Je giftiger, desto russischer: Was haben die Vergiftungen von Juschtschenko und Skripal gemeinsam?

Je giftiger, desto russischer: Was haben die Vergiftungen von Juschtschenko und Skripal gemeinsam?
Der Triumphator der "Orangenen Revolution" Wiktor Juschtschenko am Tag seines Sieges im dritten Wahlgang der Präsidentschaftswahl am 24. Dezember 2004
Man hat es beinahe vergessen: Der ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko war einst auch Opfer einer angeblich russischen Vergiftung. So wenigstens stellen es die Westmedien bis heute dar. Dabei wurden alle Ermittlungen in diesem Fall längst eingestellt.

In der jüngsten Geschichte gab es eine Reihe recht exotischer Vergiftungen, deren Spur angeblich nach Russland führt. Die Erkrankung des damaligen ukrainischen Präsidentschaftskandidaten Wiktor Juschtschenko gehört zu den prominentesten von ihnen. Eine plötzliche Erkrankung ließ ihn im September 2004 für mehrere Wochen von der Bildfläche verschwinden.

Anfang Oktober meldete sich Juschtschenko mit entstelltem Gesicht und einer Anschuldigung zurück. Der Machthaber Kutschma soll versucht haben, ihn mit dem Gift Dioxin zu beseitigen. Dieser hat damals Wiktor Janukowisch unterstützt. Russlands Präsident Wladimir Putin warb auch für Janukowitsch. Die russische Spur war damit gelegt.

Das Märtyrerimage Juschtschenkos und die rufschädigenden Spekulationen über seine Gegner halfen, die Stimmung im Land im Zuge der sogenannten "Orangenen Revolution" zugunsten Juschtschenkos zu kippen. Eine entscheidende Rolle spielten dabei jedoch die Straßenproteste, die von zahlreichen westlich finanzierten NGOs organisiert wurden. Politisch hat die mutmaßliche Vergiftung Juschtschenko auf jeden Fall genutzt. Im Dezember hat man in einer in den USA durchgeführten Analyse bei ihm eine extrem hohe Menge von Dioxin festgestellt, was die Version einer Vergiftung stützte. Ende Dezember gewann Juschtschenko im dritten Wahlgang die Präsidentschaftswahl.

Ausgerechnet während seiner Präsidentschaft hat der ukrainische Ultranationalismus durch den Einzug in Parlamente und die Würdigung seiner Leitfiguren entscheidenden Aufschwung in der gesellschaftlichen Legitimierung genommen. Man könnte auch annehmen, dass die Version einer Vergiftung gerade während der Amtszeit von Juschtschenko juristisch verfolgt worden wäre. Die jahrelangen Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft und eine spezielle Parlamentskommission versandeten jedoch und wurden im Jahre 2012 eingestellt. Infolge mehrerer chirurgischer Eingriffe und langer Behandlungen konnte Juschtschenkos früheres Äußere wiederhergestellt werden.

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Auch das Dioxin in seinem Blut baute sich schnell ab. Das behaupteten die Ärzte der Anstalt Empa in der Schweiz und in der Klinik Rudolfinerhaus in Österreich, die die Analyse und Behandlung Juschtschenkos durchgeführt haben. Die Rada-Kommission, die mit der Ermittlung des Falls betraut war, ist jedoch zu dem Schluss gekommen, dass die angebliche Vergiftung von Juschtschenko vorgetäuscht wurde und die Akneerscheinungen in seinem Gesicht auf Alkoholkonsum während einer medizinischen Gesichtsbehandlung zurückzuführen waren. Juschtschenko sei niemals zur Blutabnahme in der Ukraine erschienen, und seine Blutwerte seien vermutlich durch Zugabe einer hohen Dioxin-Dosis im Ausland manipuliert worden. 

Das bestätigte auch der ehemalige Leiter der Untersuchungskommission Wladimir Siwkowitsch gegenüber der russischen Nachrichtenagentur RIA Nowosti. Alle im Umfeld Juschtschenkos wüssten, dass die Vergiftung ein Fake gewesen sei, weshalb er auch seine Version juristisch selbst während seiner Amtszeit nicht habe durchsetzen können.

Die wichtigste Schlussfolgerung unserer Arbeit war, dass jegliche Beweise für eine vorsätzliche Vergiftung fehlen. Es gab weder Verdächtige noch Verurteilte. Die ganze Geschichte mit der Vergiftung ist eine politische PR-Kampagne", sagte Siwkowitsch. 

Juschtschenko warnt vor "mittelalterlichem" Russland

Diese Story sei nach dem Wahlsieg sein schwacher Punkt gewesen, seine Achillesferse, womit man ihn habe unter Druck setzen können. Deswegen sei im Endeffekt mit den Ermittlern eine Abmachung getroffen worden, wonach sie die Ermittlung einfrieren und die Juschtschenko-Vertrauten eine PR-Kampagne zur Vergiftung einstellen, so Siwkowitsch.

Insgesamt kursierten zwischenzeitlich bis zu neun Versionen der Vergiftung beziehungsweise der Krankheit Juschtschenkos. Doch keine dieser Versionen fand in der westlichen Presse Widerhall, bis auf eine – die angeblich nach Russland führen soll. Im Zuge der sogenannten Skripal-Affäre sprach der britische Sender BBC noch mal mit dem Ex-Präsidenten der Ukraine und fragte ihn, ob er denke, dass Kreml-Chef Putin seine Vergiftung in Auftrag gegeben habe. Juschtschenko antwortete ausweichend: "Ich kenne die Antwort, aber ich kann sie nicht aussprechen."

Doch bereits im nächsten Satz warnte er die Europäer vor Russland. Europa solle endlich realisieren, "dass die größte Herausforderung für ihre Bürger die mittelalterliche Politik ist, die Russland im 21. Jahrhundert noch verfolgt". Die vermeintlichen "Opfer" Russlands haben im Westen wieder Hochkonjunktur.

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