz der Präsenz einiger Medien, darunter RT France, zweier Minderheitsgewerkschaften (VIGI und France Police) und zweier politischer Persönlichkeiten (Senator François Grosdidier und Nicolas Dupont-Aignan) reagierte die Regierung nicht auf diese neuerliche Einladung zum Dialog.

Die Minderheitsgewerkschaft Alternative Polizei-CFDT erklärte in einem Kommuniqué:

Obwohl die Gründe für die Taten [Selbstmorde, Anmerkung der Redaktion] multifaktoriell bleiben zwischen privaten Problemen und der komplizierten beruflichen Situationen, leiden Polizisten zweifellos darunter, täglich mit sozialer Armut, hierarchischem Druck und aufeinanderfolgenden Missionen ohne regelmäßige Ruhezeiten konfrontiert zu sein.

Die Organisation beklagt, dass "konkrete Maßnahmen, um die Geißel der Selbstmorde einzudämmen, sehr selten bleiben". Eine der Folgen ist, dass das französische Innenministerium zunehmend Probleme hat, Nachwuchs zu rekrutieren. Es wurde sogar eine millionenschwere Werbekampagne geschaltet, die allerdings von der UPNI unter dem Motto "Überlegen sie noch mal, bevor sie zu uns kommen" sogleich auf Facebook ins Ironische gezogen wurde:

"Katastrophale Situation": Alle vier Tage bringt sich ein französischer Polizist um

Dabei hat eine für den französischen Nachrichtensender BFMTV durchgeführte Elabe-Umfrage gezeigt, dass eine große Mehrheit der Franzosen zu ihrer Polizei steht. 74 Prozent der Befragten gaben an, ein positives Bild von der Polizei zu haben. Und 76 Prozent, erklärten, dass sie der Polizei vertrauen.

Von solchen Zustimmungswerten kann die augenblickliche Regierung höchstens träumen.

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