Krieg im Donbass: Bombardierung ist intensiver geworden

Krieg im Donbass: Bombardierung ist intensiver geworden
Ein ukrainischer Soldat in einer zerstörten Kirche in der Stadt Pisky nahe Donezk, die an einer der Frontlinien im Donbass liegt.
Der Krieg im Donbass ist mittlerweile in sein fünftes Jahr gegangen. Zwar hat der ukrainische Präsident offiziell die sogenannte Anti-Terror-Operation gegen die eigenen Bürger beendet, doch ein Ende des Konflikts ist weiterhin nicht in Sicht.

von Zlatko Percinic

Ende April 2018 verkündete der ukrainische Präsident Petro Poroschenko nach vier Jahren das Ende der sogenannten "Anti-Terror Operation" (ATO) gegen die eigene Bevölkerung im Donbass. Damit hat er das Kommando über die militärischen Aktionen auch dem Geheimdienst SBU entzogen und dem Generalstabschef der ukrainischen Streitkräfte unterstellt. Für die Menschen im Donbass änderte sich mit dem Ende der ATO vordergründig nicht viel, abgesehen von einem neuen Namen: "Operation der Vereinten Kräfte".

So schrecklich ein Krieg auch ist, so viele Opfer er auch fordern mag, irgendwann gehört er zum Alltag und der Mensch gewöhnt sich auch daran. Jeder Krieg entwickelt seine eigene Dynamik, welche sich wiederum den Gegebenheiten vor Ort anpasst. Natürlich gibt es Ausnahmen, die meistens tödliche Konsequenzen nach sich ziehen. In den vier Jahren des Krieges im Donbass haben sich die Menschen entlang der Frontlinie den Gegebenheiten angepasst: Sie wussten, wann der Beschuss anfängt und wann er wieder aufhört, und richteten zum Beispiel ihre Tagesplanung danach aus. Nachmittags eröffneten die ukrainischen Streitkräfte und ihre "Waffenbrüder" der nationalistischen und neonazistischen Bataillone die Kampfhandlungen. Normalerweise konnte man die Uhr danach richten, dass es um etwa 16 Uhr losging. Mit einigen Unterbrechungen wurde der Beschuss bis zur ersten Stunde nach Mitternacht aufrechterhalten, danach verfiel die Nacht in eine angespannte Ruhe. Nicht selten kam es dann nochmal in den frühen Morgenstunden zu Feuergefechten.

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Einschläge von großkalibrigen Granaten in der Nähe von Gorlowka

Kiew verfolgte mit der Umstruktierung eine Eskalationsstrategie

Für die Bewohner der Dörfer und Stadtgebiete entlang der Frontlinie bedeutete dies, dass sie seit vier Jahren nur eine kleine Zeitspanne zur Verfügung hatten, um ihre Keller zu verlassen (wenn überhaupt) und wenigstens eine kleine Mütze voll Schlaf ohne Beschuss zu bekommen. Oftmals habe ich auf die Frage hin, was sie sich wünschen würden, die Antwort "ruhigen Schlaf" erhalten. An einen Frieden mit der Ukraine unter der gegenwärtigen, vom Westen unterstützten Regierung in Kiew glaubt schon längst keiner mehr. Zu viel Blut wurde bereits vergossen, zu groß ist der Schrecken, den Kiew über eine unschuldige Bevölkerung gebracht hatte, deren einziges Verbrechen es war, sich gegen den Putsch vom Februar 2014 und dessen Auswirkungen zu stemmen.

Zuerst von der ukrainischen Regierung zu Terroristen deklariert, haben die Menschen in den selbstausgerufenen Volksrepubliken von Donezk und Lugansk nach Kiews Darstellung nun den Wechsel zu einer unter "russischer Besatzung" stehenden Bevölkerung erlebt. Sie wissen ganz genau, was für ein politisches Spiel getrieben wird und dass das alles nur Vorbereitungen waren, um einen noch intensiveren Krieg rechtfertigen zu können. Leider sollten sie Recht behalten.

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Die von der NATO ausgebildete und ausgerüstete Armee der Ukraine hat mit der Übernahme des Kommandos über die "Operation der Vereinten Kräfte" umgehend klargemacht, dass die alten Regeln von unter dem ATO-Regime nicht mehr gelten. Der schwere Beschuss fand ab dem 1. Mai nicht mehr nur am späteren Nachmittag und abends statt, sondern wurde punktuell und dafür konzentriert auf den ganzen Tag und die ganze Nacht ausgeweitet. Während es unter dem ATO-Regime hauptsächlich die 82mm-Granate war, die zum Einsatz kam, waren es zumindest in den ersten Tagen des Monat Mai die großkalibrigen 122mm- und 152mm- Artilleriegeschosse, die die Erde zum Beben brachten. Insbesondere bei Gorlowka, rund 50 Kilometer nördlich von Donezk, und im Süden an strategischen Schlüsselstellen, die ich bereits im Januar besucht hatte, wurde der Beschuss massiv intensiviert. Deshalb wollte ich jetzt auch die Stellungen vor Gorlowka sehen, um mir selbst ein Bild von der Lage machen zu können.

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Besuch eines Linke-Politikers aus Sicherheitsgründen abgesagt

Eigentlich sollte auch Andreas Maurer, der Linke-Politiker, der als offizieller Gast der Donezker "Regierung" zu den Feierlichkeiten zum 11. Mai in der selbsternannten Volksrepublik weilte, nach Gorlowka und in das strategisch wichtige Dorf Zaitsewo kommen, um dort Spendengelder an eine Familie zu überreichen, die er beim Besuch im Februar kennengelernt hatte. Aus Sicherheitsgründen wurde diese Reise aber abgesagt, so dass ich mich mit meinem lokalen Kontaktmann selbst auf den Weg begab. In der Basis des Ersten Territorialen Bataillons wurden die letzten Vorkehrungen für die Fahrt zu dessen Positionen in der zweiten Verteidigungslinie getroffen, die teilweise nur 350 Meter von Stellungen der ukrainischen Streitkräfte entfernt liegen. In der ersten Kampflinie trennen die Kriegsparteien an einem bestimmten Platz in einer ehemaligen Fabrik nur 20 Meter. Dort wird um jeden Zentimeter des Gebäudes gekämpft und ein gefährliches Katz- und Maus-Spiel zwischen den jeweiligen Scharfschützen betrieben.

Es ist kurz nach 9 Uhr, als wir bei der Stellung ankommen, deren Kommandeur "Onkel Wowa", Spitzname für Wladimir, für meine Sicherheit bestimmt wurde. Für einen Austausch von Nettigkeiten bei der Begrüßung bleibt keine Zeit, da Artilleriegeschütze in der Nähe einschlagen und schweres Maschinengewehrfeuer ausbricht. Das Donnern der Artillerie, alles einschlagende Granaten, verebbte nach etwa 15 Minuten. Ich fragte "Onkel Wowa", ob es keine Reaktionen seitens seines Bataillons geben würde. Er erklärte mir, dass die Armee der Donezker Volksrepublik strikte Richtlinien in Bezug auf das Erwidern von Artilleriefeuer hat und dass die eigenen Haubitzen erst auf Befehl des Oberkommandos zum Einsatz kommen. Lediglich bei Sichtkontakt von Vorbereitungen zu einer Offensive oder Einsatz von schwerem militärischen Gerät liege die Entscheidung bei den Lokalkommandeuren, wie sie auf die Situation reagieren. Gegenwärtig gäbe es keinen Grund, auf diese sinnlosen "Provokationen" zu antworten.

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Einschlag einer großkalibrigen Granate in die Erde, ohne Explosion

Der Kommandeur bestätigt, dass sich die Lage seit dem 1. Mai verschärft und der Beschuss verdoppelt habe, was aber glücklicherweise zu keinen Opfern in den Reihen seiner Männer geführt hat. Es gäbe auch keine Nachtruhen mehr, was mir auch von Bewohnern aus der Stadt Gorlowka später bestätigt werden sollte. Die Frage, die sich allen Beteiligten stellt, ist das "Warum". Warum dieser starke Beschuss ohne Absicht, eine Offensive einzuleiten? Es gibt verschiedene Antworten auf diese Frage und vermutlich wird die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegen. Fakt ist jedoch, dass niemand etwas von einer UN-Friedensmission hält. Man hat das Vertrauen in den Westen verloren und damit auch das Vertrauen in jegliche Institutionen, die mit dem Westen assoziiert werden. Ich höre oft: "Wir wollen nicht wie das Kosovo enden" oder "Wir wollen keine Balkanisierung im Donbass".

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Keinerlei Vertrauen in den Westen oder supranationale Organisationen

Die beiden größten Sorgen rund um eine mögliche UN-Friedensmission sind die Zusammensetzung der Blauhelme und somit die Frage nach deren Neutralität und Objektivität sowie die Angst davor, dass mit Anschlägen auf die Blauhelme ein Vorwand für eine Ausweitung des Krieges konstruiert wird. Eine Stationierung der UN-Soldaten mitten in der Volksrepublik wird ebenso strikt abgelehnt; niemand will noch mehr ausländische "Spione" in ihrer Mitte haben, nachdem die OSZE-Beobachter bereits unter Generalverdacht stehen, weil es schon einige begründete Fälle für diese Annahme gab.

Es reicht schon aus, so heißt es allenthalben, dass NATO-Soldaten auf der Seite der Ukrainer stehen und beim Terror gegen die Menschen im Donbass mitmachen. Erst vor wenigen Wochen hat der französische Scharfschütze mit dem Kampfnamen "Alawata" Aufnahmen von einer US-amerikanischen Flagge auf einer ukrainischen Stellung gemacht, die aber schnell wieder heruntergeholt wurde. Ob es tatsächlich US-Soldaten - reguläre oder Söldner - waren, die sich darunter aufhielten, ist nicht bekannt. Genauso gut konnte einfach auch ein Ukrainer die US-Flagge zum Spaß oder zu Provokationszwecken gehisst haben. Im Gespräch mit mir beklagte sich "Alawata" über die "Kinder", junge Männer von 18 oder 19 Jahre, die gerade der Rechte Sektor an die Front schickt und die ihr Leben für eine verdrehte Ideologie lassen müssen. Aber auch der Einsatz von Chemikalien, die in Kapselform mit einer unbekannten braunen Substanz versehen zum ersten Mal am 9. Mai auf die Positionen der DVR-Soldaten niedergingen, bereitet ihnen große Sorgen. Die ersten bemerkbaren Symptome waren Übelkeit und Kopfschmerzen, Proben wurden der OSZE übergeben.

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Todesopfer in Zaitsewo

Wie gefährlich die Situation in Zaitsewo tatsächlich ist und weshalb die Reise des deutschen Linke-Politiker Andreas Maurer aus Sicherheitsgründen abgesagt wurde, zeigte sich am Tag des geplanten Besuches. Dutzende großkalibrige Granaten gingen auf das Frontdorf herunter und zerstörten allein an diesem Tag, dem 10. Mai 2018, zwei Häuser. Sie forderten auch ein Todesopfer. Die Menschen, die wir dort angetroffen haben, haben eine schon fast fatalistische Einstellung eingenommen. Sie sind des Krieges müde, des Kampfs ums Überleben und der kriegsbedingten Zustände wie des Fehlens von Gas und Wasser. Sie wünschen sich, dass die "ukrainischen Soldaten einfach abziehen und nach Hause zu ihren Frauen, Müttern und Kindern gehen und uns in Ruhe leben lassen", so die Bürgermeisterin des Dorfes.

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Zaitsewo am 10.5.18

Um das Treffen mit der Familie aus Zaitsewo doch noch realisieren zu können, der Maurer im Februar seine Hilfe zugesichert hatte, lud das Außenministerium der DVR kurzerhand die Familie samt Bürgermeisterin Irina Dikun nach Donezk ein. Auch der deutsche Linke-Politiker hatte noch einen Gast mitgebracht, Johannes Ehret, der ebenfalls Spenden in Deutschland gesammelt hatte und diese der Familie persönlich überreichen wollte. Schon bei der Begrüßung konnte man spüren, weshalb die Bürgermeisterin als "Bürgerin des Jahres" ausgezeichnet wurde: Sie strahlte eine so tiefe Anteilnahme und Wärme aus, dass es schon fast an mütterliche Liebe erinnerte. Sie lebt für das Dorf und die Menschen darin und kümmert sich persönlich um alles. Egal ob Bürgermeisterin, Mutter, Pflegerin oder Hebamme: Wenn sie gebraucht wird, dann ist sie für alle da. Wie sehr sie mit Zaitsewo verbunden ist, zeigte sich in den zahlreichen Anrufen, die sie während unseres Treffens erhielt und in denen Anrufer ihr von schwerem Beschuss berichteten.

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