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Im einstigen Vorzeigeland: Chancen-Ungleichheit im schwedischen Schulsystem nimmt massiv zu

Im einstigen Vorzeigeland: Chancen-Ungleichheit im schwedischen Schulsystem nimmt massiv zu
Gedenken der Opfer an der Trollhättan Schule. Ein maskierter Mann griff Schüler mit einem Schwert an. Der Angreifer handelte aus Hass gegen Ausländer, Schweden, 23. Oktober 2015.
Die schwedische Behörde für Schule und Erwachsenenbildung warnt vor wachsender Chancen-Ungleichheit an den Schulen. Kurz vor den Wahlen macht die Herkunft eines Kindes nun doch den Leistungsunterschied und die Chancen aus in einem Land, das sich rühmt, alle gleich zu machen.

Seit dem Jahr 1842 besteht in Schweden die Schulpflicht. Der Leiter der schwedischen Behörde für Schule und Erwachsenenbildung (Skolverket), Peter Fredriksson, fasst gegenüber The Local das Problem zusammen:

Wir haben Schulen mit einer hohen Konzentration von Schülern mit benachteiligtem Hintergrund, Schulen mit einer hohen Zahl von Schülern, die gerade erst angekommen sind, deren Eltern über eine Ausbildung auf niedrigem Niveau verfügen. Und wenn man eine sehr hohe Konzentration von Schülern mit diesen Herausforderungen hat, wird es schwer für die Schulen, dies auszugleichen.

Schwedische Schülerinnen feiern ihren Schulabschluss, Stockholm, 2. Juni 2009.

Schulreformen schafften Kluft innerhalb der Gesellschaft 

Frederiksson sieht es den Reformen geschuldet, dass die Lücke zwischen "verschiedenen Gruppen" gewachsen ist. Als Lösung fordert er eine Mischung aus Schülern mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen. In Schweden erhalten Kinder im Alter zwischen 6 und 15 Jahren ihre Grundausbildung auf einer gemeinsamen Schule. Die gymnasiale Ausbildung dauert drei Jahre. Die Zahl derjenigen Schüler, die sich vergangenes Jahr für das Gymnasium qualifizierten, nahm je nach Wohngebiet unterschiedlich stark ab.

In den 90er Jahren trat die Regierung die Kontrolle über die Schulen an die Kommunen ab. Die freien Schulen (Friskolor) erhielten bei Übernahme der nationalen Bildungsvorgaben staatliche Unterstützung. Im Jahr 1992 wurde es den Eltern erlaubt, selbst die Schulen für ihre Kinder auszusuchen. Die Zahlen der PISA-Ergebnisse bestätigte den Erfolg des schwedischen Schulsystems. Bei TIMSS, PIRLS und PISA erreichten die schwedischen Schüler hohe Ergebnisse. Aber der Erfolg hielt nicht lange an, und selbst die OECD schrieb, Schweden sei von "seinem Weg abgekommen".

Das schlimmste Ergebnis folgte im Jahr 2013. Die Verbesserung der Test-Ergebnisse trügt über die Kluft in der Gesellschaft hinweg. Um die Ergebnisse zu verbessern, stellte die schwedische Regierung mehr Lehrer ein, räumte mehr Lehrstunden im Bereich Mathematik ein und ergriff Initiativen für besseres Lesen. Auch mit diesen Maßnahmen jedoch lässt sich nicht die Kluft zwischen den Schülern überbrücken. In den „besonders anfälligen Gebieten“ qualifizierten sich weniger als die Hälfte der Schüler für das Gymnasium. In Norsberg, einem Problemviertel südlich von Stockholm, wurde deutlich, wie sich Lernerfolge abzeichnen, wenn sich die Schule darum bemüht, die Kriminalitätsrate zu senken. Gemeinsam mit Sozialdiensten und der Polizei setzte die Karsby-Schule ein Modell aus den USA und Schottland um. Im MVP-Program (Mentors in Violence Prevention) übernehmen ältere Schüler die Rolle von Mentoren zur Gewaltprävention. Das Programm zeigte schon nach dem ersten Jahr seine Wirkung in der Senkung der Kriminalität. Die Leistungen aber verbesserten sich erst, nachdem zwei Berater eingestellt wurden, um auch in Notsituationen zu helfen. 

Von der Anti-Einwanderungspartei

Die ESO-Expertengruppe befasste sich mit dem Vergleich zwischen Herkunft und Ergebnissen schulischer Leistungen:

Schweden hat in den letzten Jahren eine Rekordzahl von Flüchtlingskindern aufgenommen, viele im Alter zwischen 13 und 17 Jahren." Die Verfasser des Berichts kommen zu der Ansicht, "dass sich die Lücke seit dem Ende der 80er Jahre stetig vergrößert hat. Den höchsten Einfluss auf die Lehrlücke nimmt die sozio-ökonomische Situation der Eltern ein. Um diese Lücke zu schließen, braucht es Ansätze, welche sich nur an die im Ausland geborenen Kinder und deren Eltern richten.

Schlechter Verdienst für Lehrer im europäischen Vergleich

Schweden kämpft gegen den Lehrermangel. Der Beruf ist im OECD-Vergleich innerhalb der EU zu unattraktiv. Im EU-Vergleich stehen Luxemburg und Deutschland beim Lehrer-Gehalt an der Spitze. Ein Grundschullehrer erhält in Schweden als durchschnittlichen Brutto-Monatsverdienst 27.900 Schwedische Kronen (2.652 Euro), am Gymnasium sind es 30.300 Kronen (2.880 Euro). Bis zum Jahr 2031 werden in Schweden 80.000 Lehrer fehlen. Besonders in den "schwierigen" Gegenden ist es heute schon schwer, Personal zu finden. 

Weltmeister bei Bränden an Schulen 

Im letzten Jahr brannten in Schweden 667 Schulen, ein Anstieg um 50 Prozent innerhalb von zwei Jahren. Die meisten der Feuer konnten gelöscht werden. Die Feuerwehr kritisiert, dass hierüber zu wenig berichtet wird. Man werfe lediglich das Augenmerk auf Waffendelikte und Übergriffe an Schulen, aber nicht auf Brandstiftungen. 

Die Schulbildungslücke im Wahlkampf 

Die am 9. September anstehenden Riksdags-Wahlen (Reichstagswahlen) werden durch die Themen Migration und Kriminalität bestimmt. In diesem Zusammenhang wird auch die Schulbildungslücke diskutiert. Neue Ressourcen werden gefordert, um die benachteiligten Schüler besser zu integrieren. Die Anti-Einwanderungspartei der Schweden-Demokraten fordern Gegenteiliges. So soll Geld gespart und Kindern mit einem oder zwei ausländischen Elternteilen das Recht auf Unterrichtseinheiten in der Muttersprache abgesprochen werden.

Aktion der Partei

Die Regierung unter dem amtierenden Premierminister Stefan Löfven hatte gegen die Spaltung der Gesellschaft eigens eine Anti-Segregation-Behörde ins Leben gerufen, damit sich im Land keine Ghettos bilden. Schon jetzt aber sind viele Schüler bei der Jobsuche benachteiligt, wenn sie aus bestimmten Gebieten stammen. In der Kritik stehen auch nicht-staatliche, religiös geprägte Schulen, in denen Kindern andere Werte als die der schwedischen Gesellschaft gelehrt werden. Besonders, so das Argument von Politkern, nähmen diese den Mädchen die gleichen Chancen. Sie würden zu Menschen zweiter Klasse erzogen. 

Die sozialdemokratische Arbeiterpartei von Premierminister Stefan Löfven hat ein historisch schlechtes Ergebnis mit nur noch rund 24 Prozent zu erwarten. Die Moderaten schaffen derzeit knapp die 20 Prozentmarke und die Anti-Einwanderungspartei der Schweden-Demokraten könnten ein historisch gutes Ergebnis um die 20 Prozent erzielen.  

Diskutiert wird jetzt, ob das Recht, eine Schule frei zu wählen, abgeschafft werden soll, um eine bessere Mischung an Kindern aus unterschiedlichen sozialen Schichten zu schaffen. Dann könnten Eltern aus sozio-ökonomisch gut gestellten Haushalten ihre Kinder nicht mehr auf die Schule ihrer Wahl entsenden, sondern müssen auch - per Gesetz - den Schulbesuch auf einer Schule in einem der "empfindlichen Gegenden" in Kauf nehmen. 

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