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Interview mit Gelbwesten in Lyon: Danke Macron! Wir haben unsere Brüderlichkeit wiederentdeckt

Interview mit Gelbwesten in Lyon: Danke Macron! Wir haben unsere Brüderlichkeit wiederentdeckt
Organisatoren der Gelbwesten in Lyon im Gespräch mit RT Deutsch vor einer Maut-Station, die als "Barrikade" bezeichnet wird.
RT Deutsch hat ein Exklusivinterview mit lokalen Organisatoren der Gelbwesten in der französischen Stadt Lyon geführt. Ein Gespräch über Beweggründe ihrer Proteste, die Diversität der Bewegung und was getan werden müsste, damit Frankreich wieder zur Ruhe kommt.

Guten Tag. Können Sie sich bitte vorstellen und sagen, weshalb Sie gelbe Westen tragen und was Sie hier machen? 

Also ich heiße François, ich bin ein "Gelbwestler", bin Rentner, 69 Jahre alt und habe schon den Mai 1968 mitgemacht [die Massenproteste und Generalstreik gegen die Regierung von Charles de Gaulle]. Meine Kaufkraft schwindet zunehmend, denn die Steuern steigen und meine Rente schrumpft. Ich frage mich, wie das weitergehen soll, ich frage mich, wie das weiter gehen wird. Ich habe keine Lust, mit 70, 75 Jahren bei der "Tafel" zu landen. Nach meinen 45 Arbeitsjahren.

Ich bin Guillaume, ich bin 26 Jahre alt und Elektromechaniker. Ich bin hier, weil ich glaube, dass wir alle denselben Kampf führen, unsere Stimme wieder gefunden haben und unsere Rechte verteidigen.

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Guten Tag. Ich heiße Ischam, bin 33 Jahre alt und ich bin Handelskaufmann. Ich bin hier auf der Straße, weil ich im Geiste von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erzogen wurde. Und je älter ich wurde, umso mehr fand ich mich in einem Land wieder, in dem es keine Freiheit, keine Gleichheit gibt und in dem die Brüderlichkeit zerstört wird. Ich möchte die Macht beim Volk sehen, so dass das Volk selber entscheiden kann, was gut für das Volk ist. Ganz einfach.

Archivbild

Wie begegnen Ihnen die Autofahrer? Und wie die Behörden?

François: Also, Sie brauchen nur selbst zuzuhören. Ich glaube, dass ist kein Hupkonzert aus Ärger, die hupen aus Sympathie.

Giullaume: Sie bringen uns Getränke und Essen. Wir werden mehr und mehr unterstützt.

Ischam: Was die Behörden betrifft, so lief es bisher ohne Probleme. Sie wissen, dass wir eine friedliche, gewaltlose Bewegung sind. Aber nur, weil wir friedlich sind, heißt das nicht, dass wir nicht entschlossen sind.

Sie sind aus Lyon. Was verlangen Sie konkret von Präsident Macron in Paris und was muss die Regierung tun, um auf die Forderungen zu antworten?

François: Ganz einfach. Beginnend bei den Schwächsten, bei den Rentnern. Ich finde es einen Skandal, von den Rentnern Steuern zu erheben. Ich denke eine Erleichterung für die Rentner wäre schon ein großer Schritt vorwärts. Erstmal für die Rentner, danach für meine Kollegen.

Ischam: Die Rentner, der kleine Händler auf der Straße, die Jungunternehmer, wir Arbeiter, die Arbeitslosen, für alle. Worauf wir warten? Dass Herr Macron aufhört, Taubheit vorzutäuschen, sondern uns zuhört. Wir sind das Volk. Wir haben ihn gewählt. Ob man ihn nun selber gewählt hat oder nicht: er wurde gewählt. Das heißt, er ist unser Repräsentant, nicht etwa unser Anführer. Er hat die Werte Frankreichs zu vertreten und das, was das Volk will. Nichts anderes. Das erwarten wir von ihm. Ganz einfach.

Guillaume: Wir erleben mehr und mehr eine austauschbare Politik. Diese Leute sind alle aus der selben Hochschule. Und ich glaube daher mittlerweile, sie haben nie die Realitäten eines Arbeitsalltages kennengelernt. Und daher tun sie sich schwer damit, die Probleme des Alltags zu begreifen.

Ischam: Die sind abgekoppelt, völlig abgekoppelt von ihrer Bevölkerung.

François: Ich spreche zwar meist im Namen der Rentner, aber gut: Es sind ja hier noch Kollegen, die auch was zu sagen haben. Aber wenn die da oben glauben, dass 1.378 Euro heutzutage zum Leben ausreichen, dann haben die sich wirklich weit vom Volk entfernt, wirklich sehr weit vom Volk entfernt.

Bilder der Verwüstung aus Paris. Ein Ende der Proteste ist nicht abzusehen.

Guillaume: Ich wünschte mir auch, dass die Regierung damit aufhört, sinnlose Maßnahmen anzukündigen. 

Was denken Sie über die Ausschreitungen in Paris und anderen Großstädten, führt das zur Radikalisierung der Gelbwesten? Und wird das zum Hindernis, um die Bewegung weiterzubringen?

Guillaume: Ich meine, dass man uns grundlegende Rechte entziehen will: insbesondere das Recht zu demonstrieren. Und wenn die Staatsgewalt, anstatt dem Volk zuzuhören beim Volk die Wut weiter schürt, dann kann das leider dazu führen, dass sich viele der Leute auch radikalisieren. Aber das war und ist wirklich nicht unser Ziel.

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Ischam: Unser Problem hier mit den Medien in Frankreich ist, dass sie nur über die Ausschreitungen in Paris berichten. Sie wissen genau, was sich am besten verkaufen lässt und dass man damit die Bewegung diskreditieren kann. Frankreich ist aber überhaupt nicht nur Paris. Die Gelbwesten im ganzen übrigen Frankreich sind wie wir: friedliche Demonstranten. Alle mit den selben Forderungen. Es ist in der Tat schade, ja, es ist schade. Diese Gewalt ist schade und wir verurteilen sie. Wir sind dagegen.

François: Was es auch immer für eine Gewalttat sei, wenn Sie mir erlauben, möchte ich einen kleinen Tribut und unser Beileid für die Familien in Straßburg aussprechen. Und auch für die Angehörigen der beiden Gelbwesten, die zu Tode gekommen sind, allein für ihre Überzeugung.

Unter den Gelbwesten sieht man Männer, Frauen, Junge und Alte, Katholiken, Agnostiker, Leute von Rechts und Links, alle gemeinsam. Inwiefern passen Sie da rein?

Francois: Das alles ist spontan. Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll. Hier sind wir nun mal. Wir machen uns Luft. Die Jungen nennen mich Papi, sehen Sie, das ist alles spontan. Ich weiß nicht, wie das zustande kam, aber so kam es, und zwar dank Herrn Macron.

Guillaume: Sie haben uns die Freiheit genommen, und auch die Gleichheit. Aber die Brüderlichkeit können sie uns nicht nehmen. Wir haben alle den gleichen Kampf zu führen.

François: Genau. Die Brüderlichkeit bleibt auf jeden Fall.

Ischam: So ist es. Die wahre Demokratie, Herr Macron, ist hier. Sie ist hier unter Moslems, Katholiken, Agnostikern, unter Leuten der extremen Rechten, Leuten der extremen Linken und unter ganz "normalen" Leuten: beim Volk. Es ist das Volk, das hier steht. Demokratie kommt von Demos, Kratos ist die Macht. Die Macht dem Volke. Das werden wir nie aufgeben. Wir sind hier und wir sind Brüder. Das ist alles. Wir sind Brüder. Es ist ein Kampf und wir sind Brüder im Kampf. Das ist alles.

Die Gelbwesten fordern ja auch die Einführung der Volksinitiative und des Referendums. Denken Sie, dass diese demokratischen Elemente Wirklichkeit werden?

Ischam: Als Erstes muss man für Frankreich festhalten, dass das Volk nicht mehr ausreichend vertreten ist. Auf der Ebene des Parlaments, auf Ebene der Regierung, auf der Ebene des Senats. Somit ist die Idee der Einführung von Volksinitiativen und eines Referendums eine Sache, die uns alle, alle, alle, alle verbunden hat. Ganz einfach, weil damit die Möglichkeit besteht, dass wir dadurch die Macht wieder bekommen, so dass wir damit auf verschiedenen Ebenen wirksam werden können. Die Erhöhung des Mindesteinkommens, die Senkung der Steuern, die Reform des Rentensystems - denn die Rentner haben es satt, die Dummheiten von Behörden ausbaden zu müssen. Ganz einfach. Und, Herr Macron, für eine Sache müssen wir uns trotzdem bei Ihnen bedanken: Weil wir, Ihnen sei Dank, hier in Frankreich die Brüderlichkeit wiedergefunden haben!

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