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Ehemaliger Zeitungsdirektor: "Journalisten kann man mieten"

Ehemaliger Zeitungsdirektor: "Journalisten kann man mieten"
Ausschnitt aus dem Titelbild des Buches "El Director", erschienen bei Libros del K.O.
David Jiménez, ehemaliger Direktor einer spanischen Tageszeitung, beschreibt in seinem Buch, wie wirtschaftliche und politische Eliten auf vielfältige Weise Einfluss auf die Presse nehmen. Was Jiménez beschreibt, hat Gültigkeit weit über Spanien hinaus.

David Jiménez war langjähriger Auslandskorrespondent für die spanische Tageszeitung El Mundo, von Mai 2015 bis Mai 2016 war er Direktor der Zeitung. Im spanischen Verlag Libros del K.O. erschien nun sein Buch "El Director" (Der Direktor), in dem er seine Kämpfe um die Unabhängigkeit der Zeitung beschreibt, die er als ihr Chef gegen das ökonomische und politische Establishment führte.

Die Onlinezeitung El Confidencial veröffentlichte am Freitag einen Auszug aus dem Buch unter dem Titel: "Einen Journalisten zu kaufen, ist nicht möglich, ihn zu mieten, darüber lässt sich reden". In ihm beschreibt Jiménez eindringlich die Praktiken von Wirtschaft und Politik, durch Geschenke, Gefälligkeiten und Druck eine genehme Berichterstattung zu erreichen.

Claas Relotius bei der Verleihung des Reemtsma Liberty Award, März 2017

Zunächst beschreibt Jiménez die kleinen Geschenke, mit denen sich Unternehmen vor der Krise Journalisten gefällig zu machen pflegten: Weinkisten, Schinken, Kaviar, Zigarren, Gratisreisen, Essen in teuren Restaurants, Kredite zu Sonderkonditionen, zur Nutzung überlassene Autos ... In einem Fall soll ein Hersteller von Elektrogeräten auf einer Pressekonferenz Fernseher verteilt haben – für jeden anwesenden Journalisten einen. Weil ein Gerät übrig blieb, ging einer der Pressevertreter mit zwei Fernsehern nach Hause.

Jiménez berichtet, wie ihm ein Ex-Aufsichtsrat der Banco Popular erklärte, dass die Bank immer bestrebt war, Wirtschaftsjournalisten zufriedenzustellen, beispielsweise mit Kreditzinsen unter Marktniveau. Tatsächlich habe die Bank über Jahrzehnte das Image der bestgeführten Bank des Landes besessen – bis sie 2017 zusammenbrach und für einen Euro notverkauft wurde.

Die Krise, so Jiménez, habe das Ende dieser Freibier-für-alle-Politik gebracht, die Gefälligkeiten hätten sich von nun an auf die "Journalisten-Aristokratie" beschränkt, ohne dadurch an Wirksamkeit zu verlieren. Jiménez beschreibt eine Kaste, die so von ihrer Bedeutung überzeugt war, dass sie von vornherein eine besondere Behandlung erwartete.

Als gängig beschreibt der frühere Direktor auch direkte Zahlungen an Journalisten, eine Art zweites Gehalt, das von Kommunikationsfirmen, Fußballklubs, Parteien oder großen Unternehmen bezahlt wurde. Telefónica habe unter seinem Vorstandsvorsitzenden César Alierta 80 der bekanntesten Journalisten Spaniens subventioniert.

Nicht weniger massiv, aber auf andere Weise nahm laut Jiménez die Politik Einfluss auf die Berichterstattung. Er berichtet vom Druck der Regierung, unbequeme Journalisten zu entlassen. Als Druckmittel dienten die Werbeaufträge öffentlicher Institutionen. Die Regierung habe auch Gesprächsrunden in Radio und Fernsehen kontrolliert. Anrufe einer Staatssekretärin, die sich über kritische Berichterstattung beschwerte und auch Beleidigungen austeilte, seien in der Redaktion legendär gewesen. Ihn selbst habe die Staatssekretärin mit "Schätzchen" angeredet.

Leidet immer öfters unter

Jiménez beschreibt, wie er versuchte, das wirtschaftliche und politische Establishment auf Distanz zu halten, und wie aussichtslos dieser Kampf letztlich war. Er erklärt, wie die "Übereinkommen" der traditionellen Presse mit den Großunternehmen die Presse gerettet habe. In einem System von Gefälligkeiten habe man für etwas mehr Geld eine positive Berichterstattung abgeliefert und schlechte Nachrichten unterdrückt.

David Jiménez beschreibt eindrucksvoll die Zustände in der spanischen Presse in den 2000er und 2010er Jahren. Doch vieles des von ihm Beschriebenen dürfte so oder ähnlich über Spanien hinaus zutreffen – auch in Deutschland. Hier sorgte Ende 2018 der Fall des Spiegel-Journalisten Claas Relotius für Aufsehen. 

Relotius hatte seine Artikel in Teilen einfach erfunden. Der Spiegel sprach davon, betrogen worden zu sein, und machte seinen vormaligen Starautor zum Sündenbock. Dabei lieferte dieser letztlich, was von ihm erwartet wurde, und war nur in der Wahl seiner literarischen Mittel freier als journalistisch erlaubt.

Das Bedienen bestimmter Erwartungen wirtschaftlicher und politischer Eliten durch die Medien und die daraus resultierende einseitige und verzerrte Berichterstattung – auch das Buch von David Jiménez verdeutlicht, dass es dabei längst nicht nur um Einzelfälle geht, sondern um ein umfassendes und generelles Problem.

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