Heute vor 50 Jahren: Als sowjetische Panzer den Prager Frühling niederschlugen

Heute vor 50 Jahren: Als sowjetische Panzer den Prager Frühling niederschlugen
Vor 50 Jahren marschierten Soldaten des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei ein und beendeten die Hoffnungen auf einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Doch so weit hätte es gar nicht kommen müssen. Ein Zeitzeuge aus Prag und ein DDR-Diplomat berichten.

Als die ersten sowjetischen Panzer die Grenze zur Tschechoslowakei überschreiten, reißt das Telefon Richard Seemann aus dem Schlaf. Der Journalist soll so schnell wie möglich in das Prager Funkhaus im Stadtzentrum kommen. "Als ich ins Taxi gestiegen bin, habe ich schon das Dröhnen der Flugzeuge mit den Fallschirmjägern gehört", berichtet der heute 84-Jährige.

Die Chefs der drei Siegermächte Sowjetunion, USA und Großbritannien auf der Potsdamer Konferenz: Josef Stalin, Harry S. Truman und Winston Churchill (v.l.n.r.).

Es ist der 21. August 1968. Die Staaten des Warschauer Pakts sind in das "sozialistische Bruderland" Tschechoslowakei einmarschiert, um die Reformbewegung des sogenannten Prager Frühlings zu beenden. Der Reformkommunist Alexander Dubček hatte dort in wenigen Monaten die Zensur aufgehoben, marktwirtschaftliche Wirtschaftsreformen begonnen und mit der stalinistischen Vergangenheit abgerechnet. Doch die Hoffnungen auf einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" währten nicht lang. 

In den frühen Morgenstunden sendet Seemann mit seinen Kollegen vom Auslandssender Radio Prag die Nachricht von dem Einmarsch auf Kurzwelle in vielen Sprachen in die Welt - auch auf Deutsch. Internet gibt es längst noch nicht, die Telefonleitungen sind gekappt. Dann kommen die Panzer dem Funkhaus immer näher. "Es war ein furchtbares Chaos", sagt der damalige Nachrichtenredakteur.

Eine Traube von Menschen versammelt sich vor dem Gebäude. Barrikaden werden errichtet. Ein sowjetischer Munitionswagen fängt aus ungeklärten Gründen Feuer, explodiert. Die laut Seemann überfordert wirkenden Soldaten schießen um sich.

Allein vor dem Rundfunkhaus sollten an diesem Tag 17 Menschen gestorben sein. Historiker beziffern die Zahl der von August bis Dezember 1968 getöteten Tschechen und Slowaken auf insgesamt 137.

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Seemann berichtet, wie einer der sowjetischen Offiziere in die Redaktion der deutschsprachigen Sendungen für Österreich stürmte, einen großen Stadtplan an der Wand entdeckte und fragte: "Gde Tschetka?" - wo sich also die Zentrale der Nachrichtenagentur CTK befinde, um auch diese zu besetzen. "Auf dem Stadtplan stand groß Wien, aber nicht in kyrillischen Buchstaben, sodass er es nicht lesen konnte", erklärt Seemann.

Eine halbe Million sowjetischer, polnischer, ungarischer und bulgarischer Soldaten marschierten damals insgesamt ein, nahmen die Tschechoslowakei in einen gigantischen Zangengriff und besetzten in Windeseile strategisch wichtige Punkte. Kaum jemand hatte zu diesem Zeitpunkt mit einer Invasion gerechnet.

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Viele Menschen glaubten, dass sich die Sowjetunion ein solch direktes Vorgehen vor der Weltöffentlichkeit nicht erlauben würde. Doch letztlich war in Moskau die Angst vor den Umbrüchen in Prag größer. Als Vorwand verwies man auf einen umstrittenen "Einladungsbrief" tschechoslowakischer Kommunisten.

Die DDR-Führung um Walter Ulbricht befürwortete schlussendlich den sogenannten "Schlag gegen die Konterrevolution", auch wenn, wie es der DDR-Diplomat a.D. Klaus Kukuk im Gespräch mit Sputnik darlegt, Ulbricht anfangs gegenüber den Reformüberlegungen in der ČSSR aufgeschlossen gewesen sei, wie sie in dem von Radovan Richta veröffentlichten "Richta-Report" von 1966 dargelegt worden waren.

Quelle: bstu.bund.de

Der heute 85-Jährige hat die politischen Geschehnisse vor 50 Jahren als Augen- und Ohrenzeuge aus nächster Nähe miterlebt: Als politischer Mitarbeiter des DDR-Außenministeriums und Dolmetscher für Tschechisch war er unter anderem bei den damaligen Gesprächen der DDR-Spitze mit der ČSSR und den anderen Staaten des Warschauer Vertrages dabei. Für den ehemaligen DDR-Diplomaten Kukuk ist klar:

Damals ging es um Bestand oder Untergang der sozialistischen Gesellschaftsordnung in der Tschechoslowakei. Das war Teil der Systemauseinandersetzung zwischen Sozialismus und Imperialismus.

Die Nationale Volksarmee lag mit zwei Divisionen gefechtsbereit vor der Elbe, am Ende überschritten aber keine ihrer Kampftruppen die Grenze.

Die Bevölkerung in der Tschechoslowakei stellte sich größtenteils hinter die Reformkommunisten um ZK-Generalsekretär Dubček. Auch bekannte Persönlichkeiten wie der Olympiagewinner und Langstreckenläufer Emil Zátopek verurteilten die Invasion. Doch es nützte alles nichts: Im April 1969 wurde Dubček durch Gustáv Husák ersetzt, der die euphemistisch so genannte "Normalisierung" einleitetet. Mehr als 250.000 Tschechoslowaken wählten in der Folge die Flucht ins Ausland.

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Zahlreiche Fotoausstellungen erinnern dieser Tage in Prag an das Schicksalsjahr 1968. Für Diskussionen sorgte indes, dass Tschechiens Präsident Miloš Zeman zum runden Jahrestag keine Rede hält. Er wähle das Schweigen, um seinen Freund und Kremlchef Wladimir Putin nicht zu vergraulen, kritisierte die Zeitung Hospodářské noviny.

Zeman sei mutig gewesen in einer Zeit, als Mut Opferbereitschaft erfordert habe, erwiderte sein Sprecher: "Und das ist weit wertvoller als tausend Reden nach 50 Jahren." Zeman wurde im Jahr 1970 nach Kritik an der sowjetischen Okkupation aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen.

Was im politisch heißen Sommer des Jahres 1968 passiert ist, das wissen heute viele junge Menschen nicht mehr. Eine aktuelle Umfrage der Organisation Postbellum ergab: Für 46 Prozent der Tschechen zwischen 18 und 24 Jahren ist die Sowjetinvasion eine große Unbekannte. Manche denken bei Prager Frühling zuerst an ein Festival für klassische Musik.

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Für den Journalisten Richard Seemann ist das keine Überraschung. "Wie viele von uns gibt es noch, die sich daran erinnern?", fragt er. Ebenso wie viele Kollegen, die sich damals nicht anpassen wollten, verlor er seinen Job beim Rundfunk. Bis zur demokratischen Wende von 1989 musste er seine Familie als Heizer in einem Krankenhaus und Verkäufer von Sanitärartikeln ernähren.

US-Soldaten während der Invasion der Karibikinsel Grenada 1983- Quelle: PETER CARRETTE

War der Einmarsch vermeidbar?

Zdeněk Mlynář, einer der damaligen Protagonisten des "Prager Frühlings", hat in einem Buch mit Gesprächen mit Michail Gorbatschow "Reformátoři nebývají šťastni – Dialog o perestrojce, Pražském jaru a socialismu" (2003 auf Englisch erschienen) ausdrücklich eingestanden, dass es möglich gewesen wäre, die Situation 1968 "mit einigen kosmetischen Korrekturen" zu entschärfen und den Einmarsch im August zu verhindern: "Dann hätte es keinen 'Prager Frühling' gegeben."

Der ehemalige DDR-Diplomat Kukuk sieht bis heute als Ziel des "Prager Frühlings" die Beseitigung des real existierenden Sozialismus und die Wiederherstellung von Verhältnissen wie zwischen 1945 und 1948. Deshalb seien die angeblichen Reformer in der ČSSR vor allem im Westen unterstützt worden. Die Ereignisse vor nunmehr 50 Jahren seien nicht ohne die damalige Auseinandersetzung zwischen den beiden politischen Systemen und die existentiellen Interessen der anderen sozialistischen Staaten zu verstehen, so Kukuk. Rückblickend schreibt er:

Die sozialistischen Länder konnten sich in allen Phasen des politischen, wirtschaftlichen und militärischen Kräfteverhältnisses im Kalten Krieg der Weltsysteme nur in einem politischen, wirtschaftlichen und militärischen Bündnis mit der Sowjetunion und untereinander gegen den Imperialismus behaupten und ihr alternatives Gesellschaftsprojekt zum kapitalistischen Modell entwickeln. Ein reformatorischer Alleingang nach tschechoslowakischem Muster hatte objektiv von Anfang an keine reale Chance.

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(rt deutsch/dpa)

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