Arbeitskampf bei Air France: Empfindliche Schlappe für das Management

Arbeitskampf bei Air France: Empfindliche Schlappe für das Management
Der Chef ist abgesprungen, das Betriebsklima so schlecht wie nie, der Aktienkurs rutscht in den Keller: Bei der Air France läuft zur Zeit nichts.
Frankreich hat die Lust am Arbeitskampf wieder. Der Selbstfaller des Air-France-Chefs Jean-Marc Janaillac, der sein persönliches Schicksal an das Ergebnis einer Abstimmung band und prompt verlor, zeigt, wie tief der Unmut über EU-diktierte Sparzwänge sitzt.  

von Pierre Lévy, Paris

Am 9. Mai hat der Chef von Air France vor dem Aufsichtsrat des Konzerns seinen Rücktritt bestätigt. Es war das Ergebnis eines riskanten Spiels. Denn eigentlich hatte Jean-Marc Janaillac, der scheidende CEO der französischen Airline, das Personal in Reaktion auf die in den letzten Wochen durchgeführten Streiks erpressen wollen. Für die soziale Landschaft in Frankreich handelt es sich hier um ein einschneidendes Ereignis.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bekam am 10. Mai in Aachen den Karlspreis verliehen.  Macron ist für seine Verdienste um die europäische Einigung ausgezeichnet worden.

Die Arbeitnehmer wurden zu den Gehaltsvorschlägen des Managements befragt: Diese sahen eine Erhöhung um zwei Prozent vor, bei der die in den letzten Jahren erlittenen Kaufkraftverluste unberücksichtigt blieben. Dagegen stand eine Forderung von sieben Prozent, die von zehn Gewerkschaften, darunter auch der Pilotengewerkschaften, erhoben wurde. Ihr zuletzt unterbreitetes Kompromissangebot von fünf Prozent hat Herr Janaillac abgelehnt. Er hatte gehofft, seinen Standpunkt durchsetzen zu können und dem Personal deshalb das Arbeitgeberangebot zusammen mit der Androhung unterbreitet, dass er im Fall einer negativen Abstimmung zurücktreten werde.

Air-France-Abstimmung bringt Major Upset gegen "alternativlosen" Wahlvorschlag

Die meisten Beobachter hegten über den Ausgang dieser Abstimmung keine Zweifel: Die sogenannte "Entweder ich oder das Chaos"-Strategie, ins Spiel gebracht bei einem Unternehmen, das gerade im Begriff war, sich aus einer erheblichen Schieflage zu erholen, konnte die Arbeitnehmer nur einschüchtern. Ihre Forderungen, so hieß, würden zudem nur bei einer Minderheit Rückhalt genießen.

So kam das Ergebnis am 4. Mai wie ein Paukenschlag: 55,4 Prozent der 47.000 Arbeitnehmer haben bei der mit einer hohen Beteiligung von 80 Prozent durchgeführten Befragung mit Nein gestimmt. Diese kleinere und doch folgenschwere Fassung des Brexit- und Trump-Moments von 2016 hat den Air-France-Chef vollkommen auf dem falschen Fuß erwischt. Er erklärte daraufhin seinen Rücktritt. Sein Nachfolger wird in den kommenden Wochen ernannt. Dieser wird sich wahrscheinlich einem den Arbeitnehmerforderungen geneigteren Kräftemessen stellen und auf neue Streikankündigungen gefasst sein müssen.

Dieses einzigartige Ereignis geht weit über einen "klassischen" Arbeitskonflikt hinaus. Zunächst deshalb, weil Gewerkschaften und Angestellte es geschafft haben, die bei Air France sonst gewohnten Widersprüche zwischen den verschiedenen Mitarbeiterkategorien wie Piloten, Flugpersonal, Bodenpersonal und Verwaltungsangestellten zu überwinden.

"Teile und herrsche" schlug fehl

Das Management hatte vor allem über einen Schachzug versucht, die Piloten von den anderen Personalkategorien abzuspalten. Es versprach diesen einige Zugeständnisse und verlangte von den anderen Mitarbeitern, weiterhin Opfer zu bringen. Die Hauptgewerkschaft der Flugkapitäne hat eine solche Spaltung jedoch abgelehnt.

Emmanuel Macron, in Abidjan, Elfenbeinküste, 30. November 2017.

Doch auch weit über Air France hinaus - an der die staatlichen Anteile nach mehreren Privatisierungsmaßnahmen nur noch bei unter 15 Prozent liegen - dürfte dieser mehrheitliche Beschluss in einem symbolträchtigen Unternehmen zahlreichen Arbeitnehmern Mut machen, sich vielleicht in der Zukunft für Gehalts- oder andere Forderungen mobilisieren zu lassen. Die erzürnte Reaktion mehrerer französischer Minister unterstreicht das. Das Gefühl, dass Arbeitskämpfe unvermeidlich nur von Minderheiten unterstützt werden und zum Scheitern verurteilt sind, könnte wohl zutiefst erschüttert sein.

Jeder denkt insbesondere auch an die Mobilmachung der französischen Eisenbahner, die seit April alle fünf Tage zweitägige Streiks organisieren, um die von der Regierung vorgesehene Bahnreform zum Scheitern zu bringen. Durch diese soll im Schienenverkehr hauptsächlich der Wettbewerb - und damit die Privatwirtschaft - eingeführt und somit das Prinzip einer öffentlichen Dienstleistung für das Allgemeininteresse abgeschafft werden.

Rückschlag für Musterschüler Macron

Im Übrigen stellt diese Reform die Umsetzung des von der Europäischen Union vorgegebenen "vierten Eisenbahnpaketes" dar – und ist damit aus Brüsseler Sicht Pflicht. Emmanuel Macron liegt auch in diesem Punkt daran, sich als "guter Schüler Europas" zu beweisen, insbesondere in den Augen von Angela Merkel.

Die EU hatte zuvor bereits eine Deregulierung der Luftfahrt verordnet - einer der ersten Sektoren, die von den diesbezüglichen Plänen betroffen waren. Zur großen Freude von Ryanair und Konsorten. Und zulasten nationaler Fluglinien wie Air France.

Im Bereich der Deregulierung des Verkehrs, aber auch in vielen anderen – Sparpolitik, Abschaffung des Arbeitsrechts usw. – kann es niemals schaden, auszumachen, wer und wo ihre Gegner sind.

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